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WeltkrebstagJeder Geburtstag ein Sieg gegen die Statistik

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Marike Kruisselbrink und der onkologische Chirurg Professor Dr. Michael Ströhlein sitzen sich gegenüber.

Marike Kruisselbrink ist 47 Jahre, ihr jüngstes Kind erst sieben Jahre alt, als man ihr mitteilt, dass sie unheilbar an einem Tumor des Bauchfells erkrankt ist. An der Klinik in Merheim entscheidet sich Professor Dr. Michael Ströhlein, sie zu behandeln. Seit drei Jahren ist sie nun krebsfrei.

Marike Kruisselbrink sollte längst nicht mehr leben. Doch an jedem Geburtstag feiert sie ein neues Kapitel ihrer zweiten Chance.

Jeder Geburtstag ist für Marike Kruisselbrink ein Sieg. Sie feiert diese Tage, als hätte sie sich monatelang durchs Unterholz kämpfen müssen und sei nun stolz, erneut die Ziellinie erreicht zu haben. Ihre Augen leuchten, wenn sie darüber spricht – als wäre sie ein Kind und hätte gerade jemanden ausgetrickst. Und in gewisser Weise stimmt das sogar.

Ein Tumor – so groß, dass man zwei Hände braucht, um sein Volumen zu beschreiben – wucherte in ihrer Bauchhöhle. Entdeckt wurde er durch einen Zufallsbefund bei ihrer Gynäkologin in Kleve und auch bei einer anschließenden kleineren OP kam man ihm nur auf die Spur, weil der Chirurg vorsichtshalber und mehr der Neugier wegen auch einmal in die Bauchhöhle guckte. Das war am 3. November 2022. Kruisselbrink erinnert sich so genau, weil man ihr an diesem Tag zwei Worte entgegenschleuderte, die ihr gesamtes bisheriges Leben zum Kippen brachten: Tödlich, und zwar bald.

02.02.2026 Köln. Weltkrebstag. Marike Kruisselbrink lacht in die Kamera.

Marike Kruisselbrink sagt: „Ich erfülle alle Klischees: Ich rege mich nicht mehr auf über Unwichtiges wie etwas zu viel Speck hier oder eine Falte da. Ich genieße, was ich kriegen kann.“

Dass Kruisselbrink heute lachend in der frühen Februarsonne vor den Städtischen Kliniken in Köln Merheim steht, die Haare in denselben Farben leuchtend wie ihre Strickjacke – lila, grün, blau, pink, um den Hals eine Kette mit einer Fledermaus, in den Ohren schillernde Lebensbäume - das verdankt sie ihrem eigenen Überlebenswillen: „Ich habe drei Kinder, ich hatte gar keine andere Wahl.“

Marike Kruisselbrink wurde in Köln-Merheim behandelt

Dem Zuspruch ihrer Familie. Der Erfahrung und dem handwerklichen Geschick von Michael Ströhlein, Leiter der Sektion Spezielle Onkologische Chirurgie in Merheim: Blondes Haar, das ihm etwas zu lang in die Stirn hängt, Brille, zupackendes Lächeln über weißem Arztkittel. Ein technisch erfahrener Handwerker im Operationssaal, wie er selbst sagt, außerhalb aber eben einfach „ein Mensch, dem man vertrauen kann“, was für seine Patienten mindestens genauso wichtig sei. Doch Kruisselbrink verdankt ihr Leben auch etwas Größerem: den Errungenschaften eines Gesundheits- und Forschungssystems, das in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht hat.

Vor wenigen Jahrzehnten, so sagt Ströhlein, rückte man dem Krebs weitgehend archaisch zu Leibe: „Wir hatten ein Messer zum Rausschneiden und Gift für die Chemotherapie.“ Besonders kreativ und variantenreich war das nicht. Heute gebe es in drei Gebieten große Weiterentwicklungen: „Wir haben viele neue Medikamente mit erstaunlicher Wirkung. Auch die Operationsmethoden sind durch die Robotik und die bildgebenden Verfahren viel feiner und schonender geworden.“

Krebstherapie: Viele Fachbereiche arbeiten zusammen

Und dann sei da noch die Interdisziplinarität. Kein Onkologe grüble allein an einem Fall. In Merheim träfen sich dienstags oft zwanzig Kolleginnen und Kollegen unterschiedlichster Fachrichtungen und debattierten darüber, wie man bestimmten Patienten am besten helfen könnte: „Der Onkologe, der Chirurg, der Gastroenterologe, der Radiologe, der Pathologe, der Strahlentherapeut, aber auch der Ernährungsmediziner und Psychoonkologe machen zusammen einen Plan und versuchen im Denken vor den Tumor zu kommen. Nur so können wir ihn bestmöglich bekämpfen“, sagt Ströhlein. Komplizierte Erkrankungen bedürften individueller Lösungen; Schema F erspare zwar Absprachen, habe sich im Kampf gegen den Krebs aber schnell zerschlissen.

