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Religiöser BrauchBruderschaft Wiesdorf pilgert seit 360 Jahren nach Bergheim

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Zwei Männer stehen vor einer Pilgerfahne.

Gert Nicolini und Brudermeister Markus Frimmersdorf (v.l.) in der Kirche Sankt Antonius vor der frische restaurierten Fahne der Bergheim Bruderschaft Wiesdorf

Seit 360 Jahren pilgern jedes Jahr Erwachsene und Kinder von Wiesdorf nach Bergheim. Zum Jubiläum ist die Fahne der Pilger restauriert.

Die Farben des Stoffes sind verblasst. Nur am Gewand von Maria sind rote und braune Stellen erhalten und auch zu ihren Füßen. Auch das Ocker-Braun, das der Erschaffer des Fahnenbildes dem Haar des toten Jesus gegeben hat, ist erhalten und Marias Wangen schimmern leicht rosa. Die Heiligenkränze und die Konturen von Maria und Jesus, der auf ihren Knien ruht, sind ebenfalls gut erkennbar. Frisch restauriert steht die Fahne der Bergheim Bruderschaft Wiesdorf mit dem Bild der schmerzensreichen Muttergottes neben dem Altar in der Kirche St. Antonius, davor das jetzt in der Osterzeit verhüllte Kruzifix. Fahne und Kruzifix tragen die Wallfahrer seit Jahrhunderten mit auf dem Weg über den Rhein nach Bergheim im Rhein-Erft-Kreis. 

Und da ihre Wallfahrt 2026 in das 360. Jahr geht, hat die Bergheim Bruderschaft Wiesdorf die Fahne von einer Restauratorin überarbeiten, reparieren und für die kommenden Jahre mit einem hauchdünnen Seidenstoff als Schutz überziehen lassen. „Wir wissen leider nicht, wie alt die Fahne ist“, berichtet Brudermeister Markus Frimmersdorf bei einem Ortstermin der Wiesdorfer Kirche. Darüber gebe es keinerlei schriftliche Zeugnisse.

Sicher ist, dass die Fahne bereits einmal umgearbeitet und das Pietà-Bild aus einem alten Fahnenträgerstoff herausgeschnitten und leider so auf einen neuen Stoffuntergrund genäht wurde, dass es Falten wirft. Die Falten sind auch nach der aktuellen Restaurierung noch da; das zu beheben wäre extrem aufwändig gewesen, hatte die Restauratorin im Konzept für ihre Arbeiten an dem historischen Stück geschrieben.

Einmal im Jahr macht sich also in Wiesdorf ein große Gruppe Erwachsener, aber auch Kinder auf den langen Fußmarsch. Es geht von der Kirche St. Antonius westwärts über den Rhein bis zur Kirche St. Remigius in Bergheim im Rhein-Erft-Kreis. Die Wallfahrt führt über rund 32 Kilometer. Die Frauen, Männer und Kinder erfüllen damit vielmehr ein Gelübde, das Wiesdorfer Vorfahren vor 360. Jahren ablegten.

BG Bergheim Adventsserie St. Remigius Pieta Schmerzhafte Mutter aus dem Kloster Bethlehem

Die Schmerzhafte Mutter aus dem Kloster Bethlehem in der St.-Remigius-Kirche, Bergheim

Damals im Jahr 1666, so jedenfalls will es die Legende, waren Leute aus dem Dorf in großer Not ebenfalls über den Rhein gezogen, weil in Wiesdorf die Pest wütete. Sie suchten in ihrer Not Unterstützung bei Maria, der Mutter Gottes, genauer gesagt: bei einem hölzernen Bildnis der Schmerzhaften Mutter. Dieses befand sich Mitte des 17. Jahrhunderts bereits in dem damals noch recht neuen Franziskaner-Kloster Bethlehem bei Bergheim, dessen Kirche gerade im Jahr zuvor, 1665, geweiht worden war.

