Ruhig und stabil gelaufen: Dieses Fazit zieht die Bahn nach dem ersten Werktag der Vollsperrung der Bahnstrecke Köln-Hagen. Wir haben den Test gemacht. Von Köln nach Wuppertal und zurück.
Auf der Suche nach Bussteig 17Das ist der neue Pendleralltag zwischen Köln und Hagen

In Wuppertal fahren die Ersatzbusse nicht direkt am Hauptbahnhof ab, sondern von der 800 Meter entfernten historischen Stadthalle. Dort steigt Peter Berger in den Bus Richtung Leverkusen-Mitte. Foto: Peter Berger
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8.26 Uhr: Vor dem Verlassen der Wohnung im Kölner Agnesviertel checke ich im DB Navigator die Reisekette. Das Ziel heißt Wuppertal. Das Rathaus im Stadtteil Barmen. Was für mich am ersten Wochentag der Vollsperrung der Bahnstrecke Köln-Wuppertal-Hagen ein Test sein wird, ist für Tausende Pendler bis zum 10. Juli bittere Realität. Ihre Fahrzeit, die mit dem Zug nach Fahrplan eine knappe Stunde beträgt, wird sich während der Generalsanierung mehr als verdoppeln. Wenn alles perfekt läuft.
Mein Plan: Ich will den RE1 um 8.49 Uhr vom Hauptbahnhof bis Düsseldorf Hauptbahnhof nehmen, Ankunft 9.20 Uhr. Von dort fährt ein Schnellbus bis zum Bahnhof Wuppertal-Oberbarmen. Geplante Ankunft: 10.25 Uhr. Von dort sind es zwei Stationen mit der Schwebebahn, Haltestelle Werther Brücke, und zehn Minuten Fußweg. Geschätzte Ankunftszeit: 10.45 Uhr.
8.29 Uhr: Keine Störung bei der KVB. Zumindest nicht am Reichensperger Platz. Zwei Stationen mit der Linie 18. Breslauer Platz.
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8.37 Uhr: Das reicht sogar noch, um ein Croissant zu kaufen. Ich überlege kurz, ob ich nicht doch besser eine verspätete S6 nach Düsseldorf nehmen soll, weil der RE1 zwar deutlich schneller, am oft unpünktlich ist. Lieber der Spatz in der Hand…

Test am ersten Tag der Vollsperrung superpünktlich: Der Regional-Express 1 nach Hamm braucht bis Düsseldorf Hbf von Köln nur 31 Minuten. Foto: Peter Berger
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8.42 Uhr: Ich entscheide mich für die Taube und den Regional-Express. Der scheint heute mal pünktlich zu sein. Tatsächlich: Auf die Minute genau hält er an Gleis vier. Im Hauptbahnhof ist es deutlich ruhiger als sonst. Liegt es an der Karnevalswoche? Oder weil durch die Vollsperrung weniger Züge fahren? Egal. Die Fakten zählen. 9.20 Uhr, Punktlandung in Düsseldorf. Jetzt gilt’s, den Bussteig 17 zu suchen, laut DB Navigator 245 Meter entfernt. Der Ersatzbus fährt um 9.35 Uhr. Das sollte reichen.
9.22 Uhr: Beim Verlassen des Bahnhofs das erste Problem: Wo ist Bussteig 17? Zwischen den Straßenbahn-Haltestellen weist ein kleines pinkfarbenes Schild den Weg nach rechts. Wenn man es nachlangem Suchen überhaupt entdeckt hat. Aber wo soll zwischen all den Gleisen die Haltestelle sein.? Geradeaus liegen die Bussteige 11 bis 14. Versuchen wir es also dort. Die Minuten verrinnen.
Vor einem Aufenthaltsraum stehen zwei Mitarbeitende der Rheinbahn. Bussteig 17? „Beim Lidl“ lautet kurze die Antwort. Das klingt so wie: Du nervst, bist nicht der Erste, der uns das heute fragt. Was über dem Bahnhofsausgang irritiert, sind die Displays, auf denen die Fahrten der Düsseldorfer Rheinbahn angezeigt werden. Der Schienenersatzverkehr leider nicht. Das scheint technisch nicht möglich zu sein.
9.32 Uhr: Geschafft. Der Schnellbus-Ersatz für den RE4 wartet schon. Ohne Zwischenstopp geht es von hier bis Wuppertal-Oberbarmen. Das ist normalerweise die Endstation der Regionalbahn 48, die von Bonn-Mehlem kommt und auch über den Wuppertaler Hauptbahnhof fährt. Dieser Bus aber nicht.
Eine junge Frau fragt den Fahrer nach einer Alternative. Der zuckt mit den Schultern. So gut kenne er sich noch nicht aus. Am ersten Tag. Ich rate ihr, diesen Bus und von Oberbarmen die Schwebebahn zu nehmen. Das ist auch mein Weg. Es gibt zwar tagsüber auch einen Schnellbus zum Wuppertaler Hauptbahnhof. Aber wann und wo der fährt, weiß ich in diesem Moment auch nicht.

