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Konzert für guten ZweckOrchestermusik in Euskirchen auf einem enorm hohen Niveau

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Das Bild zeigt einen Teil des Heeresmusikkorps.

Zeitgenössische Stücke im Rahmen des Benefizkonzertes des Heeresmusikkorps in der Alten Tuchfabrik wurden teilweise mit modernen Instrumenten ergänzt, wie der Bassgitarre.

Beim Benefizkonzert des Heeresmusikkorps Koblenz in der Alten Tuchfabrik überraschte der „Wohnraum“ mit einer brillanten Akustik.

Könnten brillante Orchesterklänge Kriege zum Erliegen bringen – das Konzert des Heeresmusikkorps Koblenz im „Wohnraum“ der Alten Tuchfabrik in Euskirchen hätte wohl reihenweise Kriegshandlungen zum Stillstand gebracht.

Anlass für dieses Benefizkonzert war die Idee des Geschäftsführers und Initiators der „Stiftung Ahrtal“, des 33-jährigen Nick Falkner, der selbst Soldat ist. Seine persönliche Geschichte im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe 2021 bildete den Ausgangspunkt für diesen gelungenen Abend.

Die Flut war der Auslöser für das Hilfsprojekt

Begonnen hatte alles in der Nacht des Starkregens, als Falkner bewusst wurde, dass „das mehr ist als ein Hochwasser“, wie er rückblickend schildert. In seiner Wohnung in der Grafschaft hörte er am Abend das zunehmende Rauschen. Und wie junge Menschen heute handeln, tat er das Naheliegendste: Er gründete eine Facebook-Gruppe. Bis 4 Uhr morgens hatte er bereits 300 bis 500 Kontakte aktiviert. „Nach drei Wochen hatten wir schon 84.000 Mitglieder.“

Falkner erzählt seine Erlebnisse so flüssig, dass spürbar wird, wie oft er sie bereits weitergegeben hat: „Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine Spendenkoordination. Ich sprach den Einsatzleiter im Ahrtal an, ob es nicht sinnvoll wäre, die Sachspenden zu bündeln. Er antwortete: ‚Wer soll das machen?‘“

Schnell waren rund 120 Aktive am Start

Falkner erkannte den Bedarf an Initiative und gründete im August 2021 die „Stiftung Ahrtal“. Schnell wurde auch auf Landesebene erkannt, dass diese Stiftung Substanz hat – Rheinland-Pfalz unterstützte das Projekt, stellte Fahrzeuge zur Verfügung, und der Bau einer Halle wurde ermöglicht.

Bereits damals engagierten sich rund 120 Aktive ehrenamtlich für die Ziele der Stiftung. Im Ahrtal sowie im weiteren betroffenen Umfeld bis nach Euskirchen entstanden Spendenverteilzentren, die bis heute betrieben werden. Eine enge Vernetzung mit zahlreichen Unternehmen sorgt weiterhin für steten Nachschub. „In diesem Jahr werden wir den Warenwert der Spenden von 25 Millionen Euro überschreiten“, sagt Falkner mit berechtigtem Stolz.

Von dieser Koordinationsarbeit profitieren neben Einzelpersonen in Not auch zahlreiche Vereine, Kitas und Schulen. Maßgeblich ist dabei stets die konkrete Bedarfslage. Die Stiftung arbeitet pragmatisch: „Wir sind eine Art Trichter für alle, die das Ahrtal unterstützen wollen. Wir haben keine Betriebskosten, weil alles ehrenamtlich geleistet wird. Außerdem gibt es einen Bürgerrat als Kontrollgremium, der unsere Arbeit und die Verwendung der Gelder überwacht. Absolute Transparenz ist uns wichtig – zweimal im Jahr legen wir alle Zahlen offen.“ Für Falkner bedeutet die Ahrtalhilfe einen tiefen Einschnitt in sein Leben: „Sie nimmt praktisch meine gesamte Freizeit in Anspruch.“

Das Bild zeigt den Major während des Auftritts des Heeresmuksikkorps.

Major Holger Kolodziej dirigierte das Heeresmusikkorps Koblenz mit viel Energie und Präzision durch die oft schweren Passagen des Benefizkonzertes.

Mit einem Team von Helfern war er auch in der Tuchfabrik präsent. Ein Verkaufsstand wurde betreut, Eintrittskarten kontrolliert und die Versorgung des Heeresmusikkorps organisiert. Am Ende des Abends blickte man in viele zufriedene Gesichter.

Auch die Mitarbeiter der Stadt Euskirchen leisteten Großartiges. Da das Stadttheater aufgrund statischer Überprüfungen vorerst nicht genutzt werden kann, wurde das Konzert mit nur zwei Wochen Vorlauf in die Tuchfabrik verlegt. Der städtische Mitarbeiter Wolfgang Eicks schilderte den erheblichen organisatorischen Aufwand: Eine Bühne musste errichtet und rund 550 Stühle aufgestellt werden.

Umzug in den Wohnraum war fürs Konzert kein Nachteil

Für den Konzertgenuss erwies sich der Umzug jedoch keineswegs als Nachteil – im Gegenteil. Die Halle überzeugte mit einer überraschend brillanten Akustik. Selbst leise Instrumente waren differenziert aus dem Gesamtklang herauszuhören – ein Genuss für alle, die Musik nicht nur zur Unterhaltung hören. Auch die musikalische Leistung des Heeresmusikkorps unter der Leitung von Major Holger Kolodziej war beeindruckend. Das Orchester feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen; entsprechend fanden sich zahlreiche Werke mit Bezug zu Jubiläen im Programm.

Besonders eindrucksvoll waren Leonard Bernsteins „Symphonic Dances“ aus der „West Side Story“ sowie Igor Strawinskys „Feuervogel“. Die oft abrupten rhythmischen Wechsel und ungewohnten Klangstrukturen verlangten den Musikerinnen und Musikern höchste Konzentration und technische Präzision ab. Man konnte förmlich sehen, wie innerlich mitgezählt wurde, um keinen Einsatz zu verpassen.

Interpretationen der Musik bleiben stets lebendig

Dabei blieb die Interpretation stets lebendig und ausdrucksstark – nie wirkte sie rein technisch. Das Publikum honorierte diese Leistung nach jedem Stück mit begeistertem Applaus. Orchestermusik auf diesem Niveau ist in Euskirchen selten zu erleben.

Auch Dirigent Kolodziej wurde sichtbar gefordert – nicht nur musikalisch, sondern auch körperlich. Zwischen den Stücken musste er immer wieder durchatmen. Sämtliche Werke waren für Blechbläser arrangiert. „Ich bewundere die Musiker, die die Geigenstimmen übernommen haben“, sagte er. „Das ist unglaublich anspruchsvoll, besonders in den leisen Passagen.“

Nicht zuletzt die gelungene Mischung aus anspruchsvoller, mitreißender Musik und der oft humorvollen Moderation des Dirigenten machte den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis. Falkner zeigte sich erfreut über die große Resonanz: Rund 500 Besucher kamen und trugen mit ihren Eintrittsgeldern zur Milderung der Flutfolgen bei.