Die Betrüger rechneten damit, dass sie abgehört wurden, aber sie haben dennoch bei ihren Taten Spuren hinterlassen.
Leverkusener GroßfamilieWie die Polizei „Mister Goodlife“ abgehört hat

Im Landgericht bei der Prozesseröffnung wollten sie nicht gesehen werden, abgehört wurden sie vorher aber: Christopher (26) und Giuliano (23) G. Sie stehen wegen Enkeltricks vorm Landgericht.
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Wegwerfhandys, öfter neue Sim-Karten, also ständig neue Telefonnummern – die Logistik für Kriminelle, die eine Aufgabe im Enkeltrickbetrug erfüllen, ist nicht einfach. Im Prozess gegen die Brüder Giuliano G. und Christopher G. von der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie kam am vierten Verhandlungstag eine Polizistin zu Wort, die eine Zeit lang die Betrüger im Rahmen ihrer Arbeit abgehört hatte. Die Gerichtsverhandlung wäre ein gutes Seminar für Ganoven-Nachwuchs gewesen, denn es kamen Details aus der Arbeit derer zur Sprache, die die Telefongespräche mitgehört und Daten der Betrüger gesammelt hatten.
Die Leverkusener Brüder, die sich als Berufsverbrecher ins einträgliche „Enkel-Business“ eingebracht hatten, hatten Nachhilfe in diesen Dingen kaum nötig, allerdings machten auch sie Fehler. Klar wurde im Landgericht in der Verhandlung, dass sie damit gerechnet haben, dass sie abgehört wurden. Es sind Sätze dokumentiert, dass man etwas nicht am Telefon besprechen solle. Trotz der Vorsicht gibt es wohl immer einen Schwachpunkt: Viele Männer in der Großfamilie haben einen regelrechten Luxusauto-Fetischismus. Auch mindestens einer der Brüder, obwohl auf dem Papier mittellos, fuhr ein geleastes Auto. Das hatte er als aufstrebender Boxer über ein spezielles Leasingangebot für Sportler günstig bekommen.
Großfamilie: die Standortdaten der Autos sind verräterisch
Ob die Polizei in der Lage war, die Standortdaten schon während der Phase auszulesen, in der die Betrüger das Auto als Transportmittel beim Abholen der Beute bei den Opfern nutzten, kam nicht heraus. Nach der Festnahme wurden die Daten aus den Bordcomputern abgesaugt. Sie sind ein wichtiger Teil der Beweise, durch die die Täterschaft nachgewiesen werden soll. Die Autos der Brüder hatten jeweils genau zu den Tatzeiten regelmäßig ganz in der Nähe der Tatorte gestanden. Die letzten Meter zur Haustür der Geschädigten musste ein Abholer immer zu Fuß gehen. Die Erlaubnis zum Abhören der Brüder bekamen die Ermittler, nachdem ein Kölner Kriminalbeamter einen Tipp „von einer Vertrauensperson“ erhalten hatte.
Die Telefongespräche, die die Abhol-Mannschaft mit dem sogenannten „Logistiker“ geführt haben, konnten nicht aufgezeichnet werden, weil sie immer mit neuen Wegwerfhandys getätigt wurden. Der „Logistiker“ fungiert als Mittelsmann zwischen den Abholern und denen, die die Senioren meistens aus dem Ausland mit ihren Anrufen in die psychische Zwangslage versetzten, dass sie große Geldmengen oder Schmuck herausgaben. Der Bedarf an Wegwerfhandys muss groß gewesen sein: Sie werden oft nur für wenige Telefonate genutzt – manchmal nur für ein einziges –, dann zerstört und sofort an der Straße entsorgt.
Wer abgehört werden darf, ist in Deutschland streng geregelt: Als klar war, dass einer der Brüder zwar oft mit seiner Mutter telefonierte, aber dabei keine Erkenntnisse über Straftaten zu gewinnen waren, wurde dieser Abhörkanal abgeschaltet. Untereinander redeten die Mitglieder der Großfamilie in Romanes, die Sprache der Sinti und Roma, berichtete die Polizistin. Die Familienmitglieder verwenden untereinander wohl öfter Spitznamen, etwa Janko oder Kennedy; der „Logistiker“ stammt dem Namen nach aus einer anderen Sippe als die Brüder Giuliano und Christopher G. Er nahm eine zentrale Stellung im organisierten Betrug an den wehrlosen alten Leuten ein. Am Telefon hieß er intern „Mister Goodlife“.


