Sexualisierte Gewalt im Sport und in digitalen Medien sind Themen, die den Frauennotruf im 40. Jahr des Bestehens beschäftigen.
Mitläufer gesuchtLeverkusener Frauennotruf geht sportlich ins Jubiläumsjahr

Die Tür in der Damaschkestraße 53 steht allen Betroffenen offen: Leiterin Andrea Frewer (r) und Schirmfrau Anke Feller (2. v. r.) mit Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs.
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Das Jubiläumsjahr zum 40. Geburtstag sollte unter einem Hauptthema stehen: „Sexualisierte Gewalt im Sport“ hatte der Frauennotruf sich dafür überlegt und Anke Feller als Schirmfrau gewonnen. Das sei tatsächlich ein großes Problem, bestätigt die ehemalige Weltklasse-Leichtathletin, auch wenn sie in ihrer eigenen aktiven Karriere davon nicht betroffen war: „Es gibt immer wieder Berichte von Trainern, die übergriffig werden.“ Noch dazu stehen Sportlerinnen in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis, etwa wenn sie auf eine Nominierung durch den Trainer angewiesen sind. „Für einige, die den Mund aufgemacht haben, ist das nicht unbedingt positiv ausgegangen, das muss sich ändern“, sagt Feller.
Doch dann wurde dem Team um Andrea Frewer klar: Die Probleme sind zu vielfältig, um sich auf einen Bereich zu konzentrieren. „Deswegen sind wir zu dem Schluss gekommen, das allgemein zu halten und uns als Anlaufstelle in den Mittelpunkt zu rücken“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt.
Start beim Halbmarathon
Sportlich wird es im Jubiläumsjahr trotzdem: Anke Feller bleibt ihrer Schirmfrauenrolle treu und hat zudem die Beratungsstelle dazu motiviert, ein Team beim EVL-Halbmarathon anzumelden. „Ich dachte, das wäre eine tolle Sache, wenn gerade im Jubiläumsjahr der Frauennotruf hier sichtbar wird“, sagt Feller. Dafür sucht das Team jetzt Läuferinnen und Läufer, egal ob fünf oder zehn Kilometer oder gleich über die volle Distanz, die die Botschaft „Frauen stärken mit Herz, Mut und Haltung“ sichtbar machen. Ausgestattet werden alle, die sich im Team „40 Jahre Frauennotruf“ anmelden, mit einem Halbmarathon-Laufshirt.
Denn stolz auf das zurückzublicken, was in 40 Jahren aus einer ursprünglich halben Stelle heraus aufgebaut wurde, reicht nicht. Wie so ziemlich allen Organisationen in Leverkusen wiegt auch an der Damaschkestraße die Sorge vor finanziellen Einschränkungen durch die Haushaltskrise schwer. „Eigentlich müssten wir Personal aufstocken, um dem Bedarf gerecht zu werden“, sagt Frewer. Aktuell arbeitet die Beratungsstelle mit 1,5 festen Stellen, die zum Teil aus den Fachbereichen Soziales sowie Kinder und Jugend finanziert werden. Hinzu kommen Ehrenamtlerinnen und je nach Verfügbarkeit projektgebundene Mitarbeiterinnen über Förderprogramme. „Weniger dürfte das auf gar keinen Fall werden“, betont Vorstandsfrau Sbine Rusch-Witthorn. Neu im Vorstand ist zudem Klaudia Krack, die Familienrechtlerin bietet kostenfreie Rechtsberatung an.
Schwerpunkt digitale Gewalt
Eine halbe Stelle erfüllt aktuell Marlene Caspers, sie berät speziell bei digitaler sexualisierter Gewalt. Ein Thema, das nach den Berichten von Coleen Fernandez aktuell in den Medien sehr präsent ist. Darüber ist Caspers froh: „Es muss noch ein Bewusstseinswandel stattfinden, dass digitale Gewalt genauso Gewalt ist wie reale Gewalt. Mit den gleichen Auswirkungen auf die betroffenen Frauen.“ Im Netz sei die Hemmschwelle für Täter geringer, aber auch den Betroffenen sei häufig nicht bewusst, dass es sich dabei ebenso um sexuelle Übergriffe handelt wie bei physischen Handlungen.
Zwar nehmen die Beratungsanfragen in dem Bereich deutlich zu, mit Deep-Fake-Videos wie im Fall Fernandez hat Caspers in Leverkusen noch keine Erfahrungen gemacht. „Meistens handelt es sich um Fotos, die gegen den Willen der Frau verschickt werden, teilweise auch in Erpressung damit“, sagt Caspers. Betroffene, die sich bei ihr melden, bekommen rechtliche, technische und psychosoziale Hilfe, je nachdem, was benötigt wird.
Von einer großen Geburtstagsgala sieht die Beratungsstelle im Hinblick auf die Finanzlage ab – stattdessen soll am 3. September ein Tag der offenen Tür stattfinden. „Wir sind stolz auf das, was wir hier auf die Beine gestellt haben und wollen das auch zeigen“, sagt Frewer.
Laufteam
Wer am 14. Juni für das Team „40 Jahre Frauennotruf“ an den Start gehen möchte, meldet sich unter diesem Teamnamen auf der Seite des EVL-Halbmarathons für die gewünschte Distanz an. Die Startgebühr ist selbst zu tragen. Wer sich angemeldet hat, sendet eine Mail mit Kontaktdaten und T-Shirt-Größe an die Beratungsstelle, um das Laufshirt zu erhalten. Vorstand@frauennotruf-lev.de
Jahresbericht
155 Frauen und Mädchen hat die Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt 2025 beraten, in 878 Einzelberatungen – ein Anstieg von mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Die Fragestellungen werden komplexer, häufig spielen soziale Lage und Folgeerkrankungen eine Rolle“, sagt Frewer. Deswegen würden einzelne Beratungsstunden oft nicht ausreichen, viele Betroffene werden längerfristig unterstützt. Fast die Hälfte der Klientinnen war jünger als 25 Jahre. Häufigster Beratungsgrund war 2025 Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung (49 Prozent). 18 Frauen wurden durch Strafverfahren begleitet. 97 Prozent der benannten Täter waren männlich. Seit 2015 nutzten 58 Frauen die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung.