Miserabel ausgeschildert und deshalb schwer zu finden: der Bussteig 17 am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Dort fahren die Ersatzbusse Richtung Wuppertal und Hagen ab. Foto: Peter Berger
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9.35 Uhr: Wir fahren los. Pünktlich. Beim Weg quer durch Düsseldorf bis zur Autobahnauffahrt Wersten verlieren wir laut Fahrzeitprognose schon zehn Minuten. Dabei ist der Verkehr gar nicht so schlimm. Abwarten, ob das noch rauszuholen ist. Wir haben Glück. Die A46 nach Wuppertal ist wie leergefegt. Das wird am späten Nachmittag, wenn alle Pendler die Landeshauptstadt wieder verlassen, erfahrungsgemäß anders aussehen.
10.10 Uhr: Am Sonnborner Kreuz hat der Bus die Verspätung fast wettgemacht. Auf dem Display über mir taucht die Ausfahrt auf: Wuppertal-Barmen. Jetzt noch rausfahren, runter ins Tal und parallel zur Schwebebahn nach Oberbarmen. Ich kenne die Stadt immer noch wie meine Westentasche, obwohl ich schon mehr als 40 Jahren fortgezogen bin.
10.12 Uhr: Ich stutze. Der Bus fährt an der Ausfahrt vorbei. Und landet im Stau. Die Minuten verrinnen, meine Zweifel wachsen. Hat der Fahrer sich vertan? Hinter der Großbaustelle an der Raststätte Sternenberg rollt es wieder. Auf dem Display steht als nächster Halt: Schwelm. Ich zögere, stehe auf, gehe nach vorn zum Fahrer. Es sind noch knapp 1000 Meter bis zur nächsten Abfahrt vor dem Autobahnkreuz Wuppertal-Nord. Die sollte er nehmen, wenn er noch zum Zwischenstopp am Bahnhof Oberbarmen kommen.
Erbarmen mit dem gestressten Fahrer
Ich spreche ihn höflich an. „Haben Sie Oberbarmen übersehen?“ Jetzt bemerken auch andere Fahrgäste den Fehler. Alle bleiben entspannt und zeigen Verständnis, haben Erbarmen mit dem gestressten Fahrer - auf dem Umweg nach Oberbarmen. Keiner schimpft, keiner flucht. Ich stelle mich den Tür-Raum und lotse den Fahrer runter ins Tal, nach rechts auf die B7 und über den Linksabbieger zum Bahnhof.
10.29 Uhr: Vier Minuten Verspätung. Die Nervosität schwindet. Der Fahrer ist sichtlich erleichtert. Er sei ortsfremd, alles neu für ihn, sagt er und bedankt sich. „Macht nichts“, antworte ich. „Sie sind nicht der Erste, dem das passiert.“ Ist für Nicht-Wuppertaler auch schwer zu verstehen, dass man in Barmen abfahren soll, wenn man nach Oberbarmen will. Und dann gibt’s ja auch noch Unterbarmen. Aber das nur am Rande.

Voller Bahnsteig an der Endstation in Oberbarmen: Die Wuppertaler Schwebebahn wird am ersten Tag des Ersatzverkehrs noch mehr genutzt als an normalen Werktagen. Foto: Peter Berger
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10.45 Uhr: Nach zwei Stationen in der übervollen Schwebebahn, die auch einen Teil des Ersatzverkehrs schultern muss, bin ich am Ziel. Nach rund zweieinviertel Stunden. Schon hart, aber wohl nicht zu ändern.
Auf der Rückfahrt teste ich die Alternative von Wuppertal über Solingen bis Leverkusen-Mitte mit dem Schnellbus - und von dort mit der S6 nach Köln. In der Mittagszeit ist wenig Verkehr, aber unter 2:15 Stunden klappt das auch nicht. Unf ein paar Hürden gilt es auch da zu nehmen.

Für den Schienenersatzverkehr tabu: das Busterminal am Wuppertaler Hauptbahnhof. Die Bahn-Busse fahren von der 800 Meter entfernten Haltestelle an der Stadthalle ab. Foto: Peter Berger
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Vor dem Wuppertaler Hauptbahnhof gibt’s zwar modernes Busterminal, für die pinkfarbenen Busse des Schienenersatzverkehrs ist das jedoch tabu. „Die haben hier nichts zu suchen“, antwortet ein Busfahrer der Wuppertaler Stadtwerke (WSW) mit ganz eigenem Charme, der Menschen aus dem Bergischen wie mir auch immer nachgesagt wird. „Die fahren alle oben von der Stadthalle.“ Und wie kommt man dahin? „Zu Fuß.“ Das stimmt zwar nicht, man könnte auch eine Station mit dem WSW-Bus fahren. Das verrät er nicht. Da muss man schon den DB Navigator zu Rate ziehen.
Die Haltestelle an der historischen Stadthalle hat dafür einen Vorteil: Von dort kann man auf die Bahngleise schauen und sich vom Baufortschritt bei der Generalsanierung Köln-Wuppertal-Hagen persönlich überzeugen, wofür als Pendler leiden muss.
Nach diesem Test unter nahezu idealen Bedingungen steht für mich eins leider auch fest: Für den Berufsverkehr, also den ganz normalen Wahnsinn auf den Autobahnen rund um Köln und Düsseldorf, sind die Bus-Fahrzeiten viel zu optimistisch kalkuliert. Das kann nicht gutgehen.

