Die Transaktion gilt als eine der bislang größten in der europäischen Medizinal-Cannabis-Branche – neue Regeln könnten das Wachstum bremsen.
Vom Start-up zum PharmaunternehmenDeutsche Bank gibt Kölner Hanfhändler 25-Millionen-Kredit

Mit Broschüren und Informationskarten will Enua (hier Mitgesellschafter Albert Schwarzmeier) seine Kunden über Medizinal-Cannabis informieren. 1050 Apotheken haben die Produkte in ihr Sortiment aufgenommen.
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„Pharmaindustrie“, lautet Albert Schwarzmeiers Antwort auf die Frage, in welche Branche er sein Unternehmen einordnet. Mit den großen, bekannten Playern hat Enua allerdings nicht viel zu tun. 2018 als Start-up gegründet, kommen die Kölner lange nicht an die Dimensionen von Pfizer oder Bayer heran. Ein anderer Unterschied sei aber noch entscheidender, sagt Mitgesellschafter Schwarzmeier: „Unsere Produkte sind reine Naturprodukte in pharmazeutischer Qualität“ – denn Enua ist Hersteller von Medizinal-Cannabis.
Die Blüten verkauft das Unternehmen an mehr als 1000 Apotheken, lokal verteilt in der Bundesrepublik und über den Online-Handel. Produziert wird in Kanada. Gemanagt wird das Geschäft von 51 Mitarbeitenden im Ehrenfelder Hightech-Büro-Haus „The Ship“. Geleitet wird Enua vom selbst ernannten „Triumvirat“: Neben Schwarzmeier sind das die beiden Gründer Lars Möhring und Markus Musiol.
Seitdem Medizinal-Cannabis im April 2024 aus dem Betäubungsmittelgesetz gestrichen wurde und als verschreibungspflichtiges Arzneimittel gilt, sind die drei Männer und ihr Unternehmen eigenen Angaben zufolge auf Wachstumskurs. Der Umsatz von 20 Millionen Euro im Jahr 2024 habe sich mehr als verdoppelt, auf 50 Millionen Euro. Zudem sei Enua profitabel. Schwarzmeier spricht von einer operativen Gewinn-Marge (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) im zweistelligen Bereich.
Deutsche Bank räumt Enua Kreditlinie von 25 Millionen Euro ein
Das dürfte auch die Deutsche Bank überzeugt haben. Das größte nationale Kreditinstitut hat dem Kölner Hanfhändler kürzlich eine Kreditlinie von 25 Millionen Euro eingeräumt. Für Pharmaunternehmen ist das an sich nichts Besonderes – für Anbieter von Medizinal-Cannabis schon: Schwarzmeier zufolge ist es die bislang größte Fremdkapital-Transaktion der europäischen Cannabis-Branche. Üblicherweise stammt das Kapital von risikofreudigen Business Angels, also Privatinvestoren.
„Banken handeln konservativ. Die denken nicht nur über Wachstumspotenziale nach, sondern vor allem darüber, wie sicher das Geld ist, das sie einem Unternehmen anvertrauen.“ Hinzu kommt das Stigma, mit dem die Händler der einst verbotenen Hanfblüten trotz geänderter Gesetzeslage noch immer zu kämpfen haben. „Einzelne Menschen schauen noch sehr kritisch auf Medizinal-Cannabis.“ Das Thema polarisiert.