Das Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter Gottes selbst ist allerdings wesentlich älter. Es stammt aus dem späten 15. Jahrhundert und stand ursprünglich in einer kleinen hölzernen Kapelle, die ein Förster im Wald errichtet hatte, bei dem später das Kloster stand. Diese Pietà ist insofern etwas Besonderes, als der tote Christus bei solchen Darstellungen üblicherweise auf Marias Schoß oder in ihren Armen liegt. Bei der Bergheimer Pietà liegt Christi Leichnam Maria zu Füßen. Das, weiß Frimmersdorf, sei eine sehr seltene Variante.

Nachrichten von Wunderheilungen nach Besuchen in der Kapelle führten jedenfalls im 16. Jahrhundert dazu, dass sich peu a peu immer mehr  Pilger dorthin aufmachten. Die Wallfahrt zu dem Gnadenbild war Mitte des 17.  Jahrhunderts also bereits ein weit verbreiteter Brauch der Volksfrömmigkeit.

Nach ihren Gebeten machten sich die Wiesdorfer wieder auf Heimweg, schickten aber zur Vorsicht einen Mann voraus, der sich vergewissern sollte, ob die Pest in ihrer Heimat immer noch wütete. Doch der Bote hatte schlechte Nachrichten, woraufhin die Pilger umkehrten, um erneut im Angesicht des Gnadenbildes in Bergheim zu beten. Als sie dann erneut den Heimweg antraten, wiederum einen Mann über den Rhein vorausschickten, der nach dem Rechten sehen sollte und dieses Mal die frohe Botschaft erhielten, dass die Pest in Wiesdorf abgeebbt war, kehrten sie zum dritten Mal in Richtung Bergheim um, um der Gottesmutter zu danken. Und nicht nur das: Sie legten auch das Gelübde ab, von nun an jedes Jahr einmal zur Wallfahrt nach Bergheim zu kommen. Der Ursprung der Bergheim Bruderschaft Wiesdorf war geboren.

Die Kirche St. Antonius in Wiesdorf

Die Kirche St. Antonius in Wiesdorf: Von hier aus ziehen in jedem Jahr die Pilger los.

Ob sich das so zugetragen hat, ist natürlich offen. „Wie das bei Legenden immer so ist: Etwas Wahres wird dran sein“, sagt dazu Gert Nicolini. Der frühere Leiter des städtischen Statistikamtes und Lokalhistoriker hat vor zehn Jahren, zum 350. Geburtstag der Wallfahrt, ein Buch über die Geschichte der „Wallfahrt von Leverkusen-Wiesdorf nach Bergheim/Erft“ verfasst.

Die Wiesdorfer jedenfalls sind ihrem Gelöbnis treu geblieben und seit 1666 Jahr für Jahr nach Bergheim gepilgert. Meistens jedenfalls. Nicolini listet in seinem Buch eine Reihe von Jahren auf, in denen die Wallfahrt wegen Verboten des Erzbischofs oder unsicherer (Kriegs-)Zeiten ausfiel. Im 20. Jahrhundert gleich in elf Jahren in Folge, von 1916 bis 1926, und 1940 ebenfalls nicht. Seit der Säkularisation des Klosters steht die Pietà in der Bergheimer St. Remigius-Kirche. 1803 wurde sie dorthin gebracht. Das Klostergelände fiel in den 1980er Jahren dem Braunkohlebergbau zum Opfer. Mittlerweile renaturiert, erinnert ein Gedenkstein an seinen früheren Standort.

Heute käme wohl niemand mehr auf Idee, Pilgern die Wallfahrt zu verbieten. Allerdings ist das mit Blick auf Schmerzhafte Mutter in Bergheim auch gar nicht nötig. Im Zuge der abnehmenden Bindung an und dem geringer werdenden Leben mit religiösen Bräuchen und Ritualen ist die Bergheim Bruderschaft Wiesdorf mittlerweile die einzige, die noch in den Rhein-Erft-Kreis pilgert, wie Frimmersdorf und Nicolini berichten.

