Nvidia-Chef Jensen Huang sieht Europa als einen Gewinner der KI-Revolution. Darüber sprachen wir mit Wolfgang Cieplik von Unitechnik.
Neue SerieWie KI Oberbergs Unternehmen beflügelt

Auch bei der „Hightech Agenda Deutschland“, dem zentralen Innovationsprogramm der Bundesregierung, geht es um Forschungsfelder wie KI oder Quantencomputing. Hier zu sehen Bundeskanzler Friedrich Merz (r.) und Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (2.v.r.) mit einem humanoiden Laufroboter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.
Copyright: dpa
Ein kühner Gedanke: Kann Oberberg ein neues Silicon Valley werden? Stehen in Oberberg die Gleise auf Zukunft? Im ersten Teil unserer neuen Serie sprechen wir mit Wolfgang Cieplik vom Wiehler Industrie-Automatisierer Unitechnik, Vorsitzender des IT-Forum Oberberg.
Wolfgang Cieplik ist in der oberbergischen Unternehmenslandschaft bestens vernetzt und steht in engem Kontakt mit dem Campus Gummersbach der TH Köln – als Unternehmer, als Vorsitzender des IT-Forums Oberberg und als Vorstandsmitglied im Innovation Hub Bergisches Rheinland. Er kann sich also ein Urteil erlauben: Wie ist das Oberbergische aufgestellt, wenn es um die praktische Anwendung von Künstlicher Intelligenz geht? Ist das für die Unternehmen ein Thema?

Wolfgang Cieplik ist einer von zwei Inhabern des Wiehler Industrie-Automatisierers Unitechnik, zudem Vorsitzender des IT-Forums Oberberg und Vorstandsmitglied im Innovation Hub Bergisches Rheinland.
Copyright: Unitechnik
„Wir machen beim IT-Forum alle zwei Jahre ein Brainstorming darüber, was die Themen für die nächsten zwei Jahre sein sollen. Die letzte IT-Arena war im Herbst, und da war KI das absolut beherrschende Thema“, sagt Cieplik, einer der beiden Inhaber des Industrie-Automatisierers Unitechnik Systems mit Stammwerk in Wiehl-Bomig. „Wir merken aber auch, dass das Angebot an Veranstaltungen schon so riesig ist, dass es gar nicht so einfach ist, einen eigenen Schwerpunkt zu setzen. Daher setzen wir derzeit auf die Vernetzung der oberbergischen Akteure.“
Jeder sehe das gigantische Potenzial von KI, „jeder hat im Prinzip Angst, etwas zu verpassen, das spürt man bei den Roundtables. Jeder versucht jetzt, seinen Weg zu finden.“ Vielfach, so Cieplik, stünden derzeit grundsätzliche Fragen zur Regulatorik im Raum: „Wie etabliere ich KI im Unternehmen? Welche Richtlinien erlasse ich? Wie lege ich fest, wer was darf und wer nicht? Welche Werkzeuge darf ich denn benutzen? Wie stelle ich sicher, dass Kundendaten nicht abfließen?“
Unsere erste KI-Richtlinie hatte vier Seiten, geschrieben von unserer IT und dem Qualitätsmanagement. Im Prinzip steht da drin: Keiner darf was mit KI machen, außer, es ist ihm erlaubt.
