Feuer, Überfälle, Schusswechsel: Der Tod des Drogenbosses „El Mencho“ löst in Mexiko eine Welle der Gewalt aus.
Narco-Gangs schlagen zurückMexikos Regierung macht Schluss mit Kuschelkurs gegen Drogenkartelle

Brennender Lkw bei Acatlan de Juarez. Mexikanische Drogenkartelle schlagen nach dem Tod von „El Mencho“ zurück.
Copyright: afp
Durch die Abflughalle des Flughafens in Guadalajara hallen verzweifelte Schreie. Menschen laufen genau dort in Panik wild umher, wo in knapp 100 Tagen die Fans aus aller Welt zu den Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft erwartet werden. Aufgeschreckt durch eine Mischung aus Gerüchten und tatsächlicher Bedrohung, versuchen sie sich in Sicherheit zu bringen.
Draußen in der Stadt zünden Bandenmitglieder des Drogenkartells „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) Tankstellen an, in Puerto Vallarta an der Pazifikküste gehen Supermärkte in Flammen auf. Zuvor schleuderten die Narco-Gangs Brandsätze in die Läden. In der Stadt Nayarit an der Pazifik-Küste geben Kartelle per Mund-zu-Mund-Propaganda die Warnung weiter, dass in der Nacht keine Rücksicht auf Zivilisten genommen werden könne - und die Menschen deswegen ihre Unterkünfte nicht verlassen sollten.
Auslöser der Gewaltausbrüche ist eine spektakuläre Polizeiaktion, bei der Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“, von den Sicherheitskräften tödlich verletzt wurde. Mit ihm starben mindestens sechs weitere ranghohe Gangmitglieder. „El Mencho“ gilt als Kopf des milliardenschweren Drogenkartells CJNG, das im Bundesstaat Jalisco seine Machtbasis hat.
Alles zum Thema Römisch-katholische Kirche
- Deutscher Lehrkräftepreis „Agiler Führungsstil“ – Kölner Schulleitung ausgezeichnet
- Bekannter Kirchenmusiker Trauer um Donatus Haus in Erftstadt
- Kunstmarkt Meisterwerke im Fegefeuer der Eitelkeiten
- Narco-Gangs schlagen zurück Mexikos Regierung macht Schluss mit Kuschelkurs gegen Drogenkartelle
- Kalenderblatt Was geschah am 23. Februar?
- Friedhöfe in Leverkusen Auf dem Birkenberg steht ein Freilichtmuseum für Wilhelm Völker
- Nach 800 Jahren in der Erde Assisi zeigt erstmals Gebeine des Heiligen Franziskus
Über einigen Städten stehen Rauchsäulen, weil mit brennenden Autoreifen Blockaden errichtet werden. Ein deutscher Unternehmer, der nicht namentlich genannt werden möchte, berichtete im Gespräch mit dieser Zeitung, einer seiner Transporte sei überfallen worden. Zum Glück sei dem Fahrer nichts passiert, die Ware sei in Flammen aufgegangen. Die spektakulären Bilder von ausgebrannten Bussen schmücken da bereits die Titelseiten der Online-Portale weltweit. Und international steht die Frage im Raum, die in den nächsten Tagen die Debatte bestimmen wird. Und hier soll bald WM-Fußball gespielt werden?
Ab Mitte Juni sollen in Mexiko 13 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden. Unter anderem tragen Gastgeber Mexiko, aber auch Europameister Spanien Spiele in Guadalajara aus. Der Spielort ist die Hauptstadt der Unruheprovinz Jalisco.
Die Frage nach der Sicherheit bei der WM ist ein Aspekt, der vor allem international interessiert. Eine ganz andere Frage ist dagegen der politische Kurswechsel der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum. Die Linkspolitikerin hat 2024 von ihrem Parteifreund und Vorgänger Andres Manuel Lopez Obrador ein schweres Erbe übernommen. Dessen Anti-Drogenkartell-Politik folgte dem am Ende desaströsen Motto „Umarmungen statt Schüsse“.
Verheerende Bilanz der bisherigen Drogenpolitik
Besonders im Gedächtnis haften blieb ein Handschlag von Lopez Obrador mit der Mutter des legendären Drogenbarons „El Chapo“ Guzman, den Beobachter symbolisch als Waffenstillstand der Regierung gegenüber den Kartellen werteten. Am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit stand eine verheerende Bilanz: Mit 200.000 Gewalttoten wurden in keiner anderen mexikanischen Präsidentschaft zuvor so viele Menschen ermordet. Angesichts dieser Zahl hatte - nördlich der mexikanischen Grenze - Donald Trump leichtes Spiel, im Wahlkampf 2024 Stimmung gegen Mexiko zu machen.
