Drei Todesfälle mit dem Hantavirus gab es auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ – wie Experten das Infektionsrisiko in Köln bewerten.
Hantavirus auf SchiffKontaktperson nach Düsseldorf evakuiert – Das sagt ein Kölner Experte
Fast 150 Menschen sitzen seit Sonntag auf einem Kreuzfahrtschiff vor Kap Verde, einem kleinen Küstenstaat vor der Westküste Afrikas, fest. Der Grund: Auf der „MV Hondius“ ist das Hantavirus ausgebrochen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von sieben mutmaßlich Infizierten, davon fünf Verdachts- und zwei bestätigten Fällen. Bislang sind drei Passagiere gestorben, Medienberichten zufolge eine 78-jährige Deutsche aus Passau und ein älteres niederländisches Ehepaar.
Ein weiterer Patient wurde bereits evakuiert und intensivmedizinisch in Südafrika behandelt. Am Mittwoch sind zudem zwei erkrankte Crewmitglieder, ein Brite (56) und ein Niederländer (41), am Hafen von Praia von Bord geholt worden. Sie benötigten dringend medizinische Hilfe, hieß es. Teil der Evakuierung war auch eine Kontaktperson, den Angaben des niederländischen Außenministeriums zufolge eine 65‑jährige Deutsche. Sie wurde vom Flughafen in Amsterdam mit einem Hochinfektionstransport weiter nach Düsseldorf gebracht.
Auch Deutsche von Kreuzfahrtschiff geholt
„Die Feuerwehr Düsseldorf und das Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) übernehmen gemeinsam den Transport und die vorsorgliche medizinische Abklärung“, berichtete das Klinikum. Man gehe davon aus, dass die betreffende Person – weitere Angaben zu ihr wurden nicht gemacht – nicht infiziert sei.

Polizisten am Mittwochabend (6. Mai) bei einem Rettungswagen, der eine deutsche Patientin in das Infektionszentrum der Uniklinik Düsseldorf bringt.
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Ohnehin schätzen Experten die Gefahren für die Bevölkerung als gering ein. „In dieser Phase bleibt das gesamte öffentliche Gesundheitsrisiko niedrig“, sagte der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus im Rahmen der Evakuierungsaktion. Anders ist die Lage auf dem Schiff. Dort gelten Regeln, wie man sie aus der Corona-Zeit kennt. Abstand halten und Hände desinfizieren, sagte eine 61-jährige Passagierin der belgischen Zeitung „Het Laatste Nieuws“: „Die Umstände sind ziemlich gut. Wir machen uns natürlich Sorgen um unsere kranken Passagiere.“
Wie es zum mutmaßlichen Ausbruch des Hantavirus auf der „Hondius“ kommen konnte und ob Gefahren durch den Erreger auf Kreuzfahrtschiffen und nun in Nordrhein-Westfalen drohen:
Was ist das Hantavirus – und wie gefährlich ist es für uns?
Zunächst: Es gibt nicht ein einziges Hantavirus, sondern viele verschiedene Spezies, erklärt Henning Grüll, Virologe an der Uniklinik Köln. „Ein Hantavirus, das man sich in Köln einfängt, unterscheidet sich stark von einem Hantavirus in Argentinien oder in China.“ Das zeige sich in unterschiedlichen Krankheitsbildern und ‑verläufen.
In Europa ist überwiegend die Niere betroffen, es kann zu Fieber und Einblutungen kommen – allerdings ist der Verlauf meist mild. „Viele kriegen von der Erkrankung gar nichts mit und der Körper erholt sich von allein“, so Grüll. Vereinzelt seien Dialysen notwendig. Laut Robert-Koch-Institut liegt die Sterblichkeit für die in Deutschland vorkommende Variante bei unter einem Prozent.
Die amerikanische Spezies, also die, die mutmaßlich auf dem Schiff ausgebrochen ist, äußert sich im kardio-pulmonalen Syndrom. Betroffen ist vor allem die Lunge. Auch die Patienten auf dem Kreuzfahrtschiff zeigten Symptome wie Atemnot und Kurzatmigkeit, aber auch Fieber und Magen-Darm-Beschwerden, wie die WHO berichtet. Der Krankheitsverlauf sei deutlich schneller und schwerer und ende häufiger in intensivmedizinischer Behandlung, erklärt der Kölner Virologe. Laut WHO liegt die Sterblichkeit bei bis zu 50 Prozent.
