Am 30. Januar 2025 starb die Schülerin Angelina Ranjan bei einem Unfall in Opladen. Wie geht die Mutter, wie geht die Familie mit dem Verlust um?
Tödlicher Unfall in LeverkusenAngelinas Mutter hat dem Unfallfahrer verziehen
Ein Jahr nach dem tödlichen Unfall der Tochter
An einer Wand im Wohnzimmer der Ranjans hängt ein großes Foto von Angelina. Rechts und links daneben zwei große goldene Luftballons in Form der Zahlen 1 und 2. Darunter stehen ein Sideboard mit Fotos der Schülerin, Teddybären, ein Papierschmetterling mit Bibelzitaten auf den Flügeln, der in einem gläsernen Herz steckt, Angelinas letztes Schulzeugnis vom Landrat-Lucas-Gymnasium, viele weitere Erinnerungsstücke – und ihre Brille.

Merin Ranjan betrachtet ein Foto ihrer Tochter Angelina, das inmitten von Erinnerungsstücken an die Elfjährige steht.
Copyright: Peter Seidel
„Ihre Brille war ihr sehr wichtig“, sagt Merin Ranjan. Die Brille hat den Unfall, bei dem Angelina auf dem Weg zur Schule am Morgen des 30. Januar 2025 tödlich verletzt wurde, unbeschadet überstanden. Die Tage vor dem Jahrestag und der Jahrestag selbst waren für die 39-Jährige, ihren Mann und ihre vier Kinder emotional sehr aufwühlend. „Wir sind zu der Stele und dem Baum am Unfallort gegangen und auf den Friedhof“, erzählt Merin Ranjan. Angelina liegt auf dem Friedhof Reuschenberg begraben.
Die Mutter ist über die Unterstützung vieler Menschen, der Schule und der Stadt für den Erinnerungsort am Berliner Platz froh. Alle haben mitgeholfen, dass ein Baum und ein Stein mit Angelinas Namen, ihrem Geburtsdatum und darunter dem Unendlichkeitszeichen an ihr Kind erinnern. „Baum und Gedenkstein bedeuten mir sehr viel. Durch den Baum lebt meine Tochter.“
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Baum und Gedenkstein bedeuten mir sehr viel. Durch den Baum lebt meine Tochter.
Angelina, das dritte ihrer fünf Kinder, sei ein fröhliches Kind gewesen: „Ihr Lachen hat Angelina ausgezeichnet.“ Es gebe kein Foto, auf dem sie nicht lacht oder wenigstens lächelt. Sie war wohl so etwas wie der Engel der Familie und so wurde sie auch gerufen: „Angel“, erzählt ihre älteste Schwester Julina.
Die Elfjährige tanzt und bastelt gern, macht sich selbst und ihren Freundinnen auf der Grundschule und in der 5c des Gymnasiums Perlenarmbänder. Drei dieser Perlenarmbänder trägt sie auch am Tag des Unfalls. Ihre Mutter bewahrt sie in einem Döschen auf. Auf den Perlen des einen Armbands steht ihr Kosename: „Angel“, auf dem zweiten „God“. Das dritte ist aus rosafarbenen Perlen – ein Geschenk ihrer besten Freundin Annalena. Sonntags gibt es für Angelina einen festen Termin, denn sie ist, wie ihre Mutter, sehr gläubig. „Wir sind jeden Sonntag in die Kirche der evangelisch-tamilischen Gemeinde an der Theodor-Storm-Straße gegangen“, berichtet Merin Ranjan.

An der Stele und dem Baum für Angelina am Berliner Platz stehen in diesen Tagen viele Kerzen und Blumen.
Copyright: Peter Seidel
Noch auf der Grundschule, in der vierten Klasse, schreibt Angelina einen Brief an Gott, in dem sie ihm für seinen Schutz dankt. „Lieber Gott, ich danke dir... dass ich leben darf“, steht unter anderem auf dem Papierbogen, den Merin Ranjan eingerahmt hat. „Sie hat in Worten und Taten ihre Liebe gezeigt. Sie ist manchmal zu uns gekommen und hat uns gesagt, wie sehr sie uns liebt. Wir haben sie gefragt, warum sie das sagt und sie hat geantwortet: 'Weil ihr mich beschützt'. Deswegen ist mir wichtig, dass sie nicht vergessen wird.“
Merin Ranjan ist medizinische Fachangestellte, hat zuletzt in einer Kinderarztpraxis gearbeitet, doch weil sie vor anderthalb Jahren noch mal ein Baby bekommen hat, ist sie zur Zeit zu Hause und kümmert sich um ihre Kinder. Die Familie wohnt kaum einen halben Kilometer vom Unfallort entfernt. Merin Ranjan schöpft Kraft aus ihrem Glauben, um mit dem Verlust ihres Kindes zurechtzukommen, liest in der Bibel, betet viel. „Der Trost, den die Liebe zu Gott mir gibt: Ohne das hätte ich das nicht geschafft.“ Denn jeden Tag seit dem Unfall denkt sie: Das ist ein Traum, ein schrecklicher Traum.