Die Wiesdorfer Gruppe jedoch wird in jüngster Vergangenheit wieder größer. „Wir haben eine leicht zunehmende Tendenz“, so Frimmersdorf. „Das Gros der Pilger ist Ü50“, fügt Annemarie Habermann, Sprecherin der Bruderschaft, hinzu. Etwa 50 Fußpilger sind dabei, geführt von Kaplan Christoph Schmitz, zehn Gläubige pilgern auf dem Rad, weitere 15 mit dem Bus. Und außerdem sind fünf Begleiter mit dem Auto dabei. Denn fürs Pilgern muss so einiges transportiert werden: Feldbetten für die Übernachtung im Bergheimer Pfarrheim, Utensilien fürs Grillen und so weiter. Los geht es samstags morgens um um 7 Uhr mit der Aussendungsmesse in St. Antonius.

Von dort führt der Weg über die Autobahnbrücke. „Wir klären das immer vorab mit der Autobahn GmbH, ob das möglich ist“, so Frimmersdorf. Weiter geht es über Köln-Chorweiler und -Weiler. Dort wird in der Kirche St. Cosmas und Damian Andacht und im Pfarrzentrum Frühstückspause gehalten. Der Weg führt dann über Pulheim, Fliesteden, Büsdorf und Oberaußem nach Bergheim, immer wieder unterbrochen von Pausen. Vor Bergheim wird die Pilgergruppe in Empfang genommen und die letzten 700 Meter bis zur Kirche werden gemeinsam zurückgelegt. Nach der Schlussandacht ist Zeit für ein gemütliches Beisammensein bei Gegrilltem am Pfarrheim von St. Remigius. Und nach der Übernachtung im Pfarrheim und der Pilgermesse in St. Remigius um 7 Uhr geht es am nächsten Morgen zu Fuß wieder zurück.

Während des Pilgerns wird der Rosenkranz gebetet. Die Pilger singen Marienlieder, schweigen. Aber zwischendurch ist auch Zeit für ein Schwätzchen. „Unser Anliegen ist es, diese Tradition am Leben zu erhalten“, sagt Frimmersdorf. Fand die Wallfahrt mindestens seit dem frühen 19. Jahrhundert immer um oder an Peter und Paul Ende Juni, hat die Bruderschaft sie seit Ende der 1970er Jahre auf das Wochenende vor Christi Himmelfahrt, also in die erste Maihälfte verlegt. „Da ist es meist noch nicht so heiß“, sagt Frimmersdorf. Und angenehme Temperaturen sowie eine gut zu laufende Route, wo möglich, abseits dicht befahrener Straßen, sind wichtige Voraussetzungen, damit das Pilgern zu einem positiven Erlebnis wird. 


Wallfahrt am 9. und 10. Mai

In diesem Jahr lädt die Bergheim Bruderschaft Wiesdorf, die selbst 1935 gegründet wurde, für Samstag, 9., und Sonntag, 10. Mai, zum Pilgern nach Bergheim ein. Wer daran Interesse hat, erhält im Pastoralbüro unter 0214/31204500, direkt bei Markus Frimmersdorf 0214/2069777 oder per E-Mail Auskunft. Rad-Pilger melden sich bei Martina und Adrian Forreiter. Ein Faltblatt mit allen Infos zur Wallfahrt ist im City-Kirchencafé an der Breidenbachstraße erhältlich (0214/31204419), geöffnet dienstags von 11 bis 13 und 15 bis 17 Uhr, mittwochs 10 bis 12 und 15 bis 17 Uhr, freitags, 11 bis 13 Uhr und samstags 10 bis 12 Uhr. (ps)

kontakt.bergheimbruderschaft@gmail.com

adrian.forreiter@katholisch-lev.de