Trump kokettierte immer wieder mit einem bewaffneten Eingreifen von US-Truppen auf mexikanischem Gebiet. Dazu fehlt allerdings die rechtliche Grundlage. „Das wird nicht passieren“, versicherte Mexikos Präsidentin Sheinbaum gebetsmühlenartig. Und sie legte sogar noch nach. Eine Rückkehr zum Krieg gegen die Drogen ist keine Option“, sagte Sheinbaum vor wenigen Wochen. Dieser Krieg läge außerhalb des Gesetzes, denn das sei eine Erlaubnis ohne Gerichtsverfahren zu töten. Und damit seien in Mexiko nur sehr wenige einverstanden. Es sei eine Politik, die letztlich zum Faschismus führe. Tatsächlich aber gab der mexikanische Senat zuletzt immer wieder grünes Licht für Begehren der US-Regierung und gestand den US-Sicherheitskräften und Drogenfahndern Kompetenzen und Befugnisse zu, die noch unter Lopez Obrador undenkbar schienen.
Enge Kooperation mit den USA
Sheinbaum stand vom Beginn ihrer Amtszeit an vor dem Problem, einerseits ihren Vorgänger und Mentor nicht mit einem allzu forschen und frühen Kurswechsel zu brüskieren, andererseits aber auch mit der Regierung von US-Präsident Donald Trump kooperieren zu wollen. Längst hatte Sheinbaum erkannt, dass ein Politikwechsel nötig ist, um die Probleme mit den Kartellen in den Griff zu bekommen.
Dass sich das Weiße Haus nun offensiv zu seiner Unterstützung bei der Militäroperation in Jalisco bekennt, ist deshalb aus zweierlei Gründen für die Zukunft entscheidend: Nun wissen die Kartelle, dass die US-Kräfte so eng mit den Mexikanern kooperieren, wie wohl noch nie - und dazu auch nachrichtendienstliche Erkenntnisse liefern. Und zweitens, dass die mexikanische Regierung inzwischen zu Militäraktionen gegen die führenden Köpfe der Kartelle bereit und in der Lage ist.

Acatlan de Juarez: Ein Auto fährt an einem ausgebrannten Lastwagen vorbei, der von Drogenkartellen in Brand gesetzt wurde.
Copyright: afp
Die Kartelle allerdings sind selbst militärisch extrem hochgerüstet. Sie investieren die hohen Gewinne aus dem Drogenhandel in die eigene Bewaffnung. Die Mexikaner werfen den USA daher vor, zu wenig gegen den illegalen Waffenschmuggel aus den Vereinigten Staaten in Richtung Süden zu unternehmen. Für die US-Waffenindustrie ist das ein großes Geschäft. Weshalb die Kartelle teilweise über bessere Waffen verfügen als die mexikanischen Sicherheitskräfte. Mit der Bereitstellung von Geheimdienstinformationen aus den USA könnten sich diese Nachteile der Regierung allerdings ausgleichen lassen.
„Von großer Bedeutung ist, ob Machtkämpfe innerhalb des Kartells um die Führung ausbrechen, die eine Zunahme der Gewalt auslösen könnten“, sagt Sicherheitsexpertin Katharina Krawkow von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Mexiko-Stadt im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Krakow untersucht seit Jahren die organisierte Kriminalität und erlebte die Unruhen in der Provinz Jalisco hautnah mit.
Machtkämpfe um Territorien der Kartelle
In Sinaloa etwa habe es 2023 nach der Auslieferung von Kartellboss und Ausbrecherkönig „El Chapo“ in die USA Kämpfe gegeben. „Es gilt ist abzuwarten, ob sich weitere Kartelle, insbesondere das Kartell Sinaloa, dessen Territorium direkt nördlich von dem der CJNG liege, in den Konflikt einmischen wird, um Territorium und Einfluss zu gewinnen oder um gemeinsame oder koordinierte Schläge gegen die Regierung vorzunehmen“, so Krawkow. „Die Kartelle sind hervorragend militärisch ausgestattet. Die CJNG verfügt über Panzer, Raketenwerfer, die fähig sind Flugzeuge abzuschießen, Helikopter und Waffen in großem Umfang. Auch die Personalstärke ist groß. Voraussetzungen für langfristige und heftige Auseinandersetzungen, die großen Schaden anrichten können, sind also gegeben“, sagt Krakow. Ob es die Kartelle allerdings darauf anlegen, bleibe abzuwarten.
Nicht nur die Gewalt wirft im Vorfeld der WM Fragen auf. Während im Rest der Welt über einen möglichen WM-Boykott der Spiele in den USA als Antwort auf die aggressive Politik von US-Präsident Donald Trump diskutiert wird, nehmen die Proteste in Mexiko selbst zu. Vertreter indigener Organisationen aus dem Bundesstaat Guerrero haben angekündigt, während der WM zu demonstrieren: „Dutzende von Nahua-Dörfern und -Gemeinden aus der Montaña Baja werden unseren Kampf im Juni zur Fußball-Weltmeisterschaft tragen, damit die Welt von der Ungerechtigkeit, Vernachlässigung und Kriminalisierung erfährt, unter der wir in unserem Bundesstaat leiden“, hieß es. Auch Organisationen, die sich um das Schicksal Zehntausender spurlos verschwundener Menschen in Mexiko kümmern, wollen die Weltmeisterschaften nutzen, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.
Noch am Abend meldete sich auch die katholische Kirche zu Wort. „Wir sind uns der schwierigen Zeiten bewusst, denen wir als Gesellschaft gegenüberstehen“, hieß es in einer Stellungnahme von Kardinal Carlos Aguiar Retes.

