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Wie der TH-Campus Gummersbach Unternehmen beim Einsatz von KI unterstützen kann

7 min
Prof. Thomas Bartz-Beielstein (v.l.), Prof. Irma Lindt, Prof. Christian Wolf und der Doktorand Alexander Hinterleitner im Gespräch über Möglichkeiten, wie die Wissenschaft den Unternehmen Unterstützung bieten kann.

Prof. Thomas Bartz-Beielstein (v.l.), Prof. Irma Lindt, Prof. Christian Wolf und der Doktorand Alexander Hinterleitner.

Fantastische Möglichkeiten, riesige Gefahren: Wissenschaft möchte helfen, exklusives Nischenwissen mit KI zu heben.

Ein kühner Gedanke: Kann Oberberg ein neues Silicon Valley werden? Anders gefragt: Stehen in Oberberg die Weichen auf Zukunft? Auf der Suche nach einer Antwort sprechen wir im dritten Teil der Serie mit Protagonisten vom Campus Gummersbach der TH Köln.

Ja, sagt Prof. Thomas Bartz-Beielstein, „wir haben im Oberbergischen so ein kleines Silicon-Valley-Feeling, auf das wir aufbauen können“. Diese Karte ließe sich spielen – „wenn wir als TH die Industrie entsprechend unterstützen und die Industrie das auch sieht. Momentan sieht das nicht die ganze Industrie“.

Naheliegend: Regionale Kooperation

Künstliche Intelligenz ist an der Fakultät für Informatik und Ingenieurwissenschaften am TH-Campus Gummersbach schon lange ein wichtiges Lehr- und Forschungsthema. Dank hervorragender und vielschichtiger Vernetzung in die Unternehmenslandschaft hinein, liegt eine regionale Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie nahe.

Prof. Bartz-Beielstein ist sich sicher: Die TH kann dabei helfen, das exklusive Erfahrungswissen der Betriebe, das bislang nur in Aktenordnern und in den Köpfen der Mitarbeiter, aber eben nicht in ChatGPT steckt, zu digitalisieren und in lokale KI-Modellen zu trainieren, ohne dass dieses Wissen nach außen abfließt.

Die TH kann helfen, diese Erwartungen sauber zu kommunizieren und Unternehmen vor kostspieligen Enttäuschungen zu bewahren.
Prof. Dr. Christian Wolf

Prof. Christian Wolf ist Vizepräsident für Digitalität und Nachhaltigkeit der TH Köln und lehrte bis August 2025 am Campus Gummersbach am Metabolon Institut und am Institut für Automation und Industrial IT. Auch er ist überzeugt, dass die TH der Industrie Mehrwert bieten kann. „Ich glaube aber auch, dass man der Industrie ein realistisches Bild von KI vermitteln muss.“ Oft gebe es dort die falsche Vorstellung, dass man KI einführt und dann 30 Leute entlässt, deren Arbeit fürderhin von KI erledigt wird. „Das Ding ist aber: Gerade wenn man so eine private KI-Lösung aufbaut, stellt sich die Frage, wer sich darum kümmert, die Daten zu aggregieren, zu sammeln, die Qualität zu prüfen – und das alles, bevor man mit KI anfängt.“

Vieles, das man auch schnell nutzen könne, sei oft schon vorhanden, „vieles aber auch noch nicht. Und dafür brauche ich erst mal unglaublich viel Zeit und Arbeitskraft“, so Wolf, der vor falschen Erwartungen warnt: Einsparungen durch die sogenannte „Digitalisierungs-Dividende“ träten oft erst viel später ein: Erst müssten Personalressourcen, Energie und Zeit investiert werden. „Die TH kann helfen, diese Erwartungen sauber zu kommunizieren und Unternehmen vor kostspieligen Enttäuschungen zu bewahren.“

Durch den Einsatz neuer Technologien entsteht oftmals ein Vorteil und damit für die Nicht-Nutzerinnen und Nicht-Nutzer ein Nachteil.
Prof. Dr. Irma Lindt

Prof. Irma Lindt, Prodekanin für Digitalisierung und stellvertretende Leiterin des Cologne Institute for Digital Ecosystems (CIDE), betont, dass sich die TH in der Verantwortung sehe, Unternehmen dabei zu helfen, die Potenziale der KI zu verstehen, sie einzusetzen und zum richtigen Zeitpunkt in sie zu investieren.

