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WeltkrebstagZu Besuch in der Kölner Zellfabrik gegen den Krebs

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30.01.2026, Köln: In der Uniklinik werden CAR-T-Zellen hergestellt, die Krebs bekämpfen. Reportage von der Blutwäsche bis zur Zellproduktion - Ein Laborbesuch zum Weltkrebstag. Foto: Thilo Schmülgen

Marguerite Rinkens (78) wartet noch vier Tage, bis ihre T-Zellen so gut trainiert sind, dass sie den Krebs in ihrem Körper bekämpfen können.

In Köln rüstet ein Klinikum als eine der ersten Kliniken Deutschlands selbst CAR‑T‑Zellen auf – personalisierte Killerzellen gegen Krebs. Für Patienten eine große Chance. Doch die Krankenkassen stellen sich quer.

14 Stockwerke trennen Marguerite Rinkens und ihre T‑Zellen. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie den Colonius, irgendwo ragen die Domtürme in den Himmel. Doch während das Panorama im Sonnenlicht glänzt, kreisen ihre Gedanken meist um Hund Bella, ihren spanischen Clochard, und um ihren Mann, der in Krefeld „nun alles alleine schultern“ muss. Und natürlich um jene Zellen, die ein paar Dutzend Meter unter ihr in einer Maschine auf ihren Einsatz vorbereitet werden. „Wir dürfen jetzt nicht aufgeben“, sagt die 78-Jährige und richtet sich im Bett auf. „Ihre Zellen geben schon Gas“, sagt Professor Christof Scheid. „Etwa die Hälfte ist schon gerüstet.“ Ein sehr guter Wert. Fünf Tage noch, dann beginnt der Kampf in Rinkens' Körper.

Vor drei Jahren hat ein Sporttraining das Leben der Seniorin verändert: Fast wäre sie danach zusammengebrochen. Die Diagnose lautete Anämie – ein Warnsignal. Wenn Krebs das Knochenmark befällt, bricht die Blutproduktion ein, es kommt zu Erschöpfung, Atemnot, erklärt Scheid. Die Diagnose bestätigt die Befürchtung. Es folgte die übliche Behandlungskarriere: erste Chemotherapie, zweite Chemotherapie, dann Antikörper. Drei Jahre später: Rückfall. Jetzt bleibt nur noch eine neue, hochspezialisierte Waffe – CAR‑T‑Zellen. Dafür werden die eigenen Killerzellen der Patientin trainiert und mit neuer Ausrüstung ausgestattet, damit sie den Tumor erkennen und zerstören können. Doch für Rinkens' Erkrankung existiert keine zugelassene kommerzielle CAR‑T‑Therapie. Also haben Scheid und sein Team die Sache selbst übernommen. Im Reinraum im zweiten Stock brummt eine Maschine aus Zentrifugen, durchsichtigen Schläuchen, Ventilen und Beuteln voller Nährlösung – eine Art Rund-um-die-Uhr-Fitnessclub für ein paar Millionen Zellen aus Rinkens' Blut.

30.01.2026, Köln: In der Uniklinik werden CAR-T-Zellen hergestellt, die Krebs bekämpfen. Reportage von der Blutwäsche bis zur Zellproduktion - Ein Laborbesuch zum Weltkrebstag. Foto: Thilo Schmülgen

Der Reinraum, in dem Marguertite Rinkens' Zellen aufgemotzt werden, ist durch mehrere Türen gesichert. Hinein darf nur speziell geschultes Personal in Spezialkleidung.

Die Uniklinik Köln ist eine der ersten Kliniken in Deutschland, die solche individuell hergestellten CAR‑T‑Zellen für Einzelfälle anbieten kann – ein Meilenstein, der weit über den Fall dieser Seniorin hinausreicht. Denn an der Schnittstelle zwischen Klinik und Pharmazie ballen sich die Probleme wie Schmutz in einer Fliesenfuge. Kliniken dürfen Patienten behandeln und diese Arbeit abrechnen, für die Abrechnung von Arzneimitteln dagegen gelten andere Regeln.

