Die fortwährende Jagd nach dem besonderen, originellen Erlebnis bemisst das Glück nach dem immer stärkeren Kick. Das ist krank und macht krank.
Was uns krank machtDer permanente Glücks-Wettbewerb grenzt Menschen aus


Immer auf der Suche nach Euphorie und Glückzuständen: Besonders auf Social-Media-Kanälen wird uns das große Glück vorgegaukelt. Wehe dem, der nicht glücklich ist.
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Gemessen an den Anforderungen für modernes Glück sind wir jetzt in der schlimmsten Zeit des Jahres. Karneval ist vorbei, der Sommer weit weg, die Tage enden noch früh, Ferien und Urlaub sind nicht in Sicht. Es drohen viele Tage und Wochen in einem Zustand, den der Zeitgeist zu seinem Endgegner erklärt hat: Normalität. Das stete Ein und Aus der Tage ohne Aussicht auf eine Phase emotionaler Außergewöhnlichkeit, die sich nach innen und außen inszenieren lässt. Neulich habe ich von einem Krankheitsbild gelesen, das für diesen Zustand wie gemacht zu sein scheint. Es heißt „Languishing“, zu deutsch: Ermattung.
Die Abwesenheit großer Gefühle, ein emotionales Weder-Noch. Ein US-Soziologe namens Corey Keyes hat Languishing als Begriff geprägt, um das allgemeine Empfinden der Corona-Zeit zu beschreiben, als jede gesellschaftliche Aktivität unmöglich war. Inzwischen erfreut socj der Ausdruck großer Popularität und wird als ernstzunehmende Vorstufe zu Burnout und Depression diskutiert. Die nähere Beschreibung von Languishing lautet: Es fehlen sowohl spektakuläre positive Emotionen wie Freude und Begeisterung als auch schwere Depressionssymptome wie Trauer und Niedergeschlagenheit.
Man erlebt den Alltag in einem gedämpften, funktionierenden Modus. So mittel. Es ist der Zustand, in dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe. Dass er jetzt im weiteren Sinn als Krankheit definiert wird, kann nicht unwidersprochen bleiben. Ich will hier ausdrücklich keine Vorboten psychischer Erkrankungen verharmlosen. Sie sind subtil, vielfältig und individuell so verschieden, dass man noch ein Dutzend weitere Begriffe wie Languishing erfinden könnte, um bedenkliche Phänomene zu beschreiben oder einzugrenzen.
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Was in diesem Fall in die Irre führt, ist das anzustrebende Ideal: das permanente Vorhandensein von Freude, Euphorie, Ekstase, Glück. Dieses Ideal ist Folge eines globalen und alle Schichten durchdringenden Glücks-Wettbewerbs, der Menschen ausgrenzt, die nicht an ihm teilnehmen wollen oder aus Mangel an Mitteln nicht können, denn prämierte Weine, ausgezeichnete Restaurants, Reisen in europäische Kulturhauptstädte und Kreuzfahrten auf Schiffsungetümen, die aussehen wie abgebrochene Eisberge, sind teuer.
Und wer morgens aufwacht und sich nur normal fühlt, weil er kein leckeres Frühstück ans Bett serviert bekommt, nicht von mindestens zwei polyamourösen Menschen geküsst wird, nicht unmittelbar vor einer Weltreise steht und einfach nur froh ist, sieben Stunden ohne Toilettengang geschlafen zu haben, ist dann nicht nur ein Verlierer, sondern schon Teil eines Krankheitsbildes.
Allen, denen es so geht, rufe ich zu: Es ist in Ordnung! Mir ging es heute genauso. Und gestern auch. Es ist in Ordnung, morgens normal aufzustehen, einen normalen Kaffee zu trinken, sogar aus der guten alten Filtermaschine, ohne Zimt auf dem Milchschaum. Es ist in Ordnung, normal zur Arbeit zu gehen, von ihr nach Hause zurückzukehren, sich auf eine unspektakuläre Weise zu zerstreuen, ein nicht zu jeder Sekunde filmreifes Familiengefühl zu erleben, ins Bett zu gehen und normal einzuschlafen.