Das Erstellen einer eigenen KI-Richtlinie sei auch bei Unitechnik der erste Schritt gewesen. „Wir sind da pragmatisch rangegangen. Unsere erste KI-Richtlinie hatte vier Seiten, geschrieben von unserer IT und dem Qualitätsmanagement. Im Prinzip steht da drin: Keiner darf was mit KI machen, außer, es ist ihm erlaubt.“ Zudem sei definiert, welche KI-Werkzeuge zulässig sind, und dass diese auch mit entsprechenden Lizenzen hinterlegt sind. Das sei wichtig, um sicherzustellen, dass Daten nicht wild und ungebremst abfließen können. Gewisse Segmente sind für ihn aber auch tabu, Personaldaten zum Beispiel: „Ich kann nicht anfangen, eine Personalakte von ChatGPT optimieren zu lassen.“
Überraschend schnelle Erfolge
Bei Unitechnik beschäftigt man sich seit Herbst 2024 mit dem Einsatz von KI. Damals gab der Systemintegrator für automatische Logistiksysteme eine Bachelorarbeit in Auftrag, um zu ergründen, welche Potenziale KI für einen Anlagenbauer bietet. Dafür seien viele Interviews mit Mitarbeitern geführt worden, das Ergebnis sei vielversprechend gewesen, gerade die Chancen-Risiken-Abwägung, erinnert sich Cieplik. Daraus konnte die KI-Richtlinie abgeleitet werden. „Und dann haben wir schon mit ersten Use Cases losgelegt.“
Erfolge stellten sich überraschend schnell ein, gleich die erste Anwendung, die Erstellung eines kleinen GPT (Generative Pre-trained Transformer, deutsch: Generativer, vorab trainierter Transformator, d. Red.) – entpuppte sich als voller Erfolg: Die KI bekam die Aufgabe, Pflichtenhefte zu schreiben, in denen für die Kunden definiert wird, wie die Anlagensteuerung aufgebaut ist und funktionieren soll. „Dass wir damit so effizient sind und dass sich der allererste Anwendungsfall schon rechnet, das hätten wir nicht erwartet“, gesteht Cieplik. Er rechnet damit, dass sich der Aufwand für das Erstellen von Pflichtenheften künftig halbieren wird.
Ein weiterer Use Case ist eine automatisierte Angebotserstellung für ein schlankes Beratungsprodukt zum Festpreis von 7500 Euro: Nach einem Kundengespräch per Teams wird das Angebot automatisch generiert und kann ohne großen Vertriebsaufwand verschickt werden.
Unitechnik nutzt KI-Funktionalitäten auch in der eigenen Lagerverwaltungssoftware UniWare, um den Kunden einen lernenden Lagerleitstand zu liefern. Daneben setzt das Unternehmen aber auch bereits auf Physical AI – also das Feld, das laut Nvidia-Chef Jensen Huang besonders für Europas Zukunftschance steht.

In den Projekten von Unitechnik kommen immer häufiger fahrerlose Transportsysteme zum Einsatz, die ihre Umgebung mittels Künstlicher Intelligenz autonom kennenlernen.
Copyright: Unitechnik
„Man muss unterscheiden, ob man Anwender einer solchen Technologie ist oder ob man sie in seine Produkte einfließen lässt. In unserer Rolle eines Systemintegrators sind wir immer auf der Suche nach fertigen KI-Produkten, die es auf dem Markt gibt, die wir in Projekten einsetzen können.“
Fahrerlose Transportsysteme, zum Beispiel: Leitdrähte im Boden oder Marker an Wänden sind da nicht mehr nötig. KI-basierte Systeme lernen ihre Umgebung autonom kennen, entwickeln Erfahrungswissen und agieren ähnlich wie Menschen, ohne feste Wegvorgaben. Auch in der Kommissionierung zeige sich der Wandel: Im Gegensatz zu klassischen Robotern, die einmal angelernte Bewegungen unermüdlich wiederholen, würden heutige Systeme dank Sensoren und Kameras selbst erkennen, was mit welchem Werkzeug wie zu greifen ist. „Der entscheidende Unterschied liegt im zunehmenden Erfahrungswissen: Die Systeme lernen kontinuierlich aus neuen Situationen.“
Das Erfolgsrezept liegt in der Kombination aus stetigem Lernen, Erfahrungsaustausch und einer Änderungsbereitschaft.