Für den Patienten eines spezialisierten Krebszentrums bedeute die Weiterentwicklung nicht weniger als die begründete Hoffnung, auch nach einer schweren Diagnose weiterzuleben. Und das mit hoher Lebensqualität. Marike Kruisselbrink sagt: „Ich kann eigentlich alles essen. Ich brauche kein Stoma. Ich kann für meine Kinder da sein, kann arbeiten.“

Wir hatten ein Messer zum Rausschneiden und Gift für die Chemotherapie
Professor Dr. Michael Ströhlein

Was man im Krankenhaus in Kleve als tödlich bezeichnete, hat Ströhlein in einer Sieben-Stunden-OP aus Kruisselbrinks Bauchhöhle herausoperiert: Befallene Darmabschnitte, Teile des Zwerchfells, die Milz. „Ganz sauber in Körperschichten, wir haben quasi jeden Tapetenrest mit entfernt.“ Am Ende konnte Ströhlein Kruisselbrinks Freund anrufen und die beiden Dinge sagen, die dieser sich stundenlang über den Flur tigernd gewünscht hatte: „Operation gut verlaufen, Tumor komplett entfernt.“ Da lag Kruisselbrink noch drei Stunden in Narkose und ließ sich den Bauch mit einer 42 Grad heißen Chemotherapie durchspülen. Hypertherme intraperitoneale Chemotherapie, kurz HIPEC, nennt man das. Kruisselbrink verdankt der Kombination ihr Leben. „Unbehandelt sind Patienten mit einem solchen Adenokarzinom innerhalb eines Jahres tot“, sagt Ströhlein.

Alle sechs Monate meldet Ströhlein: Immer noch krebsfrei

Sieben Wochen nach der Diagnose konnte Kruisselbrink zu Hause mit ihren Kindern Weihnachten feiern. „Naja, ich war zumindest da. Auch wenn ich lange den Weg zwischen den beiden Sofas nicht geschafft habe, so schwach war ich“, sagt sie. Bei einer solch umfassenden Operation verlange man den Patienten alles ab. „Wir müssen da ans Limit gehen. Ich glaube nicht, dass Sie in ihrem Leben jemals wieder eine solche Extrembelastung durchstehen müssen“, sagt Ströhlein. Aber die Kraft kehrte zurück. Nach einer Chemotherapie folgte der Aufenthalt in einer Reha-Klinik und schon im Herbst des Folgejahres begann sie wieder, in Teilzeit zu arbeiten. Alle sechs Monate reist Kruisselbrink mit ihrem Freund nach Köln, alle sechs Monate blickt Ströhlein auf die Untersuchungsergebnisse, lächelt und sagt: „Immer noch krebsfrei.“

Der Tumor ist weg, besiegt vielleicht sogar, aber er hat die heute 50-Jährige verändert. Die Operation hinterließ Narben, zwischenzeitlich litt sie an einem Abszess. Anfangs quälten sie Albträume. Sie rannte. Irgendwo war da ein Lama. Es kostete sie große Anstrengung, den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren. Eine Zeit lang hinterließ jedes Lebensmittel einen ekligen Geschmack in ihrem Mund, Hände und Füße schmerzen noch heute – beides Nebenwirkungen der Chemotherapie. Auch das Energielevel erreicht frühere Spitzen nicht mehr. In ihren ehemaligen Einsatzbereich als Krankenschwester auf Station konnte sie nicht zurückkehren, heute betreut sie in Teilzeit Therapiegruppen suchtkranker Männer. „Ich verhalte mich heute wie eine alte Dame und brauche zum Beispiel immer ein Mittagsschläfchen.“

Aber da sind auch einige positive Dinge im Koffer, den die Erkrankung mit in Kruisselbrinks Leben geschleppt hat: „Ich erfülle alle Klischees: Ich rege mich nicht mehr auf über Unwichtiges wie etwas zu viel Speck hier oder eine Falte da. Ich genieße, was ich kriegen kann.“ Auch Bassgitarre spiele sie wieder. Welche Musik? „Laut“, sagt Kruisselbrink und lacht. Vielleicht wird ihr Leben bald noch ein wenig lauter. Vor einer Woche hat sich eine Heavy-Metal-Band gemeldet, die ein neues Mitglied sucht.