„Viele denken jetzt, Sie können sich das mal anschauen – so wie der einst führende Hersteller von Kameras und Fotoausrüstung Kodak sich die Digitalfotografie angeschaut hat“, sagt Prof. Lindt und erinnert damit an ein berühmtes Negativ-Beispiel. „Sogar der Erfinder der Digitalfotografie kam aus dem Hause Kodak. Doch statt direkt zu reagieren, hat der Konzern eine Studie in Auftrag gegeben und dachte, sie könnten sich noch Zeit lassen. Aber dann hatten sie den Zug verpasst.“

Auch Prof. Lindt sieht, dass es durch den zunehmenden Einsatz von KI Gewinner und Verlierer geben wird. Es werde so kommen wie immer, wenn sich neue Technologien Bahn gebrochen haben, Dinge somit effektiver, effizienter und besser gemacht werden konnten. „Durch den Einsatz neuer Technologien entsteht oftmals ein Vorteil und damit für die Nicht-Nutzerinnen und Nicht-Nutzer ein Nachteil.“ Die TH könne gemeinsam mit der Industrie konkrete neue Anwendungsfälle entwickeln, damit diese die neuen Möglichkeiten nutzen können. „Unternehmen sehen zwar vielleicht die Technologie, kommen aber eventuell nicht darauf, wie sie diese für ihr spezifisches Geschäftsfeld nutzen könnten.“ Genau da könne die Hochschule unterstützen, inklusive Abwägung von Chancen und Risiken.

Für Prof. Thomas Bartz-Beielstein ist ausgemacht, dass es für eine gedeihliche Zusammenarbeit eines Tandems bedarf – eines Zusammenspiels zwischen dem Industrieexperten mit firmeninternem Wissen um Prozesse und Materialien auf der einen und dem Wissenschaftler, der die KI versteht und programmieren kann, auf der anderen Seite. So ließe sich die ganze Kraft der Künstlichen Intelligenz heben.

Idee: Workshops für Unternehmen

KI an sich bezeichnet der Professor als „eine Wort-Klebe-Maschine, die aus der Vergangenheit arbeitet und nichts Neues erschafft“. Als Werkzeug richtig und vor allem intelligent eingesetzt, könne sie aber durchaus konstruktiv sein. Fantastischen Möglichkeiten stünden aber auch riesige Gefahren gegenüber. „Die Dinger halluzinieren und können auch riesigen Schwachsinn produzieren. Die Hochschule sollte diese Karte spielen und sagen: Wir können da Vorreiter sein.“

Bartz-Beielstein kann sich auch vorstellen, dass die Hochschule Workshops für Unternehmen anbietet, in denen es um die Vorstellung aktueller Tools inklusive ihrer Schwächen und Fallstricke geht.

Die TH kann helfen, genau dieses Nischenwissen mit KI zu heben und Produkte sowie Vermarktung zu verbessern.
Prof. Dr. Thomas Bartz-Beielstein

Gerade im Oberbergischen, sagt er, kenne er zahlreiche Unternehmen, die über hoch spezialisiertes Wissen verfügen, sei es in der Konstruktion von Pumpen für Kraftwerke, Hochtemperatursensoren oder Schleudergusstechnik – Wissen, das die Unternehmen schützen und das auch Großkonzerne wie Siemens oder ABB nicht einfach so kopieren könnten. „Die TH kann helfen, genau dieses Nischenwissen mit KI zu heben und Produkte sowie Vermarktung zu verbessern.“


Kritik an Huangs These

Beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos sprach Nvidia-Mitgründer Jensen Huang in diesem Januar mit dem Blackrock-CEO Larry Fink darüber, wie Künstliche Intelligenz die Weltwirtschaft, Infrastruktur, Arbeitswelt und Investitionslandschaft neu gestaltet. Dort äußerte Huang seine These von Europa als möglichem Gewinner einer neuen industriellen Revolution.

