Unsere Arbeitswelt braucht dringend ein Gesundheits-Update. Ein Gastbeitrag von Autoren Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf.
Raus aus der SitzfalleDeutschlands Erwerbstätige sind so krank wie noch nie - was wir jetzt tun müssen

Die Deutschen haben Rücken - und noch viele mehr.
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46 Millionen Menschen in Deutschland sind erwerbstätig und finanzieren damit zusammen unser Gesundheitssystem. Das Problem: Während das System immer teurer wird, werden die Menschen, die es finanzieren, immer kränker. Bereits über ein Drittel der Erwerbstätigen leidet unter mindestens einer chronischen Erkrankung – bei den 45- bis 64-Jährigen ist es bereits fast jeder Zweite. Die Zahl der krankheitsbedingten Ausfalltage kletterte 2024 laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin auf einen Spitzenwert von 881,5 Millionen. Viel menschliches Leid und angesichts des Fachkräftemangels auch eine Bedrohung unserer wirtschaftlichen Zukunft.
Die „Sitz-Falle“ und der verkümmerte Rücken
Das moderne Arbeitsleben findet für rund 50 Prozent der Bevölkerung überwiegend im Sitzen statt – für den menschlichen Bewegungsapparat eine Katastrophe. Im Schnitt sitzt jeder Erwachsene in Deutschland über 10 Stunden pro Tag. Unser Körper ist aber nicht fürs Herumlungern am Schreibtisch konzipiert. 60 bis 80 Prozent der Deutschen leiden mindestens einmal jährlich unter Rückenschmerzen. Wenn die stabilisierende Muskulatur um die Wirbelsäule verkümmert, werden Bänder und Bandscheiben überlastet. Doch die Folgen des Dauersitzens sind viel dramatischer: Es ist einer der Haupttreiber für Herzkreislauferkrankungen und das sogenannte metabolische Syndrom. Wer den ganzen Tag sitzt und sich auch in der Freizeit kaum bewegt, riskiert Bluthochdruck, gestörte Blutfettwerte und eine Insulinresistenz – die Vorboten für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Bluthochdruck: Jedes Jahr 500.000 neue Patienten
Ein besonders deutliches Beispiel für die Fehlsteuerung in unserem System ist der Bluthochdruck. Rund 30 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, jährlich kommen 500.000 neue Patienten hinzu. Die Kosten für die Behandlung und die Folgeschäden liegen bei astronomischen 64 Milliarden Euro pro Jahr. Davon fließen allein drei Milliarden Euro in Bluthochdrucktabletten. Das Problem: Die tägliche Pille unterdrückt das Symptom, löst aber nicht die Ursache. Dabei zeigen medizinische Leitlinien klar auf, dass eine nicht medikamentöse Therapie – also eine Umstellung des Lebensstils durch mehr Bewegung, bessere Ernährung und Gewichtsreduktion – in vielen Fällen den Blutdruck dauerhaft normalisieren könnte. Doch unser System ist auf „Reparatur“ programmiert. Ärzte haben oft nicht die Zeit für die nötige Beratung, und der einfache, medikamentöse Weg wird von beiden, Arzt und Patient, oft vorgezogen. Wir therapieren uns lieber mit Chemie durch den Alltag, anstatt die natürliche „Medizin“ Bewegung und Ernährung konsequent für unsere Gesundheit zu nutzen.
Diese Reparaturmentalität führt zu einer Vielzahl von Doppelbehandlungen und unnötigen Eingriffen. Ein Beispiel aus dem Klinikalltag zeigt das Ausmaß: Bei Rückenschmerzen werden Patienten oft standardmäßig durch ein teures MRT geschickt, obwohl der radiologische Nutzen für die Therapie oft fragwürdig ist. Röntgenbilder zeigen oft nur Momentaufnahmen, die das eigentliche Problem – häufig muskuläre oder mentale Verspannungen – gar nicht widerspiegeln.
Invest in die Gesundheit der Mitarbeitenden lohnt sich
Angesichts des schnell wachsenden Fachkräftemangels können es sich Unternehmen nicht mehr leisten, die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden als reine Privatsache zu betrachten. Unternehmen müssen in die Widerstandsfähigkeit gegen Stress und die körperliche Fitness ihrer Belegschaft investieren. Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) darf kein „Alibi-Obstkorb“ sein, sondern muss strategisch verankert werden. Zahlreiche Studien belegen den ökonomischen Nutzen: Jeder investierte Euro in BGM-Maßnahmen kann durch weniger Krankheitsausfälle und höhere Produktivität einen Return on Investment von bis zu 1:6 erzielen. Voraussetzung dafür sind eine gesunde Führung und eine Kultur der Wertschätzung. Nur wer sich gesehen und geschätzt fühlt, bleibt langfristig motiviert und belastbar.
Der Feierabend-Fehler
Doch die Verantwortung liegt nicht allein beim System oder den Arbeitgebern. Wir alle müssen uns auch an die eigene Nase fassen. Für viele Menschen ist der Wechsel direkt vom Bürostuhl auf die Couch Erholung – doch für den Körper ist das keine Regeneration, sondern eine Fortsetzung der Belastung. Echte Regeneration erfordert Aktivität: Leichte Bewegung baut Stresshormone wie Cortisol ab, die sich über den Arbeitstag angestaut haben.
