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Mädchen- und FrauentagAuf dem Podium in Gummersbach ging es auch um Schwangerschaftsabbrüche

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Ein fünfköpfiges Podium.

Auf dem Podium wurde über Frauengesundheit diskutiert.

Der Oberbergische Frauen- und Mädchentag lockte viele Interessierte in die Halle 32. Auf vielen Ebenen fand ein intensiver Austausch statt.

Als Martina Leißner fragt: „Wer hatte schon einmal Schwierigkeiten, einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen?“, bleibt im Bruno-Goller-Saal der Halle 32 bis auf Gummersbachs Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit niemand stehen. Er ist einer der wenigen Männer, die am Samstag im Publikum einer Podiumsdiskussion folgen, in der deutlich wird: In Sachen Frauengesundheit ist im Oberbergischen noch viel Luft nach oben.

Die Versorgung von Frauen in der Region ist das Thema der Diskussion, die im Rahmen des Oberbergischen Mädchen- und Frauentages stattfindet. Moderiert wird sie von Martina Leißner, die ins Gespräch kommen möchte. Auf dem Podium sitzen Stefanie Löffler, Leitende Oberärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Klinikum Oberberg, Clemens Bartz, Leitender Oberarzt der Frauenklinik am Klinikum Oberberg und Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Claudia Donner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Hochschule NRW für Angewandte Hebammenwissenschaften und selbst Hebamme, sowie Christiane Gelfarth-Pretel, Leiterin der Awo-Beratungsstelle Oberberg für Familienplanung und Schwangerschaftskonflikte.

Auf dem Podium zur Frauengesundheit wird der Finger in die Wunde gelegt

Es sind allgegenwärtige und dennoch schwierige Fragen, mit denen sich die Runde befasst. Gibt es genügend (Fach-) Arztpraxen in Oberberg und sind diese auch per Bus erreichbar? Gibt es genügend Frauenärzte? Warum sind Mütter nach wie vor mehr belastet als Väter? Vor welchen Fragen und auch Herausforderungen stehen schwangere   Frauen und wo finden sie Unterstützung? Wie steht es um die psychische Gesundheit von Kindern- und Jugendlichen? Und die ständig im Raum schwebende Frage: Warum führen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in Oberberg keine medizinischen und im Kreiskrankenhaus außerhalb von Notfällen keine operativen Schwangerschaftsabbrüche durch?

Zwei Geschwister tanzen Hip-Hop auf einer Bühne.

Auf der Bühne tanzte Hip-Hop-Weltmeisterin Emma Pinger mit ihrem Bruder Theo.

Dass all diese Fragen einen Nerv treffen, ist im Publikum zu spüren. Häufig nicken und applaudieren die Frauen. Beispielsweise als Claudia Donner sagt: „Frauen müssen nicht, sondern dürfen arbeiten. Und trotzdem sind viele teilzeitbeschäftigt, um Familie und Job unter einen Hut zu bekommen – viel häufiger als Männer. Hier sind wir noch lange nicht gleichberechtigt. Wir brauchen   flexible Betreuungsmodelle.“

Das Podium ist sich zwar einig: Die medizinische Versorgung in Oberberg ist nicht schlecht. Aber: „Wir müssen die Ärzte erreichen und einen Termin bekommen“, sagt Donner. Genau da sieht Christiane Gelfarth-Pretel auch ein Problem bei ungewollten Schwangerschaften. In der Awo-Beratungsstelle führt sie viele Gespräche zu diesem Thema: „Glaube Sie mir: Keine Frau macht sich eine solche Entscheidung leicht.“

Frauen, die sich ohnehin in einer Ausnahmesituation befinden, müssen für einen Abbruch bis nach Siegen oder Köln fahren. Da sind die nächstgelegenen Praxen, in denen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. In Oberberg ist das seit Jahren nicht mehr möglich. Es sei eine Gewissensfrage, die jeder Arzt, aber auch das gesamte medizinische Personal für sich selbst entscheiden müsse, sagt Oberarzt Clemens Bartz und weist auf aktuelle Leitlinien hin. „Niemand ist dazu verpflichtet. In unserem Klinikum gibt es eine Ärztin, die einen solchen Eingriff mit ihrem Gewissen vereinbaren könnte. Aber das reicht nicht aus. Man müsste drei bis vier Fachärzte abstellen, die sich intensiv mit dieser Thematik befassen und auch rund um die Uhr zur Verfügung stehen“, so Bartz.