Nun also die Gretchenfrage: Wie stehen die Chancen, dass Oberberg in der von Jensen Huang skizzierten Zukunft eine Rolle spielt, in der eine Verschmelzung von KI, innovativen Unternehmen und Ingenieurskunst ein Ass im Ärmel ist – in einem „oberbergischen Silicon Valley“? „Ich glaube nicht, dass wir in Oberberg die Produkte unbedingt im großen Maßstab entwickeln, die dann weltweit im Einsatz sind. Aber ich glaube, unsere Stärke ist, durch die Anwendung von KI-gestützten Lösungen in der Industrie, also in der Produktionsautomatisierung, global wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei tauschen sich Unternehmen immer stärker untereinander aus. Regionale Hochschulen und Hubs wirken dabei als Katalysator. Diese Netzwerkmentalität, die sich da entwickelt hat, ist absolut Gold wert. Ich glaube wirklich, dass das ein dickes Pfund ist, das wir als Oberberg haben.“
Also weniger ein neues Silicon Valley als vielmehr eine Region, die Künstliche Intelligenz intelligent anwendet, klug vernetzt ist und dadurch international wettbewerbsfähig bleibt. Cieplik: „Das Erfolgsrezept liegt in der Kombination aus stetigem Lernen, Erfahrungsaustausch und einer Änderungsbereitschaft.“
Ein neues Silicon Valley in Oberberg?
Was hat der US-Chip-Hersteller Nvidia, Der mächtige Player im globalen Wettrennen um Künstliche Intelligenz (KI), mit dem Oberbergischen zu tun? Jensen Huang, Mitgründer und Chef von Nvidia, hat Anfang des Jahres beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos etwas Spannendes zur Zukunft der Wirtschaft in Europa gesagt.
Bei einem Podiumsgespräch mit Blackrock-CEO Larry Fink skizzierte er die künftige Rolle Europas optimistisch und nahm Bezug auf Stärken, die genau so im Oberbergischen vorhanden sind: Auf Dinks explizite Frage, wie Europa vom KI-Boom profitieren könne, sagte Huang: Er glaube, Europa habe zwar das Zeitalter der Software weitgehend verpasst. Aber jetzt bahne sich eine neue industrielle Revolution an, bei der es ums Verschmelzen von KI mit industriellen Fähigkeiten, Ingenieurskunst, Maschinenbau, Automation und Robotik geht – eben um das Zukunftsfeld „Physische KI“. Das Ganze bezeichnete er als eine Chance, die eine Generation nur einmal bekomme.

Nvidia-CEO Jensen Huang spricht Mitte März während einer Nvidia-Konferenz zum Thema Künstliche Intelligenz.
Copyright: dpa
Huang wörtlich: „Die industrielle Fertigungsbasis in Europa ist unglaublich stark. Das ist Ihre Chance. Das andere, was man sich bewusst machen sollte, ist, dass so viele der Grundlagenwissenschaften hier in Europa noch immer sehr stark sind. Diese haben jetzt den Vorteil, KI anzuwenden, um Ihre Entdeckungen zu beschleunigen.“ Klingt nach einer Goldenen Zukunft für Oberberg mit seinen vielen „Hidden Champions“ und Weltmarkführern, die bekannt dafür sind, Innovationen gegenüber aufgeschlossen zu sein. Mit dem Campus Gummersbach der TH Köln und der dort heimischen Fakultät für Informatik und Ingenieurwissenschaften gibt es ein gut vernetztes akademisches Zentrum.
Wenn man jetzt Die offensichtliche Absicht des Nvidia-Chefs, seine Chips verkaufen zu wollen, mal übersieht: Steckt im Oberbergischen wirklich der Kern für ein neues Silicon Valley? Oder, wenn diese These etwas zu mutig klingt: Wie ist das Oberbergische aufgestellt, um bei dieser nächsten „Industriellen Revolution“ vorne dabei zu sein? Das fragen wir in dieser Serie Akteure mit unterschiedlichen Hintergründen.

