Bei Hedwig Pier konnte man auch Schreibwaren und Modellbau-Artikel kaufen. Für die Stammkunden geht ein Stück Heimat verloren.
Einzelhandel in ErftstadtBuchhandlung Pier in Liblar schließt nach fast 60 Jahren endgültig

Beim vorgezogenen Räumungsverkauf halfen Hedwig Pier (l.) die vier Söhne und ihre Schwiegertochter Alexandra Pier.
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Nach fast 60 Jahren verschloss Hedwig Pier ihre Ladentür im Untergeschoss des Eckhauses an der Carl-Schurz-Straße am Dienstag, 31. März, nach einem letzten Verkaufstag. Bis zum Schluss hatte sie hier noch Lottoscheine angenommen, Zeitungen und Tabakwaren über die Theke gereicht und preisreduzierte Waren aus den Kernbereichen ihres Geschäftes verkauft: Schreibwaren, Spielwaren, Bücher und Modellbau-Artikel.
Viele Kunden suchten die Geschäftsräume mit ihrem nostalgischen Charme noch einmal auf. Schwiegertochter Alexandra Pier und die Söhne Gregor, Marcus, Stephan und Thomas unterstützten Hedwig Pier bei den letzten Geschäften.
Ein Ehepaar stattete sich mit Bastelmaterialien für die Landschaft der Modelleisenbahn aus, die in einem Kellerraum entstehen soll, dessen Mobiliar in der Flut unwiederbringlich verloren gegangen war. Eine Frau beugte sich begeistert über eine Wanderkarte für ein Eifelgebiet: „Auf den Mobilfunk kann man sich dort ja nicht verlassen.“ Eine junge Mutter suchte in einer Kiste nach einem neuen Karnevalskostüm und nach Spielzeug für ihre Tochter.
Erftstadt: Für die Stammkunden geht ein Stück Heimat verloren
Der einstige Lastwagenfahrer Klaus Friedemann erinnerte sich an tonnenschwere Ladungen Schulbücher, die er früher regelmäßig zum Schuljahresbeginn ins Geschäft geliefert hatte, und er fragte sich, wo er denn zukünftig seine Zigarren kaufen und Fotokopien erstellen soll.
Die langjährige Kundin Hannelore Zilken hatte ihre Enkelin mitgebracht und deckte sie mit neuen Materialien für das dritte Grundschuljahr ein. Hedwig Pier weiß genau, welche Hefte in genau jener Schule verlangt werden. „Da gibt es gewisse Unterschiede, die muss man kennen“, sagte sie. Säuberlich sortiert nach unterschiedlichen Lineaturen für die erste, zweite und dritte Klasse lagerten die Hefte im Regal, in den Fächern daneben Heftumschläge in allen Farben oder Schutzumschläge für Bücher.
Die Schließung sei ein Riesenverlust, mit dem Geschäft gehe ein Stück Heimat verloren, waren sich ihre Stammkunden einig. „Es tut mir in der Seele weh, aber gesundheitlich geht es nicht mehr“, entschuldigte sich die 75-jährige Hedwig Pier. Nach dem Tod ihres Ehemannes Heinz Pier am 25. Juni vergangenen Jahres habe sie den Laden eigentlich erst Ende 2026 schließen wollen.

Am 31. März war im Geschäft der letzte Verkaufstag.
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Heinz Pier habe das Geschäft 1968 vom damaligen Betreiber Eugen Jastrzembski übernommen, erinnert sich Hedwig Pier. Seit 1948 war es als Schreibwarengeschäft im damaligen Geschäftsmittelpunkt in Liblar gelegen. 1912 hatte das Unternehmen als Buchdruckerei in Liblar begonnen. Auf der Suche nach einem Geschäftsnachfolger habe die Inhaberfamilie den befreundeten Lieferanten Heinrich Pier Senior angesprochen.
Der Sohn Heinz Pier habe das Geschäft nach Übernahme sogleich um die erste Buchhandlung im Ort erweitert. Auch als Verleger war Heinz Pier tätig. 1984 gab er das Buch „Carl Schurz – Ganz kurz“ heraus, Lebenserinnerungen des berühmten Mannes, bearbeitet von der Liblarer Heimatkundlerin Sabine Boebé, die im vergangenen Jahr ihren 100. Geburtstag feierte.
Eine weitere Filiale wurde im Jahr 1973 in Lechenich eröffnet, als Heinz und Hedwig Pier heirateten. Bis Ende 2008 wurde die Filiale von der Ehefrau und gelernten Buchhändlerin aus dem Münsterland geleitet. In all den Jahren habe die Kundenberatung unter dem Motto „Komm zu Pier, hier hilft man dir“ im Vordergrund gestanden.
Schulartikel und Lehrbücher seien bis in die USA, nach Kanada, Teneriffa, Irland und Kenia geliefert worden. „Hier gibt es alles“, sagten Kunden noch in den letzten Tagen. Und wenn doch einmal etwas fehlen sollte, dann konnte man sich sicher sein: Hedwig Pier werde es besorgen.
Was aus den großen Geschäftsräumen werden soll, wisse sie noch nicht, sagte Hedwig Pier. Einen Nachfolger gebe es jedenfalls nicht.

