Professor Jürgen Wolf von der Uniklinik Köln über das neue Lungenkrebsscreening, die Grenzen der Raucherentwöhnung – und warum Deutschland bei der Vorsorge hinterherhinkt.
Lungenkrebs-Screening„Es sind möglicherweise Menschen gestorben, die man hätte retten können“

Das Screening erfolgt per Niedrigdosis-CT, das Tumoren bereits im Frühstadium sichtbar macht.
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Herr Professor Wolf, seit April können sich Hochrisikoraucher in Deutschland erstmals auf Kosten der Krankenkasse per CT-Scan auf Lungenkrebs untersuchen lassen. Andere Länder machen das seit Jahren. Warum hat Deutschland so lange gebraucht?
Jürgen Wolf: Da muss man ehrlich sein: In der Prävention hinken wir allgemein schlicht hinterher. England investiert wesentlich mehr in Vorsorge, Skandinavien auch – und diese Länder führen das Screening bereits seit Jahren durch, wenn auch teilweise noch in Studien und Pilotprojekten. Wir wollten es wieder ganz korrekt machen, haben auf zusätzliche europäische Studiendaten gewartet, brauchen generell länger für Genehmigungsverfahren, und hatten Angst vor falschen Befunden, die mehr Schaden als Nutzen anrichten. Alles nachvollziehbar – aber das Ergebnis ist, dass in den vergangenen zehn Jahren möglicherweise Menschen gestorben sind, die man hätte retten können.
Das Screening läuft jetzt. Wie viele Menschen werden mitmachen?
Das wissen wir noch nicht. Die Schätzungen liegen bei 30 bis 50 Prozent. Ich persönlich bin eher bei 25 bis 30 Prozent, 50 Prozent finde ich sehr optimistisch. Beim Darmkrebs-Screening etwa, bei dem der Wert ja belegt ist, liegt die Teilnahmequote international bei gerade mal 30 Prozent. Beim Lungenkrebs-Screening ist die Zielgruppe spezifischer und ist nicht nur durch das Alter definiert: Männer und Frauen zwischen 50 und 75 Jahren mit einer Vorgeschichte als starke Raucher. Viele dieser Menschen haben bereits Erkrankungen durch das Rauchen, zum Beispiel chronisch obstruktive Lungenerkrankungen, viele haben schon einen Herzinfarkt hinter sich. Wie motiviert die sind, zu einem Vorsorge-CT zu gehen – das ist eine noch offene Frage. Das entscheidende Scharnier ist hier der Hausarzt. Der muss das ansprechen.

Professor Dr. Jürgen Wolf ist Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) an der Uniklinik Köln.
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Die Kernvoraussetzung fürs Screening ist: Man muss eine relevante Rauchbelastung haben, zum Beispiel mehr als 20 Packungsjahre. Das heißt, wir sprechen über eine Gruppe, die das Risiko kennt und trotzdem nicht aufgehört hat. Wie gehen Sie mit Patientinnen und Patienten um, die sagen: Ich habe es schon zehnmal versucht?
Das ist durchaus mit dem Alkoholgenuss vergleichbar. Es gibt Leute, die es schaffen – jeder kennt jemanden. Aber jeder kennt viel mehr, die es nicht schaffen. So ehrlich muss man sein. Fakt ist: Die Daten zeigen, dass Raucherentwöhnung funktioniert, aber mit bescheidenen Effekten. Individuelle Begleitung, Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, Nikotinpflaster als Ergänzung – das hat Wirkung zumeist im einstelligen Prozentbereich. Selbst strukturierte Programme erreichen langfristig meist nur 15 bis 20 Prozent Abstinenz. Klingt wenig, kostet aber fast nichts und rettet eben auch Menschenleben. Allein die Erinnerung durch den Hausarzt bei jedem Besuch hat nachweislich einen Effekt.
Wenn Entwöhnungsprogramme so wenig nützen, an welchem Hebel könnte man dann ansetzen?
Der Preis der Zigarettenpackung ist der stärkste Hebel. Das ist bevölkerungsepidemiologisch eindeutig. In Irland, Schottland, England, Skandinavien ist eine Packung doppelt so teuer wie in Deutschland – und der Raucheranteil ist dort messbar im zweistelligen Prozentbereich gesunken. Das ist ein Effekt, den keine Entwöhnungskampagne erreicht. Die Politik nutzt diesen Hebel schlicht nicht. Dabei könnte schon ein Euro Aufschlag pro Packung Milliarden für Präventionsprogramme generieren. Das ist keine Glaubensfrage, das sind Daten.
Wenn jemand eine begrenzte Lebenserwartung hat und eine Zigarette ihm noch Freude macht – dann interveniere ich nicht.
Gibt es Patientinnen und Patienten, bei denen Sie aufhören, das Thema Rauchen anzusprechen?
Ja. Die WHO empfiehlt, auch bei metastasierten Patienten auf einen Rauchstopp zu drängen. Das halte ich ehrlich gesagt nicht bei allen Patienten für sinnvoll. Es gibt keine belastbaren Daten, dass ein Patient mit zum Beispiel einem Versagen der medikamentösen Therapie im metastasierten Stadium noch von einem Rauchstopp wesentlich profitiert. Wenn jemand eine begrenzte Lebenserwartung hat und eine Zigarette ihm noch Freude macht – dann interveniere ich nicht. Das ist beim Alkohol ganz ähnlich. Bei Patienten mit kurativem Ansatz, also bei denen eine Operation geplant ist, weise ich allerdings sehr eindringlich darauf hin, wie wichtig der Rauchstopp ist, schon, um die Operation besser zu überstehen. Und ich habe noch nie erlebt, dass ein Patient dies übelnimmt. In dem Moment haben die Menschen einfach andere Sorgen – und sind in der Regel sehr offen für Ratschläge.
