Abo

PsychoonkologieWie eine Palliativpatientin aus Oberberg gelernt hat, neue Kraft zu schöpfen

4 min
Psychoonkologin Julia Ammann und Patientin Anni Hermans-Conrads sitzen auf einer Bank im Grünen.

Psychoonkologin Julia Ammann betreut Anni Hermans-Conrads (r.) im Auftrag der Spezialisierten Ambulanten Palliativersorgung.

Anni Hermans-Conrads (75) ist krebskrank. Dass sie sich heute über die Krokusse im Garten freuen kann, hätte sie vor wenigen Wochen nicht für möglich gehalten.

Es war ein Schock, als ich den Stempel ,Palliativpatientin' aufgedrückt bekam. Ich dachte, jetzt hast du noch vier Wochen zu leben, mach dein Testament. Du stirbst. Ich hatte keinen Mut mehr“, erzählt Anni Hermans-Conrads (75). „Es war ja schon das zweite Mal, dass ich mit der Diagnose Krebs fertig werden musste. Nach der Chemotherapie vor zwei Jahren hieß es: Alles in Ordnung. Und dann kamen die Metastasen.“

Dass sie sich heute über die Krokusse im Garten freuen kann, die in der Frühlingssonne leuchten, hätte sie vor wenigen Wochen nicht für möglich gehalten. Dabei hat sich ihre Situation nicht verändert. Aber sie selbst hat sich verändert.

Über einen anderen Blick auf ihre Krankheit gestaunt

Unterstützung bekam sie dabei von der Psychoonkologin Julia Ammann. Diese arbeitet als psychologische Beraterin für die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung Oberberg (SAPV) und besucht die Seniorin alle zwei Wochen zu Hause. „Sie hilft mir, aus der Abwärtsspirale der Gedanken heraus zu finden. Aus dem tiefen Loch“, sagt Anni Hermans-Conrads. Sie räumt ganz offen ein, dass sie zuerst nicht daran geglaubt hat, dass das möglich ist. „Ihr habt ja alle gut reden“, habe sie gedacht und sich dann doch auf ein erstes Gespräch eingelassen – und dabei über einen anderen Blick auf ihre Krankheit gestaunt. „Ich bin vielleicht zu 25 Prozent krank, aber die restlichen 75 Prozent sind gesund. Das Leben besteht eben nicht nur aus Krankheit und Ängsten.“

„Es geht ums Leben und nicht ums Sterben“, bekräftigt Julia Ammann. „Um die emotionale Stabilisierung.“ Die könne ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem, was der Patient, die Patientin braucht. „Am Lebensende kommen oft Dinge hoch, die gesehen und befriedet werden wollen. Das ist ein ganz großes Thema. Alte Konflikte, Schuldgefühle, die das Loslassen verhindern. Man kann nicht gehen, so lange etwas blockiert. Das können auch die Angehörigen sein, die einen Menschen zu fest halten.“

Am Lebensende kommen oft Dinge hoch, die gesehen und befriedet werden wollen. Das ist ein ganz großes Thema.
Julia Ammann, Psychoonkologin

Häufig geht es auch um die Betreuung von Familienmitgliedern, die sich ja ebenfalls in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden, mit Schwächen des Kranken konfrontiert sind, mit Verzweiflung und Trauer. Sie lernen zu verstehen, auch dass sie nicht alles auf sich selbst beziehen sollten. Oder dass sich die Rollen verschieben, wenn der Sohn, die Tochter für die Mutter verantwortlich sind. Da kann es beiden Seiten gut tun, offen mit einer außenstehenden Person zu sprechen, die nicht emotional in die Krankheit verstrickt ist.

Anni Hermans-Conrads erzählt, was ihr hilft. „Ich bekam die Anregung, jeden Abend drei Dinge aufschreiben, die an diesem Tag schön waren. Es gibt sie tatsächlich! Der Besuch von Tochter und Enkelin. Der Duft von leckerem Essen. Seitdem schlafe ich jeden Abend mit guten Gedanken ein!“ Umgekehrt schreibt sie auf, was sie besonders belastet und verbrennt das Blatt im Kaminofen. „Da lösen sich die negativen Gefühle in Rauch auf. Man kann das tatsächlich üben.“

Laut RKI erkrankt im Laufe seines Lebens in Deutschland jeder Zweite an Krebs

„Es ist beeindruckend, wie viel in der Psychosomatik möglich ist“, meint die Psychoonkologin. Erst recht für Kranke, die noch nicht in der Palliativversorgung sind und die in ihre psychologische Privatpraxis in Engelskirchen kommen. Es gebe Studien, dass durch gute Bewältigungsstrategien – begleitend zur medizinischen Versorgung – die Chance, gesund zu werden, um 30 Prozent erhöht wird.

Laut aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts erkrankt im Laufe seines Lebens in Deutschland jeder Zweite an Krebs. Oft ist keine Heilung möglich. 80 Prozent der vom SAPV betreuten Palliativpatienten leiden laut Ammann an einer Tumorerkrankung. Woher nimmt die Psychoonkologin selbst die Kraft für ihre herausfordernde Arbeit? „Neben der Supervision und der Zusammenarbeit mit den Kollegen ist es die Überzeugung, dass mein Wirken die Situation besser macht. Ich bekomme ganz viel zurück, und es schärft den Blick für das, was wirklich wichtig ist im Leben.“

Anni Hermans-Conrads will offen mit ihrer Krankheit umgehen und damit anderen Mut machen. „Der Tod ist ja so ein Tabu! Man neigt dazu, sich zurückzuziehen, weil man andere nicht belasten und selbst nicht als ,die Kranke' angesehen werden will. Aber ich mache mir bewusst, dass Freunde mich nicht aus Mitleid besuchen, sondern weil sie mich mögen. Das Glas ist halb voll, nicht halb leer!“

Sie weiß nicht, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Aber sie ist fest entschlossen, die kleinen Dinge zu sehen: die Krokusse in der Sonne, die Glücksmomente zu leben. Jetzt! In jedem einzelnen Augenblick