Zwei Tage lang üben 80 Einsatzkräfte, was nach einem Angriff zu tun ist. Das „Drehbuch“ sieht vor, dass sie ebenfalls unter Beschuss geraten.
Nach (fiktivem) TerroranschlagTHW trainiert in Marienheide unter extremen Bedingungen

Damit Jens Schragner aus Siegen als Leiter der mobilen Einsatzstelle arbeiten, müssen die ehrenamtlichen Kräfte des Technischen Hilfswerks Drahtverbindungen für ein autarkes Telefonnetz knüpfen.
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Klopfen und Klirren, mit Werkzeugen machen Verletzte Krach und versuchen, den Einsatzkräften des Technischen Hilfswerks (THW) den Weg zu weisen. Plötzlich eine Explosion, Feuer, Schmerzensschreie, Hilferufe: Mitten in Marienheide tobt das Chaos. Inzwischen wissen die Kräfte, dass es 14 Verletzte aufzuspüren gilt. Mindestens vier Menschen sind bei diesem Anschlag zudem ums Leben gekommen. Doch der Sprechfunk ist ausgefallen, das Handynetz lahmgelegt. Ein Horrorszenario – aber kein echtes.
Auf Einladung der THW-Regionalstelle in Olpe haben von Freitagnachmittag an bis hin die Nacht hinein und nahezu den ganzen Samstag über alle Ortsverbände aus Oberberg sowie aus Siegen, Lennestadt, Olpe und Bad Berleburg an einer Großübung im Zivilschutz auf dem früheren Gelände des Kranbauers Abus teilgenommen.

Telefonleitungen wie Anno dazumal: THW-Kräfte verlegen auf dem früheren Abus-Gelände Leitungen für ein eigenständiges Netz. Funk und Mobilfunk,so das fiktive Unglücksszenario, sind nämlich ausgefallen.
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Dieses hat die Firma August Rüggeberg, die heutige Eigentümerin, dafür zur Verfügung gestellt. Etwa 80 Männer und Frauen sind auf den Beinen, um das Retten von Verletzten und das Bergen von Toten, Darsteller allesamt, zu üben – und das so realistisch wie nur möglich. Sie gehen sogar durch dick und dünn: Wände werden aufgestemmt, Löcher in Decken und Böden geschlagen, Wege gebahnt.
In Marienheide sind 80 zumeist ehrenamtliche Kräfte an zwei Tagen auf den Beinen
Am ersten Übungstag werden Tote und Verletzte geortet, der Einsatzort wird erkundet und zum Beispiel auf Chemikalien untersucht. Alles wird dokumentiert und am zweiten Tag an die Kameradinnen und Kameraden übergeben, die sich nun auf das betroffene Gelände vorwagen mit schwerem Gerät und auch unter Atemschutz. Fiktive Kulisse dafür sind Angriffe auf Gebäude, zum Beispiel Schulen, auf die Industrie und die Infrastruktur, darunter Wasser- und Abwasseranlagen.

Üben unter extremen Bedingungen: In Marienheide werden Verletzte (Darsteller) von den Kräften des THW auch per Seilzug durch die Decke der beschädigten Räume gerettet.
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„Das erste Szenario sieht den Einsatz im Katastrophenfall vor, das zweite dann, dass unsere Leute selbst unter Beschuss geraten, zum Beispiel bei einem Angriff mit Drohnen“, erklärt Georg Schweinsberg, einer der Organisatoren und Fachberater aus dem Ortsverband Lennestadt. Hinzukommt, dass sich eben alles bei totaler Funkstille abspielt: Die Einsatzleitstelle ist auf dem Parkplatz der Gesamtschule aufgebaut, mit einem Auto – dem Melder – oder zu Fuß geht es bergauf und bergab.
Extreme Bedingungen also, aber notwendige: „Angesichts der Weltlage müssen wir solche Einsätze heute trainieren – am besten einmal im Jahr“, betont Schweinsberg. Und Jens Schragner aus Siegen, Chef der mobilen Leitstelle, ergänzt: „Vieles davon haben wir im Ahrtal gelernt, auf die harte Tour.“

Immer wieder kommt es auf dem ehemaligen Firmengelände des Kranbauers Abus in Marhienheide zu – gewollten – Explosionen.
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16 Kräfte hören diesmal auf Schragners Kommando. Die schlagen sich auf dem ehemaligen Abus-Gelände gerade ins Grüne: Sie knüpfen eine Drahtverbindung und stellen ein autarkes Telefonnetz her. Daneben dreht ein blauer Bagger einen Grünstreifen auf links: Leitungen für frisches Wasser und für Schmutzwasser, zum Beispiel aus Toiletten, werden verlegt.
THW-Fachgruppe aus Bergneustadt kann 30.000 Liter Wasser in der Minute durch die Leitungen jagen
Georg Schweinsberg betont: „Am Ende muss alles wirklich funktionieren und die Leitungen müssen das Gewicht der Lastzüge tragen, wenn diese darüberfahren.“ 30.000 Liter pro Minute kann die zuständige Fachgruppe aus Bergneustadt durch die Röhren pumpen. Und auch der Schweiß fließt. Schweinsberg: „Wir holen alle aus der Komfortzone.“
In den Werkhallen, manche gut versteckt, warten derweil 25 Freiwillige aus den Reihen der DLRG-Ortsgruppe aus Drolshagen darauf, gerettet oder auch als Leiche geborgen zu werden, und das sogar mit einem Seilzug ruch ein Loch in der Decke. Theaterblut rinnt etwa dem „Verletzten“ Jonas Johannes aus Attendorn von der Stirn, während er mit einem Hammer auf Metallverkleidungen einschlägt.
Auf dem Boden verstreut liegen Knallerbsen, die den Einsatzkräften klarmachen: Jederzeit kann Ungeahntes passieren, jeder kann selbst auf seinem Weg zu Toten und Verletzten Gefährliches auslösen. „Deswegen geht jeder von uns mit größter Vorsitz an die Arbeit“, versichert Timo Horzewsky vom Bergneustädter Ortsverband. „Wenn etwa eine Decke herabstürzt, dann immer in guter Entfernung, sodass sie niemanden trifft.“
Dafür zuständig ist in Marienheide auch der Pyrotechniker Marcus Gerlach vom THW in Ratingen: Er lässt es nicht nur krachen, er zündet auch zwei bis drei Meter hohe Flammensäulen. „Diese stellen bei der zweiten fiktiven Attacke mit Drohnen die Einschläge dar“, führt Gerlach aus.
In Kürze will das THW seine Übungen in Waldbröl fortsetzen: Die Organisation plant, den Naturerlebnispark Panarbora zu kapern, um dort in einer Feldküche die Versorgung von 100 Menschen zu proben.