Dass Köln dennoch die Erlaubnis der Bezirksregierung zur Zellproduktion bekam, ist ein bundesweit beachtetes Signal: Ein Medizinbetrieb kann zur Fabrik für individuelle Heilpräparate werden. Doch genau dort beginnt der Konflikt. „Die Krankenkasse übernimmt bisher die Kosten nicht. Weil die Therapie für diese Krebsart nicht zugelassen ist, zweifeln sie die Qualität an. Außerdem glauben sie nicht, dass bei Frau Rinkens schon alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind“, sagt Scheid. In dieser paradoxen Lage prallen Systemlogik und individuelle Heilungschance frontal aufeinander: Krankenkassen zahlen in der Regel nur für Therapien, die zugelassen sind. Zugelassen wird aber nur, was bei vielen möglichst gleich wirkt. Und eine Einzelfall-Behandlung mit CAR‑T‑Zellen passt eben nicht gut in dieses System.

30.01.2026, Köln: In der Uniklinik werden CAR-T-Zellen hergestellt, die Krebs bekämpfen. Reportage von der Blutwäsche bis zur Zellproduktion - Ein Laborbesuch zum Weltkrebstag. Prof. dr. Christoph Scheid im Gespräch mit einer Patientin. Foto: Thilo Schmülgen

Onkologe Christof Scheid erklärt Patientin Rinkens, wie die Therapie ablaufen soll.

Bei Rinkens ist die Uniklinik daher zunächst in Vorleistung gegangen – und will das künftig jedes Jahr für eine kleine zweistellige Zahl weiterer Patienten tun, für die kein zugelassenes CART-Produkt verfügbar ist. Köln will zwei Wirklichkeiten zusammenbringen, die eigentlich nicht kompatibel sind: die Individualmedizin und die auf Serienproduktion ausgelegte Kassenzulassung. „Wir wollen erreichen, dass künftig der Baukasten zugelassen wird – also die Produktionsschritte, nicht das fertige Zellprodukt“, sagt Scheid. Nur so ließe sich eine personalisierte Therapie entwickeln, die dennoch erstattet wird. Eine Lösung, die das System verändern könnte. Und am Ende nicht einmal teurer wäre für die Allgemeinheit. „Unsere Therapie im Haus ist oft viel günstiger als die zugelassenen Zellprodukte. Außerdem entfallen aufwändige Transportwege und die Zellen müssen dafür auch nicht eingefroren werden.“

Erkenntnisse aus der Uniklinik könnten der Pharmaindustrie helfen

Simon Lennartz läuft mit federnden Schritten über den Flur, schiebt sich immer wieder das lange Deckhaar aus der Stirn. Wenn er über CAR‑T Zellen, Rezeptoren oder Zellkulturen spricht, sprudeln die Worte, als erzähle er von einem perfekten Kuchenrezept. Der Biotechnologe leitet an der Uniklinik das CAR-T-Zellen-Produktionslabor. Seine Gedanken, so wirkt es, verlassen den Reinraum nie für lange Zeit. „In der individuellen Medizin bewegen wir uns weg von der Pharmaindustrie. Weil wir nun selbst herstellen dürfen, können wir leichter in Zukunft neue Zelltherapien entwickeln.“ Lennartz’ Augen leuchten durch seine Brillengläser. Am Ende könnten die Erkenntnisse aus der Klinik aber auch der Industrie helfen – als Grundlage für weitere Entwicklungen und bessere Chancen, den richtigen Forschungsweg zu finden.

30.01.2026, Köln: In der Uniklinik werden CAR-T-Zellen hergestellt, die Krebs bekämpfen. Reportage von der Blutwäsche bis zur Zellproduktion - Ein Laborbesuch zum Weltkrebstag. Simon Lennartz. Foto: Thilo Schmülgen

Simon Lennartz hat in Aachen Biotechnologie studiert. Sein Traum: Auch solide Tumore wie Brustkrebs durch CAR-T-Zellen bekämpfen zu können.