Das ist total in Ordnung. Aus meiner Sicht sogar viel näher am Ideal eines erfüllten Lebens als diese fortwährende, hypernervöse Jagd nach dem nächsten ungewöhnlichen oder originellen Erlebnis, das als Beweis dafür verwendet werden kann, zu den Gewinnern zu gehören, zu den Auserwählten, die Einlass finden in den Klub des exklusiven Fühlens und Erlebens. Ich gehöre nicht dazu. Mir wäre das viel zu anstrengend. Meine natürliche Bequemlichkeit liebt das Naheliegende. Die Schönheit des Gänseblümchens im Vorgarten erspart mir die Mühe, eine Orchidee zu kaufen und mühsam zu pflegen mein geliebter Mischwald vor der Haustüre die Tagesreise in ein spektakuläreres, aber ferneres Naherholungsgebiet; mein genügsamer VW-Golf Baujahr 2016 die Beschäftigung mit den Reizen eines neuen Automobils und seiner Finanzierung. Damit untergrabe ich selbstverständlich das Prinzip unserer Ökonomie, die auf der Stelle zusammenbräche, wenn Menschen nur noch kauften oder unternähmen, was nötig und sinnvoll ist. Allerdings sagt mir mein Bankkonto, dass am Ende des Monats wie durch ein Wunder doch wieder alles weg ist. Also besteht kein Grund zu einem schlechten Gewissen gegenüber unserer Wirtschaft.
Das dämpft bei unvermeidlichen Rückschlägen den emotionalen Aufprall und lehrt uns Normalität als wichtigste und gesündeste Konstante des Lebens
Vor gut 2500 Jahren, lange vor Christi Geburt, hat Buddha in einer atemberaubenden Vorwegnahme moderner neurobiologischer Erkenntnisse präzise erklärt, dass das menschliche Bewusstsein mit dem darunter liegenden Nervensystem auf die Wiederholung derselben äußeren Reize mit einem nachlassenden Effekt reagiert. Ohne Erhöhung der Dosis wird uns schnell fad, weshalb wir nach härteren Kicks streben und in einen Teufelskreis geraten, aus dem es kein Entrinnen gibt. Dieser Teufelskreis hält diese Welt seit dem Erscheinen des modernen Menschen in Atem und gefährdet inzwischen ernsthaft ihr ökologisches Gleichgewicht. Die Lösung wäre ein strikt ökonomischer Umgang mit diesem inneren Apparat, ein stark reduziertes Verlangen, niedere Erwartungen und bescheidene Ansprüche. Stark vereinfacht könnte man sagen: Normalität. Keine zu großen Ausschläge nach oben und unten. Das Glück des Einfachen zur Vermeidung von Täuschung und Enttäuschung. Für die allermeisten Menschen, mich eingeschlossen, ist ein konsequentes Leben nach diesen Erkenntnissen unmöglich, denn das innere Programm des Wollens ist einfach zu stark. Es hilft jedoch, von diesen Erkenntnissen zu wissen und ihre Logik zu erkennen.
Das dämpft bei unvermeidlichen Rückschlägen den emotionalen Aufprall und lehrt uns Normalität als wichtigste und gesündeste Konstante des Lebens. Die allermeisten Menschen, mich eingeschlossen, müssen erst durch ein dramatisches Ereignis – Tod oder schwere Krankheit – aus dieser Normalität gerissen werden, um zu verstehen, was sie bedeutet. Und wenn ihnen das Glück zuteil wird, wieder in sie zurückkehren zu dürfen, droht die harte Lehre des Lebens im Trubel des Hedonismus schnell wieder in Vergessenheit zu geraten.
Man muss täglich darum kämpfen, nicht derselbe Idiot zu werden wie zuvor. Deshalb liebe ich meine unspektakuläre Normalität mit den zumeist gedämpften Amplituden. Sie ist keine Krankheit, sondern eine Medizin. Und ich habe bereits die ersten Knospen an den Eichen und Buchen in meinem Wald gesehen. Der Frühling ist nicht mehr fern.
Frank Nägele war viele Jahre Redakteur im Ressort Sport des „Kölner Stadt-Anzeiger“. In seiner Kolumne schreibt er über alles, was (ihm) im Leben wichtig ist