Der Trost, den die Liebe zu Gott mir gibt: Ohne das hätte ich das nicht geschafft.
Vor allem in der ersten Zeit nach dem Unfall erfährt sie sehr viel Unterstützung von Nachbarn, Freunden und der Familie. Auch ihre drei Geschwister leben in Leverkusen. „Sie haben mich angerufen, mir Blumen gebracht oder einfach nur mit mir geweint, wenn ich traurig war.“ In der Wohnung wird sie, werden auch ihre anderen Kinder und ihr Mann ständig an Angelina erinnert. „Ihre Geschwister vermissen sie sehr.“ Für Celina, die 15-jährige, nächstältere Schwester von Angelina, mit der diese ein Zimmer teilte, war das zu viel: „Sie konnte da nicht mehr sein. Wir haben deshalb jetzt vor Kurzem das Zimmer renoviert, auch neue Möbel angeschafft. Sie teilt es jetzt mit ihrem Bruder.“ Zweimal gönnt sich die Familie Urlaubsreisen an die Mittelmeerküste im vergangenen Jahr, um auf andere Gedanken zu kommen.
Wie für sie sei der Verlust der Tochter auch für ihren Mann Piratheepan, der als Koch in einem Restaurant in der Rathaus-Galerie arbeitet, „sehr schlimm. Aber er zeigt das nicht so. Er sagt immer: Das Leben geht weiter“. Wie sehr Angelinas Vater leidet, wurde in der Verhandlung gegen den jungen Unfallfahrer vor dem Amtsgericht in Opladen dadurch deutlich, dass er einen schwarzen Pullover mit einem blutenden roten Herz darauf trug. Äußerlich stoisch blickte Piratheepan Ranjan während der gesamten Verhandlung geradeaus.
„Wir haben damals überlegt, ob wir an der Verhandlung teilnehmen sollen und haben das dann gemeinsam so entschieden. Die Verhandlung selbst war schlimm für mich. Aber ich wollte das vor Weihnachten irgendwie für mich beenden. Ich wollte nicht, dass der junge Mann bestraft wird. Der Ausgang des Verfahrens ist für mich so in Ordnung.“ Der Angeklagte wurde vom Gericht lediglich verwarnt, erhielt gewisse Auflagen und musste eine Spende an eine gemeinnützige Organisation zahlen, die sich für einen effektiven Rettungsdienst einsetzt.
Ich wollte nicht, dass der junge Mann bestraft wird.
Bereits kurz nach dem Unfall noch vor der Beerdigung hatte Merin Ranjan zu ihm Kontakt aufgenommen. „Ich hab' Gott gefragt: Was soll ich tun? Und er hat mir gesagt: Geh' hin.“ Also habe sie den Polizisten, der sich nach dem Unfall fast täglich bei ihnen meldete, gefragt, ob es möglich ist, den jungen Mann zu treffen, erzählt sie. „Der hat dann zugestimmt. Wir haben uns dann im Polizeipräsidium in Köln-Kalk getroffen. Ich wollte ihm verzeihen und das habe ich getan. Er muss ja mit diesem Gewissen leben, dass er ein Kind getötet hat.“ Tags darauf ist die Beerdigung. Hunderte Menschen, Mitschülerinnen, Mitschüler, Lehrer, Freunde, Familienmitglieder kommen zur Kirche, in der Merin Ranjan zur Trauergemeinde spricht.
Am Tag nach dem Unfall entdeckt sie beim Aufräumen zwischen den Sofakissen einen kleinen Zettel mit einem Psalm. „Angelina hat darüber mit ihrer Schwester Celina gesprochen und dann war der Zettel da liegen geblieben.“ Es ist Psalm 23, Vers 4: „Selbst wenn ich durch ein finsteres Tal gehen muss, wo Todesschatten mich umgeben, fürchte ich mich vor keinem Unglück, denn du, Herr, bist bei mir! Dein Stock und dein Hirtenstab geben mir Trost.“