Prof. Dr. Thomas Bartz-Beielstein von der Fakultät für Informatik und Ingenieurwissenschaften am Campus Gummersbach der TH Köln (Institut für Data Science, Engineering and Analytics (IDE+A)) ordnet die Aussagen Huangs ein: „Was Jensen Huang da sagt, ist sehr eindimensional gedacht – aus Sicht der Industrie, dass das eine riesige Gewinnmaschine für alle ist. Aber es gibt kein ökonomisches Modell, wo alle nur Gewinner sind“, warnt er, „es gibt leider auch immer Verlierer. Die Gewinner sind natürlich die großen Tech-Konzerne.“

Nur in Teilen stimmt Bartz-Beielstein der Aussage zu: „Wir haben in Europa den Vorsprung, weil wir das Wissen haben, weil wir technisch versierte Leute haben, unter anderem auch durch die TH Köln, gegenüber anderen Regionen. Und diese Karte können wir spielen. Wenn wir das Private privat halten, aber damit die KI trainieren. Und deshalb könnte man sagen: Ja, wir haben im Oberbergischen so ein kleines Silicon-Valley-Feeling, auf das wir aufbauen können, wenn wir als TH die Industrie entsprechend unterstützen und die Industrie das auch sieht. Momentan sieht das nicht die ganze Industrie.“

Als allzu vereinfacht kritisiert er hingegen Huangs Äußerungen zum immensen Energiebedarf, den KI mit sich bringt: Der Nvidia-Chef zeichne das Bild einer heilen Welt, wenn nur alle – auch Länder mit niedrigem/mittlerem Bruttoinlandsprodukt – ausreichend in Energieinfrastruktur investieren. Dann winke laut Huang überall ein Innovationsschub in der Wissenschaft, Pflegekräfte würden entlastet, weil sie weniger dokumentieren müssen, es könnten frühzeitig energieeffiziente Batteriespeicher hergestellt werden.

Im Moment sehe ich das so, dass zehn Prozent, die KI-Tools nutzen, KI-Gewinner sein werden und 90 Prozent KI-Verlierer.
Prof. Dr. Thomas Bartz-Beielstein

Bartz-Beielstein sieht zumindest die Möglichkeit, dass sich – gar nicht heile-Welt-mäßig – die Gesellschaft aufspalten wird: „Im Moment sehe ich das so, dass zehn Prozent, die KI-Tools nutzen, KI-Gewinner sein werden und 90 Prozent KI-Verlierer. Es gibt auch unter Wissenschaftlern einen großen Teil, der gar nicht weiß, was da passiert.“ Tatsächlich sei es schon jetzt so, dass auch Wissenschaftler mehrere Hundert Euro pro Monat aus eigener Tasche bezahlen, um permanent die neuesten Tools nutzen zu können, „um nicht auf dem Abstellgleis zu landen.“ Jede Woche gebe es neue spannende KI-Tools, jeden Monat gebe es einen neuen Durchbruch für Tätigkeiten, die KI erledigen kann.

Gewinner und Verlierer

Dasselbe gelte für die Industrie, zehn Prozent der Unternehmen hätten das Geld zum Investieren: „Die Großen wie Siemens oder Bosch, die stellen ihre ganze Konzeption auf KI-basierte Sachen um, die blasen Millionen in KI-Tools. Mir als Wissenschaftler fällt es schon schwer, am Ball zu bleiben. Da wird womöglich eine ganze Industrie abgehängt, weil die keine Möglichkeit hat, die neuen Tools zu bezahlen.

Grundsätzlich verkaufe der Nvidia-Chef nach Einschätzung von Prof. Bartz-Beielstein Künstliche Intelligenz zu unkritisch. „Huang stellt KI dar, als ob sie verstehe und lerne wie ein Mensch. Aber sie versteht nichts, sie hat kein Bewusstsein. Letztlich ist sie nur eine Wort-Klebe-Maschine, die aus der Vergangenheit arbeitet und nichts Neues erschafft.“ Außerdem blende Huang die gesellschaftlichen Risiken aus: Die drohende gesellschaftliche Spaltung in Gewinner und Verlierer, aber auch die Gefahr autonomer Waffensysteme.


Teil 1 der Serie: Wie KI Oberbergs Unternehmen beflügelt

Teil 2 der Serie: Schmidt + Clemens aus Lindlar setzt in der Gießerei längst auf KI