Gibt es beim Rauchen eine Unbedenklichkeitsmenge, so, wie viele das beim gelegentlichen Glas Wein am Abend empfinden?
Nein, weder beim Rauchen noch beim Alkohol kann man eine untere Menge, die gesichert harmlos ist, definieren. Aber natürlich macht auch hier die Dosis das Gift. Und ein Patient, der dreißig Zigaretten am Tag raucht, hat natürlich ein höheres Risiko für Lungenkrebs, als ein Mensch, der fünf Zigaretten am Tag raucht. Was ich aber aus der klinischen Beobachtung sagen kann: Wer zwanzig Zigaretten täglich raucht und auf fünf reduzieren will, dem gelingt das selten dauerhaft. Bei den meisten ist es schon ein Entweder-oder.
E-Zigaretten und Vapes erleben gerade einen Boom, besonders bei Jüngeren. Können sie beim Ausstieg helfen?
Das ist eines der kontroversesten Themen im Moment. Im Einzelfall: ja, möglicherweise. Beispiel: Ein Kollege, starker Raucher seit zwanzig Jahren, ist konsequent auf E-Zigaretten umgestiegen. Sein Risiko für Lungenkrebs hat sich damit real reduziert, auch wenn es nie mehr auf die Werte eines Nie-Rauchers sinken wird. Auf die Bevölkerung gesehen: nein. Die Mehrzahl der Raucher praktiziert nämlich beides parallel. Und die jungen Menschen, bei denen der Raucheranteil vor Corona auf ein historisches Tief gesunken war, rauchen durch Vapes heute wieder häufiger. Dazu kommt: Wir wissen nicht, was diese Produkte langfristig anrichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wusste man auch noch nicht, wie sehr Zigaretten der Gesundheit schaden. Das haben wir erst Jahrzehnte später gesehen. Gesellschaftlich sollten wir deshalb auch das Vapen sehr kritisch betrachten.
Ich habe Patientinnen, die seit 15 Jahren täglich eine Tablette nehmen und gut leben
Kommen wir zur Diagnose. Lungenkrebs galt lange als Todesurteil. Stimmt das heute noch?
Nein, nicht mehr für alle Patienten. Und das ist die eigentlich gute Nachricht. Man muss aber differenzieren. Im metastasierten Stadium – und das ist leider immer noch die Situation der meisten Patientinnen und Patienten, die zu mir kommen – besteht bei der Mehrheit der Patienten keine Chance auf Heilung. Aber das Bild hat sich dennoch dramatisch gewandelt. Rund ein Drittel der Patienten trägt sogenannte Treibermutationen in ihrem Tumor. Die kann man zumeist mit Tabletten behandeln – und ich habe Patientinnen, die seit 15 Jahren täglich eine Tablette nehmen und gut leben. Das ist keine Seltenheit mehr. Es ist uns also gelungen, für immer mehr Patientinnen und Patienten eine unmittelbar tödliche Erkrankung in eine chronische zu verwandeln.
Und für die anderen zwei Drittel?
Die werden mit Immuntherapie behandelt, je nach Biomarker allein oder in Kombination mit Chemotherapie. Und auch hier gibt es eine echte Überraschung: Wir haben gerade im Nationalen Netzwerk Genomische Medizin eine Arbeit veröffentlicht, die zeigt: Wenn diese Patienten nach zwei Jahren in einer sensitiven nuklearmedizinischen Untersuchung keinen Befund mehr haben, bleibt ein großer Teil dauerhaft krankheitsfrei. Man schätzt im Moment, dass bis zu 15 Prozent der metastasierten Patienten mit Immuntherapie geheilt sind. Das hätte vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten. Wir starten dazu Ende des Jahres eine Studie, bei der wir nach zwei Jahren bei negativem PET die Behandlung stoppen – und schauen, ob diese Patienten wirklich geheilt sind. Ich benutze deshalb das Wort „palliativ“ nur noch dort, wo es wirklich um das Sterben geht. Nicht mehr als Synonym für „metastasiert“.
Was bräuchten Sie politisch, um noch besser zu werden?
Zwei Dinge. Erstens: echte Primärprävention. Zuckersteuer, höhere Tabakpreise, Gesundheitsbildung ab der Kita. Deutschland investiert hier weit weniger als Großbritannien oder Skandinavien – mit entsprechenden Folgen. Zweitens: strukturierte Arbeitsteilung in der Onkologie. Wir haben mehr als 1700 Krankenhäuser und 600 onkologische Praxen. Jeder behandelt alles. Aber die Medizin ist so komplex geworden, dass diese Breite auf Kosten der Tiefe geht. Unser Netzwerk zeigt: Allein die Teilnahme an einem spezialisierten Verbund verlängert das Leben metastasierter Lungenkrebspatienten nachweislich. Das sollte kein Privileg von Großstadtpatienten sein – das muss Struktur werden.
