Katastrophenübung in Overath – 150 Einsatzkräfte trainieren Zusammenspiel – Kreisbrandmeister und Innenministerium ziehen Bilanz.
Rhein-Berg probt den ErnstfallGroßeinsatz nach Chemieunfall an Overather Schule

Chemieunfall in einer Schule: Bei der Übung in Overath wurde die Dekontamination von schwer verletzten Patienten in einer Spezialeinheit mit Duschabrollcontainer geübt.
Copyright: Guido Wagner
„Mein Bauch, mein Bauch“, schreit eine Jugendliche. Ihr Mitschüler schaut unter Schock auf seine Hände, über und über mit Scherben gespickt, die Haut offenbar zudem schwer verätzt. Einsatzkräfte in Ganzkörperschutzanzügen übernehmen die Patienten, die unmittelbar zuvor aus dem Overather Schulzentrum ins Freie gerettet worden sind. Im Chemieraum des dortigen Gymnasiums ist es zu einem folgenschweren Unfall mit zahlreichen Verletzten gekommen.

Täuschen echt aussehende Wunden sind den Mimen modelliert und aufgeschminkt worden. Vor der Dekontamination müssen sie entkleidet und Wunden mit wasserdichten Pflastern abgeklebt werden.
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Zum Glück ist das lediglich ein Übungsszenario, die Wunden allerdings sind täuschend echt aufgeschmickt und modelliert – und die Rettung erfolgt am Samstagmorgen so als wäre es tatsächlich zu einem solchen verheerenden Unfall in dem Overather Schulzentrum gekommen.
So etwas zu üben ist so wichtig, weil ein solches Szenario so schnell auch mal Realität werden kann.
„Wir über hier sowohl mit der Dekontaminationseinheit des Kreises, an der verschiedene Organisationen beteiligt sind, und haben außerdem einen Behandlungsplatz aufgebaut, in dem bei großen Lagen 50 Patienten innerhalb von zwei Stunden oder 100 Patienten über vier Stunden notfallmedizinisch versorgt werden können“, sagt Kreisbrandmeister Manuel Packhäuser, der mit seinem Team und Unterstützung in mehr als 500 Stunden die Großübung für 150 Einsatzkräfte von Hilfsorganisationen und Feuerwehr samt Beobachtern, 50 Einsatzfahrzeugen und einem Patiententransportzug aus dem Oberbergischen zur Unterstützung vorbereitet hat.
Katastrophen machen nicht an der Kreisgrenze Halt, Überörtliche Hilfe ist deshalb von großer Bedeutung. Im Ernstfall zählt jede Minute
„Katastrophen machen nicht an der Kreisgrenze Halt“, erinnert Landrat Arne von Boetticher beim Besuch der Großübung auch an das verheerende Hochwasser von 2012. „Überörtliche Hilfe ist deshalb von großer Bedeutung. Im Ernstfall zählt jede Minute – und vor allem ein reibungsloses Zusammenspiel aller Beteiligten.“

Chemieunfall in einer Schule: Bei der Übung in Overath wird die Dekontamination von schwer verletzten Patienten in einer Spezialeinheit mit Duschabrollcontainer geübt.
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Und das beginnt schon bei der Alarmierung der Einheiten zu einem Sammelraum. „Wir haben die Soll-Stärke in der Zeit erreicht“, sagt Kreisbrandmeister Packhäuser und berichtet vom anschließenden „Verbandsmarsch“ der rund 50 Einsatzfahrzeuge nach Overath – ein imposanter Anblick, der auch manchen Autofahrenden staunen ließ. Ein Vorauskommando hatte da schon den Platz für den Aufbau am Schulzentrum inspiziert.
Großes Engagement der überwiegend ehrenamtlichen Einsatzkräfte lobt auch Overaths Bürgermeister
„Der Parkplatz war leer, sonst müssten wir im Einsatzfall mit Ordnungsamt und Polizei erst Platz schaffen“, sagt Packhäuser. Wie reibungslos das Zusammenspiel funktioniert, beobachtet auch Overaths Bürgermeister Michael Eyer, der sich freut, dass die Großübung in seiner Kommune stattfindet und wie Landrat von Boetticher vor allem auch das große Engagement der ganz überwiegend ehrenamtlichen Einsatzkräfte lobt.

