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Praktisches JahrWarum Kölner Medizinstudierende frustriert sind

8 min
Eine Pflegerin fährt eine Intensivpatientin in einem Krankenbett durch einen Gang einer Klinik.

PJ-Studierende berichten von hoher Belastung, wenig Anleitung und strukturellen Problemen im ärztlichen Alltag.

Das Praktische Jahr gilt als Generalprobe für den Arztberuf. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat mit Studierenden aus Köln über ihre Erfahrungen während der Ausbildung gesprochen. Wovon sie berichten? Überforderung, Druck, fehlende Betreuung.

Eigentlich hat Miriam Oelsen Medizin studiert, um zu lernen, Menschen gesund zu machen, für sie da zu sein. Doch schon kurz nach Beginn ihres Praktischen Jahres (PJ), dem letzten Abschnitt der ärztlichen Ausbildung, hat sie gemerkt: Der Kontakt zu den Patienten fehlt. Stattdessen nimmt sie über Stunden Blut ab und schreibt Arztbriefe. Visiten kann sie nur selten begleiten.

Miriam Oelsen heißt in Wirklichkeit anders. Die Namen aller Studierenden in diesem Text wurden geändert, die echten sind der Redaktion bekannt.

Im ersten Tertial habe sie sich keinen einzigen Fehltag erlaubt: „Ich bin auch erkältet hingefahren. Ich weiß, dass das für niemanden gut ist, weder für die Patienten noch für die Kollegen.“ Zu groß sei die Angst gewesen, Fehltage „zu verschwenden“. Denn davon kann sie sich nur 30 erlauben. 30 Urlaubs- und Krankheitstage. Viele heben sich 20 Tage am Ende zum Lernen für ihr letztes Staatsexamen auf.

Inzwischen ist Oelsen im dritten Tertial. Sie sei froh, wenn das PJ vorbei sei. In der Pneumologie sei der Umgangston sehr rau gewesen: viel Überforderung, schlecht eingearbeitete Assistenzärzte, die ihren Frust an den PJlern ausließen: „Es kommt kein ‚Bitte‘. Es wird eher herumgeschrien.“ Im Stress, aber auch einfach so. Gelernt habe sie wenig. Nur in der Kardiologie und in der Anästhesie blieb der Eindruck, die Ärzte hätten ihr noch etwas beibringen wollen.

Ein Drittel denkt darüber nach, die kurative Medizin zu verlassen

Miriam Oelsens Erfahrungen teilen viele angehende Medizinerinnen und Mediziner. Rund 10.000 beginnen jedes Jahr ihr PJ in Deutschland. Die Tertiale umfassen innere Medizin, Chirurgie und ein Wahlfach, jeweils vier Monate lang. Eigentlich ist das Praktische Jahr eine gute Idee. Darin sind sich Studierende und Ärzte einig. In der Praxis allerdings überwiegt häufig Frust: zu wenig Anleitung, zu viel Büroarbeit, ein raues Klima, und das für wenig Geld. 

Laut dem PJ-Barometer 2025 des Marburger Bundes denkt ein Drittel der Befragten darüber nach, die kurative, also heilende Medizin zu verlassen. Das Bild ist gemischt: Manche zufrieden, viele desillusioniert. Mehr als die Hälfte arbeitet 40 bis 50 Stunden pro Woche. Feste Ansprechpartner fehlen, Studientage lassen sich kaum realisieren.

Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes, sagt: „Letztlich entscheidet sich im PJ, ob aus der Begeisterung nachhaltige Motivation wird – oder eben frühe Ernüchterung.“ Wer nur Lücken stopfe, verliere Vertrauen in den Beruf. Dabei soll das PJ doch der Einstieg in den Beruf sein, eine Vorbereitung auf das, was danach kommt. Ein Einstieg vor dem Berufsstart, den man sich finanziell und mental leisten können muss.

Wer kann sich ein PJ leisten?

Für viele Studierende ist die finanzielle Situation prekär. „Viele müssen sich fragen: Kann ich es mir leisten, mein PJ dort zu machen, wo ich möchte? Kann ich es mir überhaupt leisten?“, sagt Tobias Bokowski, Vorsitzender des Sprecherrats der Medizinstudierenden im Marburger Bund. Ein festes Gehalt gibt es nicht, nur eine Aufwandsentschädigung, gedeckelt auf den BAföG-Höchstsatz von 992 Euro. Wie viel gezahlt wird, entscheidet jede Klinik selbst. 

Ein Mann im blauen Hemd lächelt in die Kamera.

Tobias Bokowski ist Vorsitzender des Sprecherrats der Medizinstudierenden im Marburger Bund und studiert selbst Medizin in Hamburg.