In der Schlussrunde appelliert Christiane Gelfarth-Pretel an die Politik, mit niedergelassenen Ärzten hierzu ins Gespräch zu kommen. Gewünscht werden zudem der Ausbau des ÖPNV-Netzes, mehr Facharztausbildungen sowie mehr Hausärzte aufs Land zu holen.

Am Stand des Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe der Paritätischen lässt Dorit Knabe Besucherinnen aus Scrabble-Steinen Worte legen, die pflegenden Angehörigen durch den Kopf gehen.

Am Stand des Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe der Paritätischen lässt Dorit Knabe (l.) Besucherinnen aus Scrabble-Steinen Worte legen, die pflegenden Angehörigen durch den Kopf gehen.

Während es bei der Podiumsdiskussion immer mehr in die Tiefe geht, laufen auch in der Halle 32 angeregte Gespräche. Zahlreiche Initiativen sind dort vertreten und suchen mit Mädchen und Frauen den Austausch. Am Stand des Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe der Paritätischen lässt Dorit Knabe Besucherinnen aus Scrabble-Steinen Worte legen, die   pflegenden Angehörigen durch den Kopf gehen. Zu lesen ist: Miteinander, Verantwortung, Austausch. Knabe und weitere Engagierte stellen Gruppenangebote vor, bei denen Betroffene ein offenes Ohr finden und wertvolle Tipps erhalten oder einfach mal abschalten können.

Zwei Frauen stehen an einem Stand einer Brustkrebs-Selbsthilfegruppe.

Marianne Kretschmar und Peggy Naujoks stellten die Brustkrebs-Selbsthilfegruppe Mamma Campy aus Nümbrecht vor.

Und bei der Brustkrebs-Selbsthilfegruppe Mamma Campy aus Nümbrecht verschwinden immer wieder Frauen hinter einer hohen Stellwand, dahinter finden sich Modelle einer weiblichen Brust. Die Frauen üben, wie sie einen Knoten in der Brust ertasten. Marianne Kretschmar und Peggy Naujoks betonen: „Brustkrebs darf kein Tabu sein.“ Sie und die anderen Vertreterinnen werden an diesem Samstag noch viele Gespräche über vielseitige und wichtige Themen führen.


Ausstellung in Wipperfürth: Gemeinsam laut gegen Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist keineswegs nur ein Problem in Großstädten. Die Stadt Wipperfürth will deshalb mit einer Ausstellung für das Thema Gewalt gegen Frauen sensibilisieren, die im November stattfinden soll. Sie zeigt  Gewalt-Erfahrungen der Wipperfürtherinnen in anonymisierter Form, ohne   Rückschlüsse, um wen es sich handeln könnte.

Jennifer Kolonko ist Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt. Sie ruft alle Wipperfürtherinnen auf, die Gewalt erlebt haben, ihre persönlichen Erfahrungen aufzuschreiben und anonym mitzuteilen.   Auf der Internetseite der Stadt und in einem Flyer beschreibt Jennifer Kolonko, worum es geht. Dazu gehören auch solche Fragen:

In welcher Situation hast Du bisher Gewalt erlebt? (Arbeit/Schule, Freundeskreis, in der Familie in der Öffentlichkeit, ...)

Wann war das? (Wie alt warst Du? Ist das mehrere Jahre her oder erst kürzlich geschehen?)

Wer war beteiligt? (Fremde, Freunde, Familienmitglieder, Vorgesetzte, Klassenkameraden, Kollegen und Kolleginnen, Ärzte, ...)

Welche Gefühle hattest Du dabei?

Konntest Du die Situation lösen?

Hast Du Hilfe bekommen?

Wie geht es Dir jetzt damit?

Wer mitmachen möchte: Auf der Internetseite der Stadt steht ein digitales Fragenformular bereit. Alternativ können Frauen ihre Geschichten auch in den Briefkasten des Rathauses am Marktplatz 1 einwerfen. Auf dem Umschlag sollte dann „Zu Händen der Gleichstellungsbeauftragten Jennifer Kolonko“ stehen. „Lasst uns gemeinsam aufzeigen, dass Gewalt nicht immer nur die anderen betrifft“, so der Appell. (cor)