Der Staat hat eine Fürsorgepflicht für seine jüngsten Mitglieder. Er muss sie vor Werbung für ungesunde Lebensmittel deshalb schützen.
KommentarDie Zuckerwerbefrage ist auch eine Frage von Gerechtigkeit und Demokratie


Süßigkeiten sind verführerisch bunt, aber auch ungesund. Kinder sollten deshalb vor einer Bewerbung geschützt werden.
Copyright: dpa
Als ich ein Kind war, galt Milchschnitte als geeignetes Pausenbrot. „Aus gesundem Getreide, Milch und Honig“, versprachen die perfekt geföhnten Werbemuttis Mitte der 1980er Jahre. Wer wie ich eine Mutter hatte, die trotzdem ein Käsebrot und einen Apfel einpackte, der erinnerte sich spätestens am Hausmeisterkiosk an irgendeinen Rat aus einer anderen Werbung: Dass Raider genau das richtige für den „leichten Appetit, egal wo immer du bist“ und Knoppers „dein Frühstückchen“ sei und Nutella – so erklärte das ein Bildschirmmann im Arztkittel – „summa summarum“ aus den „unentbehrlichen Lebensbausteinen Kalzium, Eiweiß und Eisen“ bestehe. Also genau die richtige Energie vor einer Mathearbeit oder um in einem vor Gesundheit und Schönheit strotzendem Körper Rollschuh zu laufen.
Dass Süßigkeitenhersteller ihre Produkte in den schillerndsten Farben anpreisen, wird ihnen niemand verdenken. Natürlich stehen da keine dicken Kinder vor der Kamera, die gemobbt werden und spätestens mit zehn Diabetes oder eine Fettleber entwickeln. Unternehmen wollen schließlich Geld verdienen. Und Werbung ist eine Verführerin. Nichts anderes ist ihre Aufgabe.
Doch sie bezirzt am leichtesten diejenigen, deren Wissen noch unvollständig ist: Die Kinder. Und genau deshalb darf der Staat hier nicht wegsehen. Er hat eine Fürsorgepflicht für seine jüngsten Bürgerinnen und Bürger. Er muss sie schützen und verhindern, dass die Verführerin mit den buntesten Süßigkeiten wedelnd direkt in Kindergehirne hineinsäuselt.
Alles zum Thema Deutscher Bundestag
- Gewerkschafter sieht Skandal Stärkere Tarifbindung verhindert? DGB attackiert Reiche
- „Schnieder-Effekt“ Weniger Anmeldungen zur Fahrschule - Kritik an Berlin
- „Große Anerkennung“ Kölner Komponist York Höller für sein Lebenswerk ausgezeichnet
- Weniger Anmeldungen Diskussion um Kosten bremst Fahrschulen in Rhein-Erft aus
- Gerede, Gesten, Grabschen Schutz vor sexueller Belästigung in Deutschland schlechter als im Rest Europas
- Machtkampf in NRW-AfD Doppelspitze will NRW-AfD-Chef Vincentz herausfordern
- „Noch was von mir lernen“ Heidi Reichinnek stichelt gegen Markus Söder
Ein Eingreifen ist dringend geboten: Ein zehn Jahre altes Kind in Deutschland isst täglich etwa dreimal so viel Zucker wie Ärzte das empfehlen. Jedes vierte Schulkind ist übergewichtig. Großbritannien reagiert nun folgerichtig mit einem Werbeverbot. Längst haben Studien bewiesen, dass Werbung den Konsum von Ungesundem noch erhöht. Die Folgen sind dramatisch: Schon in jungen Jahren entwickeln die Betroffenen Diabetes, Bluthochdruck, Rückenschmerzen, Hüftgelenksverschleiß, nässende Ekzeme, Atemstörungen, Gallensteine und Asthma.
Übergewicht lastet aber auch auf der Kinderseele. Wer täglich sein „Frühstückchen“ aus Zucker und Fett in sich hineinknabbert, sitzt in Wahrheit oft schlapp und schwer atmend vor der Konsole auf dem Sofa. Nicht selten lümmelt sich eine Essstörung dazu. Überproportional oft in einem Haushalt, in dem das Geld knapp ist. Und schon ist die Zuckerwerbefrage eine Frage von Gerechtigkeit und Demokratie.