In Köln gibt es eine einheitliche Pauschale, sie beträgt 400 Euro. Damit liegt die Stadt im bundesweiten Durchschnitt. 77 Prozent der Studierenden sind laut Marburger Bund weiterhin auf familiäre Unterstützung angewiesen, 28 Prozent haben einen Nebenjob.

Elian Tuncer, der 2019 sein PJ in Köln gemacht hat, arbeitete am Wochenende in einer Bar, um über die Runden zu kommen. „Teilweise mehr als 20 Stunden. Sonst hätte ich mir das Leben nicht leisten können.“ 400 Euro habe er damals bekommen, Zimmer in Köln beginnen meist erst bei 500 Euro. Seine Familie lebt in der Türkei. Während des Praktischen Jahres habe er sie nicht gesehen. Dafür fehlten Geld und Zeit.

Zwischen Über- und Unterforderung

Laut Approbationsordnung sollen Studierende im PJ ihre Kenntnisse „unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung“ eines ihnen zugewiesenen Arztes vertiefen. Viele erleben, dass diese Anleitung fehlt, dass sie als billige Arbeitskräfte betrachtet werden, und kaum Zeit ist, Gelerntes nachzubereiten. Dafür stehen laut Approbationsordnung Studierenden eigentlich täglich 1,5 bis zwei Stunden Eigenstudium zu. In Köln wird diese Zeit zu einem Lerntag in der Woche zusammengefasst.

Bei Lisa Peters liegt das PJ ein Jahr zurück. Während ihrer Ausbildung habe auch sie sich eine feste Ansprechperson gewünscht, jemanden, der ihr erklärt, wie man etwa eine Wunde näht, und ihr die Gelegenheit gibt, das auch zu üben. Ihren Studientag habe sie zwar immer bekommen, manchmal allerdings nur unter Murren der diensthabenden Ärztinnen und Ärzte. „Ich habe aber für mich eingestanden, dass mir der zusteht.“ 

Sie berichtet von einem ständigen Wechsel zwischen Unter- und Überforderung. Stundenlang Blut abnehmen sei Alltag gewesen. Tobias Bokowski betont: „In der Approbationsordnung steht, dass Studierende nicht zu Tätigkeiten herangezogen werden sollen, die ihre Ausbildung nicht fördern.“ Doch was das genau bedeute, sei natürlich Auslegungssache. Blut abnehmen sei sinnvoll, drei Stunden täglich jedoch nicht mehr „ausbildungsfördernd“. Viele könnten zudem aufgrund von Blutentnahmen und Botengängen nicht an Visiten teilnehmen

Verantwortung habe Lisa Peters nur selten übernehmen können, und wenn doch, dann oft unvorbereitet. Bei einer Reanimation sollte sie auf Zuruf Medikamente aufziehen, ohne vorherige Einweisung. Sie habe sich gewünscht, danach darüber zu sprechen. Der Oberarzt habe allerdings keine Zeit gehabt. Stattdessen habe er sich darüber beschwert, dass er es vor dem Regen nicht mehr aufs Rennrad schaffe.

Ein raues Klima

Besonders beunruhigend findet Tobias Bokowski vom Marburger Bund die wiederkehrenden Berichte in der jüngsten Umfrage des Marburger Bundes über Machtmissbrauch und sexualisierte Sprache. „Die Konkretheit vieler Schilderungen ist erschreckend.“ An der Uniklinik Köln gibt es dafür ein eigenes Prodekanat. Beim Nachweis von Machtmissbrauch könne einer Station die Ausbildungsbefugnis entzogen werden. Dekan Gereon Fink sagt: „Wir können nur sanktionieren, wenn wir davon wissen. Sicher erfahren wir weniger Fälle, als tatsächlich passieren.“

Sabrina Fuchs hat vor ihrem Medizinstudium in Köln bereits eine Ausbildung im Krankenhaus absolviert. Derzeit befindet sie sich im letzten Tertial ihres Praktischen Jahres. Die hierarchischen Strukturen in den Krankenhäusern seien stark ausgeprägt, sagt sie. Stärker als in anderen Berufen. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, Diskutieren kann ein Leben kosten.

