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Kommentar

Ingo Froböse
Deutschland ist krank – höchste Zeit für eine echte Revolution

7 min
Ingo Froböse

Ingo Froböse

Wir haben kein Gesundheits-, wir haben ein Krankheitssystem. Ein Appell von Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf.

Was waren wir einst stolz auf unser Gesundheitssystem! Bis zur Jahrtausendwende galt es als eines der besten der Welt – solidarisch, innovativ und von hoher Qualität. Doch schon damals gab es warnende Stimmen, die das Unheil vorhergesagt haben. Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den 1990er-Jahren zeigten bereits, dass Deutschland trotz hoher Ausgaben nur mäßig abschnitt, was Effizienz und Ergebnisse betrifft. Zudem war klar: Unsere Gesellschaft wird immer älter, es wird weniger Beitragszahler geben und die Kosten werden steigen. Da­rü­ber wurde auch intensiv diskutiert, ob im Bundestag, in Fachkreisen oder in unzähligen Fernseh-Talkshows – konsequent gehandelt wurde nicht, und deshalb haben wir heute den Salat.

Trotz der höchsten Gesundheitsausgaben in der Europäischen Union – fast 538 Milliarden Euro im Jahr 2024 – stehen wir bei der Lebenserwartung in Westeuropa auf einem Abstiegsplatz. Wir zahlen am meisten und sterben früher als unsere Nachbarn. Das humane Grundprinzip unseres Staates – die Sorge um das Wohlergehen seiner Bürger – bleibt auf der Strecke, weil wir in einer historischen Sackgasse gefangen sind: Dem Missverständnis, dass Gesundheit vor allem dort beginnt, wo die Medizin eingreift.

Wir haben kein Gesundheits-, wir haben ein Krankheitssystem, das sich tief eingenistet hat in unsere Gesellschaft, in die komplizierte Sozialgesetzgebung und in den Alltag von uns allen. Das System ist zu einem Dienstleister geworden, der unsere Gesundheit mit Terminen, Untersuchungen, Eingriffen und Verschreibungen organisieren soll. Aber es macht uns nicht gesund, sondern abhängig: von Pillen, Therapien und einem Apparat, der von unserer Krankheit lebt. Anstatt uns zu befähigen, gesunde Entscheidungen für uns zu treffen, macht es uns zu Patientinnen und Patienten.

Es gibt uns das Gefühl, dass unsere Gesundheit gar nichts mehr mit unserem Verhalten und unseren Lebensbedingungen zu tun hat. Wir geben Milliarden für Tabletten, Operationen und Apparate aus, während für die echte Vermeidung von Krankheiten – die Prävention – kümmerliche fünf Prozent der Gesamtausgaben aufgewendet werden. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis aus Überdiagnose, Überbehandlung und Überversorgung. Engagierte Ärzte und aufopferungsvolle Pflegekräfte sind nicht nur mit der Behandlung von Notfällen, Unfällen oder schicksalhaften Erkrankungen beschäftigt. Sie kümmern sich vor allem um die Heerscharen chronisch kranker Menschen. Volkskrankheiten werden diese Leiden gerne genannt - klingt harmlos und unvermeidlich, doch so ist es nicht. Denn wir haben uns zu sehr an Lebensverhältnisse gewöhnt, die zu Bluthochdruck, chronischen Rückenleiden, starkem Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes Typ 2 führen.

Die Dauerkrise unseres Systems haben wir uns gewissermaßen selbst in die Wiege gelegt: Unsere Kinder sind die chronisch Kranken von morgen.
Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf

Eine Studie von Gesundheitswissenschaftlern und Ökonomen (Milan, Fetzer & Hagist, 2021) prognostiziert einen signifikanten Anstieg der Fallzahlen für die zehn häufigsten nicht infektiösen Krankheiten bis 2040. Die Zahl der Demenzkranken könnte sich bis 2060 mehr als verdoppeln. Bis zu 15 Millionen Menschen werden bis 2040 von Arthrose und bis zu 29 Millionen von Rückenschmerzen geplagt sein. Die Zahl der Herzinsuffizienzen steigt um 51 Prozent. Diese Zahlen sind keine  abstrakten Statistiken, sondern wissenschaftlich fundierte Prognosen, und sie sind eine direkte Bedrohung für unsere Lebensqualität und die Kapazität unseres Gesundheitssystems.

Prognosen des IGES-Instituts aus dem Jahr 2023 gehen davon aus, dass die Gesundheitsausgaben in Deutschland bis zum Jahr 2040 um etwa 80 Prozent gegenüber 2023 steigen werden und bei rund 900 bis 950 Milliarden Euro jährlich liegen könnten. Damit würden sich die Ausgaben nahezu verdoppeln. In Anbetracht dieser Prognosen werden die Zahlen über neue Milliarden-Defizite der Krankenkassen, die Gesundheitsministerin Nina Warken kommenden Montag für 2027 verkünden wird, geradezu noch harmlos sein.

Unsere Kinder sind die chronisch Kranken von morgen

Die Dauerkrise unseres Systems haben wir uns gewissermaßen selbst in die Wiege gelegt: Unsere Kinder sind die chronisch Kranken von morgen. Rund 38,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden bereits heute unter einer chronischen Gesundheitsstörung. Jedes fünfte Kind ist übergewichtig, die Fälle von Diabetes Typ 2 bei Jugendlichen steigen rasant. Zudem herrscht „Alarmstufe Rot“ bei den psychosozialen Belastungen: Jedes fünfte Kind leidet unter einer psychischen Störung, die Wartezeiten für Therapieplätze betragen oft sechs Monate. Wir lassen unsere Kinder zuckerhaltige „Quetschies“ nuckeln statt in Äpfel zu beißen und sie verbringen 10,5 Stunden pro Tag im Sitzen – über 70 Prozent ihrer wachen Zeit!

