Der Eingriff von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer löst in der Buchhandlung Hentschel Empörung aus.
Weimer-EingriffSo reagieren Burscheids Preisträger auf den Eklat beim Buchhandelspreis

Das Team der Buchhandlung Hentschel wurde schon viermal mit dem Deutschen Buchhandelspreis ausgezeichnet. Aber diesmal wird es keine feierliche Verleihung des Preises geben.
Copyright: Buchhandlung Hentschel
Ein bisschen gefreut hatte sich Andrea Lunau schon – und vorbereitet. Nächsten Donnerstag, das ist der 19. März, sollte eigentlich der Deutsche Buchhandlungspreis erstmals im Rahmen der Leipziger Buchmesse verliehen werden. „In einem konzentrierten, würdevollen Festakt“, so die Beschreibung von Ingo Mix, dem Leiter der Abteilung Kunst- und Kulturförderung im Haus von Wolfram Weimer.
Aber am Dienstag kam die Absage aus Berlin. Denn die Debatte um die Nichtberücksichtigung von drei Juryvorschlägen drohe „den eigentlichen Sinn der Veranstaltung – nämlich die Auszeichnung und Ehrung unabhängiger Buchhandlungen – zunehmend zu überlagern“, hieß es zur Begründung. „Eine angemessene Würdigung der Preisträgerinnen und Preisträger scheint in einem solchen Kontext kaum noch möglich“, heißt es weiter.
Scheck statt Festakt
Statt eines Festakts gibt es jetzt nur noch einen Scheck und eine Urkunde, die per Post an die Buchhandlung Hentschel gehen werden. Sie wurde bereits zum vierten Mal ausgezeichnet. Wer – und auch dazu zählte das Burscheider Haus schon – die Hauptpreise bekommt, werde später bekannt gegeben, so die weitere Information aus dem Kulturstaatsministerium.
Lunau, die mit Uta Hentschel das Geschäft in der Hauptstraße führt, erklärt sich die Absage auf Nachfrage so: „Der Kulturstaatsminister hatte wohl Angst, die Preise vor leeren Rängen zu verleihen.“ Denn nachdem erstmals in der Geschichte des Buchhandlungspreises drei Bewerber aussortiert wurden, „kocht die Branche“, so Lunau. Erst nach und nach hätten manche die ganze Tragweite des Eingriffs realisiert, ist die Beobachtung der Burscheider Buchhändlerin. Wohl auch, weil es „eine solche Vorgehensweise noch nicht gab“.

Andrea Lunau ist empört über den Eingriff von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in den Buchhandelspreis.
Copyright: Buchhandlung Hentschel
Weimer hatte drei Buchhandlungen aus der Vorschlagsliste der Jury gestrichen. Begründet wurde das mit „verfassungsschutzrechtlichen Erkenntnissen“ über die drei politisch links stehenden Geschäfte. Was den Kollegen genau vorgeworfen wird, wisse niemand, unterstrich Lunau am Dienstag.
Aber nicht nur das weckt enormes Unbehagen: „Wir wissen ja nicht: Sind wir alle kontrolliert worden? Und wenn, nach welchen Kriterien?“ Und je länger man sich mit dem Eingriff befasse, desto mehr Fragen stelle man sich: „Haben wir die falschen Bücher im Sortiment? Haben wir die falschen Leute eingeladen?“ Denn der Buchhandlungspreis wird ja nicht für das reine Verkaufsgeschäft verliehen, sondern für besondere Verdienste um das kulturelle Leben und die Bildungsarbeit.
„Burscheid liest“ läuft weiter
Die Buchhandlung Hentschel kümmere sich zum Beispiel um die Leseförderung in Burscheid, so Lunau, und das „für kein Geld“. Das Team begreife sich als Vermittler von Bildung – „und das ist doch die Grundlage von allem“. Gerade wurde mit Kolleginnen wieder die Reihe „Burscheid liest“ auf die Beine gestellt. „Das ist schon ein ziemlicher Aufwand“, so die Buchhändlerin.
Mit seinem beispiellosen Eingriff füge der neue Kulturstaatsminister nicht nur dem Preis enormen Schaden zu, er verunsichere eine ganze Branche. „Das ist ein Vorgehen, das kann nicht sein“, ergänzte die Kollegin von Ute Hentschel. Klar sei: „Wir stellen uns schützend vor die Kollegen.“ Jetzt gehe es darum, dem Kulturstaatsminister das auch deutlich zu machen. „Da müssen wir laut sein“, fordert Andrea Lunau.
Wie viel Vertrauen der Kulturstaatsminister in der Branche zerstört hat, zeigt sich auch an Lunaus Interpretation einer Ankündigung vom Dienstag: „Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Diskussion im Rahmen einer öffentlichen Dialogveranstaltung über Kunst- und Meinungsfreiheit und die Bedeutung staatlich finanzierter Kunstpreise einladen“, heißt es aus dem Hause Weimer. Die Burscheiderin fragt sich: „Soll uns da mitgeteilt werden, was wir noch dürfen und was nicht?“

