Abo

Leverkusener BrückeSchwerlastfahrt im Schneckentempo – gigantisches Bauteil rückt an

4 min
Einsetzen eines großen Stahlelements auf Stützen der Leverkusener Brücke. Bild: Ralf Krieger

Das Stahlteil kommt von links und ist mit 66 Metern so lang, dass es die gesamte Autobahnzufahrt überspannt. Den Asphalt der Autobahn 59 hat man mit Schotter und Stahlplatten verstärkt.

An der zweiten Leverkusener Autobahnbrücke läuft derzeit ein spektakulärer Bauabschnitt.

Das zweite Teilbauwerk der Leverkusener Brücke nimmt Gestalt an. Auf der Merkenicher Seite ist die Brücke schon gut zu erkennen, dort liegen schon neue Stahlteile auf den Stützen. Am Montag wurde auch auf Leverkusener Seite ein besonders großes Stahlteil eingesetzt. Für die Arbeiten sperrt die Autobahn GmbH die A 59 in Leverkusen bis zum 20. Mai. 

Einsetzen eines großen Stahlelements auf Stützen der Leverkusener Brücke. Bild: Ralf Krieger

Die Autobahn 59 ist mit Schotter und Stahlplatten abgedeckt.

Auf der Baustelle der zweiten Hälfte der Leverkusener Brücke haben die Bauleute mit dem Einfahren des Stahlüberbaus über der Autobahn 59 begonnen. Es ist eine Arbeit, die keine Eile verträgt: Erst am Donnerstag soll das Stahlelement endgültig auf den Pfeilern liegen. Es ist auch für die Brückenbauer eine besondere Arbeit, weil das Stück groß und schwer ist: Es wiegt 1200 Tonnen und hat die Maße 66 mal 33 Meter. Es gibt zwar Kräne, die so etwas heben können, hier nutze man aber ferngesteuerte und selbstfahrende Schwerlast-Transporter, erklärt der Projektleiter Thomas Müller.

Sogar Hobbyfotografen kommen an die Baustelle

Das eigentliche Problem ist, dass man das große Stahlelement in den vergangenen Monaten auf der späteren Fahrbahn der A1 zusammengeschweißt hat. Um es auf die Stützen und das Widerlager legen zu können, muss man es jetzt quasi über die Kante des Leverkusener Widerlagers herunterreichen. Bei 1200 Tonnen Masse geht das nicht mal eben. Das Teil wird auf der oberen Ebene mit den fahrbaren Transportern hochgebockt und so weit über die Kante geschoben, dass man es von unten mit zwei Transportwagen mit weit ausgefahrenen Stützen annehmen kann. So ähnlich, wie wenn man ein Sofa aus einem Fenster herausreichen möchte, beschreibt einer der Bauarbeiter den Ablauf treffend.

Einsetzen eines großen Stahlelements auf Stützen der Leverkusener Brücke. Bild: Ralf Krieger

Am Morgen wurden die selbstfahrenden Hubwagen vorbereitet.

Es geht im Schneckentempo: Die Presse ist am Montagmorgen zu dem Zeitpunkt eingeladen, an dem das Stahlteil halb noch oben auf dem Transportwagen steht und halb unten. Komplett über die Kante fahren will man die Last am Dienstagmorgen, ab 7 Uhr. Dennoch stehen auch am Montag schon Baustellenfans am Zaun und machen Fotos mit den längsten Objektiven, die sie haben.

Giftmüll von Bayer erschwert die Kranarbeiten

Warum man die Last nicht mit einem Kran gehoben hat, hat einen typisch Leverkusener Grund: Es gibt solche Kräne, aber die benötigen festen Boden. Die Autobahn 59, auf der man den Kran hätte aufstellen müssen, hätte den enormen Druck nicht vertragen, weil unter dem Asphalt die alte Bayer-Giftmüllaltlast liegt, und die ist zu locker. Der Kran könnte kippen. Aber auch für die selbstfahrenden Schwerlast-Transporter musste der Untergrund erst mit Schotter begradigt werden, auf den man zur Sicherheit noch Stahlplatten gelegt hat. Deshalb hat die Autobahn GmbH die A 59 bis zum 20. Mai gesperrt.