Zu einem Arztbrief eines PJlers meinte ein Oberarzt nur, den hätte auch ein Affe schreiben können.
Sabrina Fuchs, PJlerin im dritten Tertial

Seit mehr als 14 Jahren arbeitet Fuchs im Gesundheitswesen. Inzwischen erlebe sie selbst nur noch selten respektloses oder herablassendes Verhalten, „aber dafür braucht es ein gewisses Standing“. Die jüngeren, unerfahreneren PJler um sie herum bekämen solche Situationen dagegen häufiger zu spüren. Herabwürdigende Sprüche seien weit verbreitet: „Zu einem Arztbrief eines PJlers meinte ein Oberarzt nur, den hätte auch ein Affe schreiben können.“

Mira Langen hat vor Kurzem ihr drittes Tertial in Köln abgeschlossen. Zuvor hatte sie während ihrer Praktika, den sogenannten Famulaturen, in kleinen Krankenhäusern in ihrer ländlichen Heimat gelernt. In Köln habe sie sich dagegen oft nur wie eine Nummer gefühlt. Manche Mitarbeitende hätten sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihren Namen zu lernen. In der nächsten Woche sei sie ohnehin wieder weg, habe es dann geheißen.

Studierende und keine billigen Arbeitskräfte

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Proteste für ein „faires PJ“. Im Juni 2024 fand bundesweit eine Aktionswoche in mehreren Städten statt, auch in Nordrhein-Westfalen. Gereon Fink ist Direktor der Neurologie der Uniklinik Köln und Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, und damit für fast alle PJlerinnen und PJler in der Stadt zuständig. Fink kennt die Forderungen der Studierenden.

Und als Mitglied des Präsidiums des Medizinischen Fakultätentags hat er an einer neuen Approbationsordnung mitgearbeitet, die praktische Fähigkeiten während des Studiums stärker in den Mittelpunkt rücken sollte. „Fast zehn Jahre Arbeit haben wir da hineingesteckt. Die neue Ordnung kommt aber nicht, weil die Umsetzung Geld kosten würde, das die Politik derzeit nicht zur Verfügung stellen möchte.“ Eine solche Reform hätte bedeutet, mehr Zeit mit den Studierenden zu verbringen – und damit auch mehr Personal zu benötigen.

Fink ist aber auch der „festen Überzeugung, dass PJ-Studierende tatsächlich Studierende bleiben sollten und keine billige Arbeitskraft“. Seine Sorge sei, dass mit steigender Ausbildungsvergütung der Fokus von der Ausbildungsqualität weggehe. Das dritte Staatsexamen sei das berufsbefähigende Examen, bis dahin befänden sich die Studierenden noch in Ausbildung. Wenn immer höhere Vergütungen gefordert würden, müsse man irgendwann nüchtern abwägen: „Wenn ich zwei PJ-Studierende habe und sie genauso bezahle wie einen Assistenzarzt, werden Lehrkrankenhäuser sich fragen, wer für die Arbeit wertvoller ist.“

Ein Mann im weißen Kittel mit Krawatte lächelt in die Kamera

Gereon Fink, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, betont, dass PJ-Studierende in erster Linie Studierende bleiben sollten.

Zu einer guten Ausbildung gehöre für ihn, dass angehende Ärzte lernen, sicher und professionell mit Patienten zu arbeiten. „Ob ich einen guten Zugang legen kann oder nicht, ist entscheidend. Es entscheidet darüber, ob ein Patient Zutrauen zu mir hat oder nicht.“ Gleichwohl betont Fink, er teile die Haltung der Studierenden, dass solche Tätigkeiten keine Daueraufgabe sein dürften.

Zur Regelung der 30 Fehltage erklärt Fink, dass in Köln Tage durchaus nachgeholt werden könnten. Es gebe aber auch Situationen, in denen Studierende zwei bis drei Monate fehlten und dadurch ihr Examen verschieben müssten. Vier Wochen nach dem Examen arbeiten die PJler bereits als Assistenzärzte mit voller Verantwortung. Wer lange gefehlt habe, dem fehle das praktische Wissen aus dieser Zeit.

„Extrem positiv überrascht“

Dass es auch positive Erfahrungen gibt, zeigt Jonas Reuther, derzeit PJler in Köln. Sein drittes Tertial verbringt er im Ausland. Ins Praktische Jahr sei er mit „gemischten Gefühlen“ gestartet. Sein Fazit jetzt: „extrem positiv überrascht“. Auf seiner Wunschstation habe er eine feste Betreuung gehabt und unter Aufsicht eigenständig Patientengruppen betreut.

Er hoffe nun, nach bestandenem Examen auf seiner Wahlstation weiterarbeiten zu können. „Ich bin fast ein wenig ungeduldig geworden, dass ich einfach Lust hatte, fertig mit dem Studium zu sein und selbst Verantwortung übernehmen zu können.“

Ganz anders seine Kommilitonin Miriam Oelsen. Sie will weiterhin Ärztin werden, sieht dem Berufseinstieg jedoch mit Sorge entgegen. „Mein Ziel war immer, es besser zu machen, empathisch zu sein, mir Zeit für die Patienten zu nehmen. Aber ich glaube nicht, dass das in diesen Strukturen geht.“