Wo bleibt das Schulfach „Gesundes Leben“? Es existiert nicht. Wir lehren unsere Kinder binomische Formeln, aber nicht, wie sie sich ein Leben lang gesund ernähren, ausreichend bewegen oder erfolgreiche Strategien gegen die Stressoren des Alltags finden. Ohne diese Bildungsgrundlage bleibt der Appell an die spätere Eigenverantwortung ein hohles Wort. Und folglich ist es auch kein Wunder, dass laut Studie der TU München (2024) über 75 Prozent der Menschen in Deutschland über eine mangelnde Gesundheitskompetenz verfügen. Die Folge: Die Betroffenen sind häufiger und länger krank, nehmen öfter Notfalldienste in Anspruch, haben eine größere Zahl an Krankenhausaufenthalten und folgen den Empfehlungen behandelnder Ärztinnen und Ärzte seltener. Laut WHO-Schätzungen belaufen sich die Folgekosten mangelnder Gesundheitskompetenz auf drei bis fünf Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen, 2023 bezogen auf Deutschland bis zu 25 Milliarden Euro.

Deutschland ist krank, aber die Heilung ist möglich – wenn wir endlich den Mut haben, den Menschen und seine Gesundheit in den Mittelpunkt zu stellen
Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf

Und jetzt kommen die digitalen Helferlein in Form von KI-Chatbots und übernehmen gerade die Gesundheitsberatung in Deutschland. Die Zahl der Menschen, die ChatGPT, Gemini und Co. nach Symptomen oder Tipps für einen gesunden Lebensstil fragen, ist binnen eines Jahres von 9 auf 25 Prozent gestiegen. Die Menschen suchen Antworten, die ihnen das überlastete System nicht schnell genug gibt. Doch hier lauert eine neue Gefahr. Führende Forscher sind sich einig: Die sogenannten „Halluzinationen“ von Künstlicher Intelligenz sind keine Kinderkrankheit, sondern eine bleibende Eigenschaft komplexer Sprachmodelle. Im Bereich der Gesundheit ist Vertrauen in wissenschaftlich gesicherte Informationen jedoch lebensnotwendig.

ChatGPT, Gemini und Co. könnten also Empfehlungen geben, die nicht nur den hiesigen Standards widersprechen, sondern im schlimmsten Fall gefährlich sind. Deutschland muss hier eigene, vertrauenswürdige KI-Lösungen entwickeln, statt das Feld den US-amerikanischen Giganten zu überlassen. Die Lösung gibt es auch – sie liegt in eigenen Chat-Bots, die sich so programmieren lassen, dass sie ausschließlich gesicherte und wissenschaftlich fundierte Quellen für ihre Antworten verwenden.

Warum ist so weit gekommen, dass Deutschland krank ist? Weil mächtige wirtschaftliche Interessen den Status quo bewachen. Die Lebensmittel-, Pharma-, Tabak- und Alkoholindustrie haben kein Interesse an wirkungsvollen Maßnahmen der Verhältnisprävention. Während etwa Großbritannien eine Junkfood-Werbebeschränkung und eine Zuckersteuer eingeführt hat, belegt Deutschland im „Nanny State Index“ den Spitzenplatz als bestes Land, um ungestört zu rauchen, zu trinken und ungesund zu essen. Wir verzichten auf eine Zuckersteuer, die laut Forschern der TU München allein 100.000 Fälle von Diabetes verhindern könnte. Das muss sich ändern. Wir brauchen mehr Verhältnisprävention, damit die Lebensbedingungen der Menschen in allen Bereichen die Gesundheit fördern – schließlich ist sie doch angeblich unser höchstes Gut.

Dafür liegen mittlerweile auch harte Fakten auf dem Tisch. Eine aktuelle McKinsey-Studie belegt, dass eine verstärkte Gesundheitsprävention nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch wirksam ist. Deutschland könnte sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch konsequente Prävention jährlich um etwa 250 Milliarden Euro steigern. Jeder Euro, der in Prävention investiert wird, zahlt sich dreieinhalbfach wieder aus. Nur so lässt sich die Kostenexplosion im Gesundheitssystem dämpfen und die Lebensqualität nachhaltig sichern.

Unser Gesundheitssystem braucht dafür keine „Reförmchen“, es braucht eine Revolution. Wir müssen weg vom reinen Reparaturbetrieb und hin zu einem System, das Gesundheit als Querschnittsaufgabe begreift – in der Stadtplanung, in der Lebensmittelpolitik und vor allem in der Bildung. Deutschland ist krank, aber die Heilung ist möglich – wenn wir endlich den Mut haben, den Menschen und seine Gesundheit in den Mittelpunkt zu stellen.

Ingo Froböse (l.) und Stefan Sauerzapf

Ingo Froböse (l.) und Stefan Sauerzapf

Zu den Autoren

Prof. Dr. Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf sind Partner der Kölner Denkfabrik für Gesundheitsförderung und Prävention Fischimwasser. In ihrem neuen Buch „Deutschland ist krank“ (Ullstein Verlag) schreiben sie darüber, was wir gegen den Kollaps unseres Gesundheitssystems tun müssen.


Veranstaltung am 21. April

Am Dienstag, 21. April, spricht Ingo Froböse in der Workstage des „Kölner Stadt-Anzeigers“ über die Thesen seines neuen Buchs. Mit ihm auf der Bühne diskutierte der Kölner Mediziner Michael Hallek, Leiter der Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln. Der international renommierte Krebs-Spezialist ist seit 2023 Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Weitere Infos und Tickets gibt es hier. Es moderiert Joachim Frank, Chefkorrespondent des „Kölner Stadt-Anzeigers“.