Nach der Dekontamination werden die Patienten vor der Behandlung gesichtet und je nach Schere ihre Verletzung auf unterschiedliche Behandlungszelte aufgeteilt.
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Unterdessen haben die Dekontaminationsfachleute in den Ganzkörperschutzanzügen die ersten von der Feuerwehr aus dem Chemieraum geretteten Schülerinnen und Schüler gesichtet, mit ihnen gesprochen und in ein großes Zelt geführt. Hier sollen sie von noch an Kleidung und Körper anhaftenden gefährlichen Substanzen befreit werden.
Wir haben hier zwei Behandlungsstraßen: eine für Patienten, die noch selbstständig gehen können, und eine für die, die liegend dekontaminiert werden müssen:
„Wir haben hier zwei Behandlungsstraßen: eine für Patienten, die noch selbstständig gehen können, und eine für die, die liegend dekontaminiert werden müssen“, erläutert Vize-Kreisbrandmeister Sven Jansen, der die Dekontaminationseinheit des Kreises viele Jahre geleitet hat. Die Patienten werden zunächst entkleidet – in der Übung lediglich bis auf von den Verletztendarstellern selbst gewählte schwarze Kleidungsstücke –, sämtliche Wunden mit wasserdichten Pflastern abgeklebt, Augen und Atemwege mit Schutzmasken geschützt und dann entweder auf einer Trage und einer Rollenbahn in die folgende, aus einem Abrollcontainer aufgebaute Dekontaminationsduscheinheit gerollt oder dorthin geführt.

Je nach Schwere der Verletzungen wird in verschiedenen Zelten behandelt.
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Anschließend erhalten sie Schutzkleidung und werden von Experten erneut gesichtet und je nach Schwere ihrer Verletzungen (rot, gelb oder grün) in unterschiedliche Behandlungszelte gebracht. „Rot – heißt lebensgefährliche Verletzungen“, erklärt Steffen Schmidt vom Deutschen Roten Kreuz. „Die müssen als erstes stabilisiert und in Kliniken gebracht werden“, ergänzt Kreisbrandmeister Packhäuser.
Verantwortliche ziehen nach Ablauf der Großübung positive Bilanz – Lob aus dem Ministerium
Bei der Übung läuft's wie am Schnürchen, übernehmen Feuerwehrleute den Transport, behandeln Notärzte und Sanitätspersonal die Verletzten in den DRK-Zelten und werden diese danach in eine ganze Reihe von aufgefahrenen Rettungswagen verteilt und in Spezialkliniken aufgeteilt. In der Übung kommen sie allerdings nach einer Runde im Rettungswagen zurück – ansonsten aber ist alles wie im realen Notfall. Auch die Erfassung der Personalien, damit zuverlässige Informationen beispielsweise an Angehörige weitergegeben werden können, die bei der Polizei anfragen.

Eine Transporteinheit mehrerer Hilfsorganisationen aus dem Oberbergischen sorgt für den Transport der Verletzten in Krankenhäuser.
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„So ein Behandlungsplatz dient auch dazu, im Ernstfall Pufferkapazitäten zu schaffen – wenn am Anfang zu wenig Transportkapazitäten zur Verfügung stehen oder die Kapazitäten in den Kliniken erst hochgefahren werden müssen.“
Eine sehr professionell organisierte Übung, bei der verschiedene Konzepte von der Dekontaminationseinheit über die Behandlung bis zur Transportorganisation zusammen geübt wurden – und das ist sehr gut
Kreisbrandmeister Packhäuser zeigte sich am Ende der Übung sehr zufrieden: „Ich habe keine Riesenbaustellen entdeckt. Wir haben eingespielte Teams der freiwilligen Feuerwehren und Hilfsorganisationen erlebt, die souverän agiert haben.“ Beteiligt waren an der Großübung auch der Arbeiter-Samariter-Bund, der Malteser Hilfsdienst, die DLRG, die Johanniter-Unfall-Hilfe, die Facheinheit für Information und Kommunikation sowie das Technische Hilfswerk (als Beobachter).
„Eine sehr professionell organisierte Übung, bei der verschiedene Konzepte von der Dekontaminationseinheit über die Behandlung bis zur Transportorganisation zusammen geübt wurden – und das ist sehr gut“, lobte auch Dr. Steven Bayer von der Landesstelle für Katastrophenschutz des NRW-Innenministeriums den Ablauf in Overath. „Und es ist so wichtig, weil ein solches Szenario so schnell auch mal Realität werden kann“, so Kreisbrandmeister Packhäuser.