Zwei Stunden lang filtert eine Maschine die weißen Zellen aus Rinkens' Blut. Über eine Kanüle an der Halsschlagader strömt rote Flüssigkeit durch Schläuche, über Drehteller, wird zentrifugiert. Am Ende landet eine milchig-rote Flüssigkeit in einem Beutel, der wie an einer Angel über einer grauen Box schwebt. Der Rest fließt zurück in ihren Körper. Dann trägt ein Mitarbeiter den Beutel durchs Treppenhaus, bevor Lennartz ihn im Reinraum an eine zweite Maschine anschließt. Von oben tropft Nährlösung nach – Weiterbildung macht selbst Zellen hungrig, unten wärmt eine Art Brutkasten die Zellen auf Körpertemperatur.

Das Ziel: Auch solide Tumore wie Brustkrebs mit CAR-T-Zellen bekämpfen

Doch Lennartz denkt bereits weiter: „Was wir bei Lymphomen schaffen, könnte man auch bei soliden Tumoren wie Brustkrebs versuchen.“ Eine Revolution wäre das, sagt er: Am Ende stünde ein trainiertes Immunsystem, das selbstständig und vielleicht über viele Jahre hinweg oder gar für immer Tumore bekämpft. Doch der Weg ist noch weit. „Im Moment trainieren wir die Zellen, befallene B‑Zellen bei Lymphomen zu zerstören. Sterben dabei gesunde mit, ist das verkraftbar, weil B-Zellen nicht lebensnotwendig sind. Bei Darmkrebs zum Beispiel aber müssten wir gezielt die entarteten Darmzellen treffen. Wenn die CAR-T Zellen dann versehentlich den gesamten Darm angreifen würden – eine Katastrophe. Unsere aktuelle Forschung konzentriert sich auf Lösungsansätze für diese komplexe Herausforderung.

30.01.2026, Köln: In der Uniklinik werden CAR-T-Zellen hergestellt, die Krebs bekämpfen. Reportage von der Blutwäsche bis zur Zellproduktion - Ein Laborbesuch zum Weltkrebstag. Foto: Thilo Schmülgen

Über Schläuche und Drehteller wird das Blut aus der Vene der Patientin gewaschen. Im Beutel landet die sogenannte weiße Schicht mit den T-Zellen, der Rest der Flüssigkeit fließt zurück in den Körper der Patientin.

Marguerite Rinkens im 16. Stock und ihre Zellen im zweiten haben auch noch viel zu tun. Für die Patientin steht eine „milde Chemotherapie“ an, wie Scheid sagt. Damit soll ihr Immunsystem in eine Art Schockzustand versetzt werden, damit die aufgerüsteten Zellen nicht sofort bekämpft werden. Auch die Zellen müssen sich in den kommenden Tagen weiter teilen und stärken. Zweieinhalb Millionen präparierte T‑Zellen pro Kilogramm Körpergewicht sollen bald in ihre Vene fließen. Rinkens hat die Menge längst überschlagen. Zahlen sind ihr Element. „Ich habe beim Steuerberater gelernt und später in der Gehalts- und Reisekostenabrechnung einer großen Firma gearbeitet. Die Telefonnummer weiß ich heute noch auswendig.“ In diesen Tagen sind ihr aber vor allem zwei Zahlen im Gedächtnis: Fünf und 14. In fünf Tagen kommt die Kampfinfusion. Und in weitern 14 kann sie dann hoffentlich nach Hause zu ihrem Mann und Bella. Vielleicht gesellt sich dann bald noch die 10 dazu: So viele Kilometer läuft Rinkens für gewöhnlich mit der Hündin. „Jeden Tag mit ihr über die Felder. Das ist mein großes Ziel.“