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Gesundheitssystem
Ein kluger Lotse ist kein Wächter – Warum das Primärarztsystem überfällig ist

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2 min
Patient und Ärztin im Gespräch

Kaum ein Patient besucht seinen Arzt so häufig wie der deutsche.

Wer die ambulante Versorgung reformieren will, kommt an zwei Dingen nicht vorbei: einer klugen Patientensteuerung – und der Frage, warum so viele Deutsche überhaupt so oft krank werden.

Die Zahlen sind erschreckend und seit Jahren bekannt. Kaum ein Patient besucht seinen Arzt so häufig wie der deutsche. Rund zehn Mal pro Jahr – das ist kein Ausdruck von Hypochondrie, sondern das Ergebnis eines Systems, das den Weg zum Facharzt so offen hält wie eine Einkaufspassage am Samstagnachmittag. Jeder darf rein, jederzeit, zu fast jedem Anbieter. Das Ergebnis: Gedränge, Erschöpfung, am Ende findet kaum jemand das, was er gesucht hat.

Karl-Josef Laumanns Vorstoß, dieser Logik mit einem verbindlichen Primärarztsystem zu begegnen, ist deshalb richtig – und überfällig. Wer das als Bevormundung versteht, irrt. Denn wer ohne medizinisches Vorwissen zwischen Kardiologe, Internist und Allgemeinmediziner wählen muss, der bekommt am Ende keine Freiheit, sondern Orientierungslosigkeit. Ein kluger Lotse ist deshalb kein Wächter – er ist ein Helfer.

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen, geboren 1978, ist Chefreporterin Story/NRW. Nach der Geburt ihres ersten Kindes begann sie 2005 als Feste Freie beim Kölner Stadt-Anzeiger. Später war sie Online-Redakteurin und leitet...

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Doch wer ein striktes Primärarztsystem einführt, übernimmt damit auch eine Bringschuld. Ein Modell, das den Patienten an der Eingangstür aufhält, demjenigen, der akut Hilfe braucht, dann aber keinen schnellen Durchgang an die richtige Adresse garantiert, wäre kein Fortschritt – es wäre eine Zumutung. Wochenlange Wartezeiten auf den dringend nötigen Facharzttermin müssten dann der Vergangenheit angehören. Das erfordert smarte Lotsenregelungen, eine konsequente Digitalisierung, die Befunde endlich sicher und schnell dorthin schickt, wo sie gebraucht werden – und einen entschlossenen Ausbau der Telemedizin, gerade für die Regionen, in denen der nächste Facharzt nicht um die Ecke sitzt.

Der günstigste Patient ist derjenige, der gar keinen Arzt braucht

Ein wichtiger Hebel für eine effektivere Versorgung bleibt in Laumanns Papier ein blasser Nebensatz: die Prävention. Dabei ist die strukturell ehrlichste Antwort auf ein überlastetes Gesundheitssystem nicht nur die klügere Steuerung kranker Menschen – sondern die konsequente Investition darin, dass weniger Menschen krank werden.

Ob Kassen Sportprogramme und Ernährungsberatung subventionieren, darf nicht mehr in deren Ermessensspielraum liegen. Der übermäßige Konsum von Zucker, Nikotin und Alkohol muss staatlich reguliert werden. Andere europäische Länder haben das erfolgreich vorgemacht. Das ist nicht nur sozialpolitisch geboten, sondern nützt auch dem Haushalt. Denn der günstigste Patient ist derjenige, der so gesund ist, dass er gar keinen Arzt braucht.