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Selenskyj warnt vor SzenarioUkraine bombt Putin in historische Ölkrise – die Wut in Russland wächst

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Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

Die jüngste ukrainische Angriffsserie hat Auswirkungen auf Russlands Wirtschaft. Auch an der Front muss Moskau Rückschläge hinnehmen.

Die ukrainische Armee hat erneut die russische Ölwirtschaft mit Angriffen ins Visier genommen. Bei einer großen Angriffswelle mit hunderten Drohnen wurde am Mittwoch zunächst der wichtige russische Ostseehafen Ust-Luga zum Ziel. In der Nacht auf Donnerstag folgten dann weitere Schläge in der Region Leningrad. Nach Angaben ukrainischer Medien wurde dabei auch eine der größten russischen Raffinerien angegriffen.

Die jüngste ukrainische Angriffsserie hat offenbar spürbare Auswirkungen auf Russlands Wirtschaft. Um mindestens 40 Prozent sind Moskaus Öl-Exporte durch die erfolgreichen ukrainischen Schläge eingebrochen, schätzen Experten. Das geht aus Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters auf Basis von Marktdaten hervor. Demnach belaufen sich die Ausfälle auf rund zwei Millionen Barrel pro Tag.

Angriffe sorgen für historische Unterbrechung der Öllieferungen

Es handelt sich der Analyse zufolge um die umfangreichste Unterbrechung der Öllieferungen in der jüngeren Geschichte Russlands, des weltweit zweitgrößten Ölexporteurs. Die Ölförderung ist eine der Haupteinnahmequellen für den Staatshaushalt und von zentraler Bedeutung für die Wirtschaft des Landes.

Die Ukraine hat im März ihre Drohnenangriffe auf die Ölinfrastruktur verstärkt und dabei die drei wichtigsten westlichen Exporthäfen Noworossijsk am Schwarzen Meer sowie Primorsk und Ust-Luga an der Ostsee getroffen. Das Terminal in Noworossijsk, das bis zu 700000 Barrel pro Tag abfertigen kann, verlädt seit einem schweren ukrainischen Drohnenangriff Anfang des Monats weniger Öl als geplant.

Ebenfalls schmerzhaft für Russland ist der Ausfall der Druschba-Pipeline, die teils durch die Ukraine führt. Nach ukrainischer Darstellung ist ein Teil der Röhre Ende Januar durch russische Angriffe beschädigt worden. Neben den Drohnenangriffen drosseln Beschlagnahmungen von Tankern der sogenannten Schattenflotte den Export von russischem Öl. Darunter versteht man Schiffe, die offiziell unter anderer Flagge fahren, aber heimlich russisches Öl transportieren.

Kriegsblogger verschärfen Kritik an russischer Armeeführung

Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch muss Moskau zuletzt Rückschläge hinnehmen – und bekommt dafür auch von russischen Kriegsbloggern scharfe Kritik zu hören. Nachdem bereits in der Vorwoche mit Ilja Remeslo ein vorheriger Kremlunterstützer sich mit einem viel beachteten Telegram-Beitrag gegen Kremlchef Putin und die russische Regierung ausgesprochen hatte, gibt es auch in dieser Woche scharfe Kritik an der russischen Militärführung.

Kremlchef Wladimir Putin betrachtet eine Militärparade in Moskau. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin betrachtet eine Militärparade in Moskau. (Archivbild)

Die russische Armee leide an „zahlreichen Problemen, die sie an strategischen Erfolgen hindern“, schrieb ein populärer Kriegsblogger nun bei Telegram, wie das amerikanische Institut für Kriegsstudien berichtet. Der Kriegsblogger sei zu dem Schluss gekommen, dass die russischen Streitkräfte „etwa 100 Jahre benötigen, um den Rest der Ukraine einzunehmen“, berichten die US-Analysten in ihrem aktuellen Lagebericht.

Damit entspricht die Vorhersage des russischen Militärbeobachters bereits bekannten westlichen Prognosen. Gemessen am bisherigen Fortschritt der russischen Armee werde Russland noch rund 87 Jahre benötigen, um die gesamte Ukraine einzunehmen; das hatte auch das amerikanische Institut für Kriegsstudien bereits berechnet. 

158 Gefechte entlang der Frontlinie allein am Mittwoch

Die Gefechte entlang der Frontlinie in der Ostukraine laufen unterdessen weiter. Allein am Mittwoch sei es zu 158 Auseinandersetzungen zwischen den ukrainischen Truppen und russischen Angreifern an der Front gekommen, berichtete der ukrainische Generalstab am Donnerstagmorgen. 

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj äußerte sich zur Lage an der Front. „Historisch gesehen sind die Russen zu hundert Prozent auf der Verliererseite“, schrieb Selenskyj am Donnerstag auf der Plattform X. „Derzeit erleiden sie erschreckend hohe Verluste – 30.000 bis 35.000 Menschen pro Monat“, fügte der ukrainische Staatschef hinzu.

„Russland kann mit der Mobilmachung und der Anwerbung von Vertragssoldaten nicht Schritt halten und schon gar nicht mit der Ausbildung seiner Truppen. Werden sie sich zu einer umfassenden Mobilmachung entschließen? Das kann ich nicht sagen. Bislang haben sie sich gescheut, solche Schritte zu unternehmen“, schrieb Selenskyj weiter. 

Selenskyj warnt vor Putin: „Er wird sich ein kleines Land aussuchen“

Dass es in Moskau ein Interesse an Frieden gibt, bezweifelte Selenskyj unterdessen – und warnte vor einer Ausdehnung des Krieges auf weitere Länder. „Die Russen haben die kriegsbefürwortende Stimmung im eigenen Land derart angeheizt, dass der Krieg weitergehen wird, wenn wir Putin jetzt nicht stoppen“, erklärte Selenskyj. „Er wird sich irgendein kleines Land aussuchen. Er braucht das. Er hat die Kriegswirtschaft angekurbelt und die Russen radikalisiert.“

Rund ein Viertel der jungen Menschen in Russland wollten die Ukraine und Europa zerstören, führte der ukrainische Staatschef aus. „Sie wollen den sowjetischen Einfluss wiederherstellen und die Idee der Zerstörung der NATO wiederbeleben. Das wird nicht einfach verschwinden.“

Daher müsse Putin sich zwischen einer „Spaltung der Gesellschaft“ und einer Ausdehnung des Krieges entscheiden. „Er wird sich für die zweite Option entscheiden“, prognostizierte Selenskyj. Putin werde weder sich selbst noch sein Leben oder die innere Stabilität riskieren, hieß es weiter von Selenskyj, der das Baltikum als mögliches nächstes Ziel des Kremlchefs nannte.