Wie wird das Virus übertragen?
Die Viren werden meist durch Staub übertragen, der mit Ausscheidungen von Nagetieren kontaminiert ist. Weder Bisse noch direkter Hautkontakt mit den Tieren sorgen für etwaige Ansteckungen, sondern die Übertragung durch die Luft.

Die Rötelmaus ist der Wirt der europäischen Hantavirus-Variante (Puumala-Virus).
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Im Fall vom Kreuzfahrtschiff „Hondius“ scheinen zwei Szenarien plausibel, wie Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) erklärt: „Erstens könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben.“ Zweitens sei auch eine Infektion durch Nagetiere an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche, Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar – „etwa wenn Mäuse oder Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben“.
Warum ist der Hantavirus-Ausbruch auf der „Hondius“ ungewöhnlich?
Mensch-zu-Mensch-Übertragungen gebe es bei den meisten Hantaviren nicht, sagt Grüll. Eine Ausnahme ist die südamerikanische Andes-Variante – und dieser Typ wurde an Bord festgestellt. In seltenen Fällen könne das Andesvirus bei engem, langen Kontakt – etwa zwischen Familienmitgliedern oder Partnerin und Partner – zwischen Menschen ausgetauscht werden.
„Das ist ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das man in dieser Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht erwarten würde“, sagte Schmidt-Chanasit.
Sind Kreuzfahrten generell gefährdet für Infektionsketten?
„Dieser Ausbruch von Hantavirus-Infektionen deutet nicht auf ein generelles Risiko im Zusammenhang mit Kreuzfahrten hin, sondern spiegelt ein lokal begrenztes, situationsbedingtes Expositionsereignis wider“, teilte das Global Virus Network (GVN) mit, ein Zusammenschluss von Forschungseinrichtungen und Organisationen mit Expertise zu Viruserkrankungen.
Die am häufigsten gemeldeten Krankheiten auf Kreuzfahrtschiffen betreffen nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC Magen-Darm-Infektionen (30 bis 40 Prozent), etwa durch das Norovirus, Verletzungen durch Ausrutschen, Stolpern oder Stürzen (12 bis 18 Prozent) und Atemwegsinfektionen, darunter Grippe und Corona (10 Prozent).
Wie häufig tritt das Hantavirus in Deutschland auf?
Das Hantavirus ist eine meldepflichtige Erkrankung. Pro Jahr stellen die Behörden hohe Schwankungen fest: zwischen 100 und 2000 Fällen, sagt Grüll. Zurückzuführen ist sie auf die Population der Rötelmaus, dem Überträger in unseren Gefilden. „Wenn Buchen besonders viele Eckern tragen, wenn es also viel zu futtern gibt, vermehren sich die Tiere besonders stark – und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Mensch infiziert“, so Grüll. Für Köln schätzt das nordrhein-westfälische Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz das Infektionsrisiko 2026 als niedrig ein. Lediglich in Coesfeld wird ein mittleres Risiko erwartet. Insgesamt meldet das Amt in diesem Jahr bislang zwölf Fälle, drei davon im Rhein-Erft-Kreis. 2024 wurden insgesamt 37 Erkrankte dokumentiert.
Muss man sich in Deutschland Sorgen machen?
„Nein“, sagt Virologe Grüll. „Es ist nicht davon auszugehen, dass es zu weiteren Übertragungen kommt.“ Man werde alle Infizierten und Kontaktpersonen auf dem Schiff engmaschig überwachen, um die Verbreitung auszuschließen. Auch wenn es Hantaviren bei uns vor der Haustür gibt: Die aktuellen Geschehnisse auf der „Hondius“ hätten nichts mit den meist mild verlaufenden Erkrankungen in Deutschland zu tun.
Auch Vergleiche zur Corona-Pandemie lehnt der Virologe entschieden ab und betont: „Dieser Fall ist gänzlich anders zu werten. Anders als Covid oder Influenza verbreitet sich dieses Virus nicht stark von einer Person zur anderen über die Luft.“ Das Virus sei nicht neu. Immer mal wieder infizierten sich Menschen – bislang ohne pandemische Ausbreitung. (mit dpa)