Ein massiver „Erholungskiller“ ist die Bildschirmzeit in der Freizeit, die bei Erwachsenen oft drei bis fünf Stunden pro Tag beträgt. Ein bewegungsloser Abend vor dem Smartphone oder Fernseher belastet unsere ohnehin schon strapazierten Wahrnehmungsorgane weiter. Wir müssen lernen, wirklich „abzuschalten“ – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ausreichender Schlaf, echte soziale Kontakte und gezielte Entspannung sind die Werkzeuge, um dem Burn-out-Risiko zu entgehen, das mittlerweile 61 Prozent der Vollzeitbeschäftigten für sich selbst als erhöht einschätzen. Gesundheit ist eben kein Produkt, das man in der Apotheke kaufen kann - sie ist ein Prozess, den wir jeden Tag durch unser eigenes Handeln, unsere Bewegung und unsere Ernährung selbst gestalten.
Fünf Tipps, wie wir unseren Alltag gesünder gestalten können
1. Setze Dir keine großen Ziele: Fange mit einem einzigen kleinen Schritt an, am besten heute! Füge eine kleine gesunde Routine in Dein Leben ein - etwa zehn Minuten Meditation am Morgen, den Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad fahren, gesundes Essen für die Mittagspause vorbereiten, abends eine halbe Stunde Sport treiben… Du wirst sehen, wenn es erst zur Gewohnheit geworden ist, dann macht es Spaß und Du willst es nicht mehr missen! Das ist sogar wissenschaftlich bewiesen: „Mikrogewohnheiten“ beruhen auf der Erkenntnis, dass kleine tägliche Handlungen weitaus effektiver für nachhaltige Verhaltensänderungen sein können als große, einschneidende Maßnahmen.
2. Geh in die Natur! Bewegung in der Natur ist ein echtes Kraftpaket für Körper und Seele! Wenn du draußen aktiv bist, spürst du, wie dein Herz kräftiger schlägt, dein Kreislauf in Schwung kommt und deine Muskeln neue Energie tanken. Die frische Luft belebt und lässt dich frei durchatmen. Im Sonnenlicht tankst du zudem wertvolles Vitamin D, das dein Immunsystem stärkt und dir darüber hinaus gute Laune bringt. Gleichzeitig lässt die Ruhe der Natur den Alltagsstress vergessen.
3. Auch wenn es Überwindung kostet: Lass den Schokoriegel und die Zwischenmahlzeit weg Versuche nur zwei bis drei gesunde Mahlzeiten am Tag einzunehmen – wenn Du das konsequent machst, siehst Du das positive Ergebnis auf der Waage und im Spiegel und auch der Rest Deines Körpers dankt es Dir. Denn er ist dann nicht ständig mit Deiner Verdauung beschäftigt, sondern kann sich um andere wichtige Dinge Deines Stoffwechsels kümmern.
4. Fordere dich durch Mini-Workouts im Alltag Mach es nicht wie Donald Trump, sondern vermeide Rolltreppe und Aufzug! Die Treppe ist die beste Trainingsstätte des Alltags– wie ein hochwirksames Mini-Workout ohne zusätzlichen Zeitaufwand, Ausrüstung oder Kosten! Der Energiebedarf ist etwa 8-mal höher als beim Stehen im Aufzug und etwa 3-mal höher als beim Gehen auf ebener Fläche. So verbesserst Du Dein Herz-Kreislauf-System, steigerst Deine Ausdauer, trainierst Deine größten Muskelgruppen. Zudem kurbelst du Deinen Stoffwechsel an. Und das hilft Dir dabei, Körpergewicht, Körperfettanteil und Cholesterinspiegel langfristig zu senken.
5. Leg das verdammte Handy weg! Das Checken des Handys summiert sich über den Tag zu einem enormen Zeitfresser. Das bewusste Weglegen des Geräts gibt Dir die Kontrolle über Deine Zeit zurück. Die ständige Erreichbarkeit und der unendliche Strom an Push-Benachrichtigungen und Social-Media-News setzen Dein Gehirn unter Dauerstress und sind der größte Feind der Konzentration. Denn jede Benachrichtigung reißt Dich aus dem, was Du gerade tust, und kostet Dich wertvolle mentale Energie, um wieder in Deinen Fokus zu finden. Nimm Dir gezielte digitale Auszeiten (Handy erst ab 9 Uhr morgens checken und abends um 20 Uhr weglegen) - dann schläfst Du besser, hast mehr Zeit für Freunde, Familie, Hobby und Sport und belastest Deinen Kopf und Deine Gefühle nicht ständig mit Dingen, die nur auf einem Handybildschirm existieren.

Stefan Sauerzapf und Ingo Froböse (l.)
Copyright: Thomas Sawer
Zu dem Buch und zu den Autoren
Prof. Dr. Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf sind Partner in der Kölner Denkfabrik für Gesundheitsförderung und Prävention Fischimwasser. In ihrem neuen Buch „Deutschland ist krank“ (Ullstein Verlag) schreiben sie darüber, was wir gegen den drohenden Kollaps unseres Gesundheitssystems tun müssen.