Thomas Müller, Projektleiter Leverkusener Brücke. Einsetzen eines großen Stahlelements auf Stützen der Leverkusener Brücke. Bild: Ralf Krieger

Thomas Müller ist der Projektleiter für die Leverkusener Brücke.

Wenn die zweite Autobahnbrücke fertig ist, werden auf jedem Übergang sechs Fahrspuren mit einem Standstreifen zur Verfügung stehen. Auf Leverkusener Seite wird kurz hinter der Brücke das nächste Nadelöhr entstehen: Die extrem breite Autobahn, die auf den zwei Brücken geführt wird, muss etwa in Höhe des Leverkusener Wasserturms verengt werden, Spuren müssen zusammenlaufen.

Einsetzen eines großen Stahlelements auf Stützen der Leverkusener Brücke. Bild: Ralf Krieger

Auf diesem Pfeiler wird das Stahlteil später liegen.

Mit der Verengung müssen Autofahrer so lange leben, bis die A1 auch in der Leverkusener Innenstadt auf die doppelte Breite ausgebaut wurde: Für diesen Ausbau hat sich der Begriff „Megastelze“ eingebürgert. Der Ausbau ist noch nicht genehmigt. An den Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren arbeitet die Autobahn GmbH zurzeit; 2029 könnte das Verfahren anlaufen.

Der Autobahnausbau der bestehenden Autobahn 1 fußt auf dem zehn Jahre alten Bundesverkehrswegeplan, der damals enorme Steigerungsraten, vorrangig beim Güterverkehr, voraussagte.

Es gibt auch Kritik am Leverkusener Autobahnausbau

Während viele staugeplagte Autofahrer den pauschalen Ausbau befürworten, gibt es Gegenstimmen, die fordern, dass man den Plan von 2016 aktualisieren müsste: Corona, Homeoffice, der russische Angriff und der Irankrieg, die Wirtschaftsflaute haben den Verkehr – und den Benzinpreis – verändert. Obwohl auch der „Leverkusener Anzeiger“ wiederholt aktuelle Verkehrszahlen der Autobahn GmbH eingefordert hat, wurden die seit einiger Zeit nicht geliefert. Der Thinktank „Agora Verkehrswende“ hat wie die Schweizer „Prognos“ für die Autobahnen sinkende Zahlen ermittelt.

Dennoch sollen die Autobahnen in Leverkusen ausgebaut werden, mit erheblichen Folgen für die Stadt: Versiegelung, Hitze, jahrelange Umleitungsverkehre. Dass Bayer 04 bei Heimspielen durch den Ausbau 1500 Parkplätze unter der Stelzenautobahn verlieren und entweder neue Parkflächen versiegeln wird oder ein Parkhaus am Stadion bauen muss, ist nur eine Folge.

Einsetzen eines großen Stahlelements auf Stützen der Leverkusener Brücke. Bild: Ralf Krieger

Einsetzen eines großen Stahlelements auf Stützen der Leverkusener Brücke.

Die Stadt Leverkusen hat zuletzt Neuland betreten und eine Studie in Auftrag gegeben, die die Folgen des Ausbaus für die Stadt Leverkusen herausarbeiten soll: Durch die Baustelle werden die Wirtschaft und die Einwohner Sperrungen und Staus ertragen müssen. Die gesundheitlichen Folgen für die Menschen und ökologische Verluste und die Auswirkungen aufs Stadtklima und die Luftqualität sollen genauso untersucht und beziffert werden, wie Folgen durch Enteignungen und die Schäden durch die übermäßige Beanspruchung der Infrastruktur. Es soll nicht einfach gewesen sein, ein von der Autobahn GmbH unabhängiges Institut für diese Untersuchung zu bekommen, heißt es. Viele Leverkusener hoffen auf ein Umdenken und Einfluss aufs Genehmigungsverfahren.

Vollständig genehmigt sind aber die zwei Autobahnbrücken, an denen in den kommenden Tagen am Leverkusener Widerlager schwer gehoben wird.