Die Enua-Geschäftsleitung: Lars Möhring (links) und Markus Musiol (rechts) haben Enua 2018 gegründet. Albert Schwarzmeier (Mitte) kaufte sich vor vier Jahren in die Firma ein.
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Außerdem ist die Bewertung von Unternehmen in etablierten Branchen für Banken deutlich einfacher, als die von Firmen im vergleichsweise jungen Cannabis-Geschäft.
Doch seit der Teillegalisierung nehme Schwarzmeier eine Veränderung wahr. „Es gibt viele Menschen in allen Altersgruppen, Patienten und Angehörige, die positive Erfahrungen gemacht haben.“ Bei der Kreditvergabe könnte es sich ähnlich verhalten. „Wir werden nicht die Einzigen mit einer Bankenfinanzierung in hohem Umfang bleiben“, sagt Schwarzmeier.
Der europäische Markt für Cannabis wächst
Denn der europäische Markt wächst, wie das „Handelsblatt“ auf Grundlage von Statista-Daten zeigt. Demnach wird der Umsatz in diesem Jahr voraussichtlich rund 6,65 Milliarden Euro erreichen. Rund 1,8 Milliarden davon entfallen auf medizinisches Cannabis. Zudem gibt es Freizeitcannabis und CBD-Produkte auf Basis des Cannabis-Inhaltsstoffs Cannabidiol. Bis 2030 soll der Umsatz in Europa laut Statista jährlich um knapp drei Prozent wachsen und dann rund 7,5 Milliarden Euro erreichen.
Mit einem Umsatzvolumen von etwa einer Milliarde Euro hat Deutschland daran einen erheblichen Anteil. Die Bundesrepublik gilt als größter Markt Europas, es folgen Großbritannien und Polen. Durch Gesetzanpassungen und Reformen dringen weitere Länder in den Markt hinein, von der Schweiz über die Niederlande bis zu Tschechien und Frankreich.
Internationalisierung steht daher auf der Agenda von Enua. Im März startete das Geschäft auf dem britischen Markt. Auch nach Polen wollen die Kölner expandieren. Neben den Blüten – sie werden geraucht oder mit einem Vaporisator inhaliert – wollen sie ihre Produktlinie um oral einnehmbare Cannabisextrakte erweitern.
Medizinal-Cannabis-Importe stiegen 2025 an – Kanada ist Hauptlieferant
Uneingeschränkt kann die Euphorie nicht bleiben. Die Ampelkoalition hatte es Patienten leicht gemacht, Cannabis, etwa zur Schmerztherapie, auf Rezept zu bekommen. Davon profitieren Firmen wie Enua. Die aktuelle schwarz-rote Regierungskoalition plädiert allerdings für strengere Regeln. Grund sei die Beobachtung, dass die steigenden Importe – 2025 waren es dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zufolge 201 Tonnen, 2024 lediglich 73 Tonnen – vorwiegend auf Selbstzahler mit Privatrezepten zurückgehen. Zudem gebe es immer mehr telemedizinische Plattformen, über die Medizinal-Cannabis ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt bezogen werden könne.
Ginge es nach CDU-Gesundheitsministerin Nina Warken, soll die Verschreibung über reine Videosprechstunden daher eingeschränkt werden, genauso wie der Versandhandel mit den Produkten. Daran übte allerdings die SPD Kritik – noch läuft das Gesetzgebungsverfahren.

Eine Frau hält eine Dose mit fünf Gramm Cannabis.
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Je nach Ausgang könnte sich das am Medizinal-Cannabis-Absatz bemerkbar machen. Schwarzmeier rechnet im unwahrscheinlichen, aber schlimmsten Fall mit einem temporären Rückgang von 25 Prozent, zeigt sich aber trotzdem entspannt: „Wir befinden uns in einem massiven Wachstumsmarkt. Viele Patienten sind in den vergangenen zwei Jahren vom Schwarzmarkt in den legalen Medizinal-Cannabis-Markt gewechselt. Das ist ein Trend, der ist nicht umkehrbar. Die Patienten sind schließlich schon da. Und die Produkte sind nicht nur legal, sondern in der Apotheke auch sicher und sogar günstiger.“
Bundesregierung will Markt wieder stärker regulieren
Wenig überraschend spricht sich der 43-Jährige dennoch für den Erhalt der telemedizinischen Verschreibungen aus: „Weil es viele Menschen gibt, die nicht in Köln, Berlin oder München, sondern auf dem Land leben und damit einen deutlich schwierigeren Zugang zu Ärzten oder Therapeuten haben.“ Die Mittel kommen etwa bei chronischen Schmerzen und neurologischen Krankheiten wie Multipler Sklerose zum Einsatz, werden aber auch bei „Volksleiden“ wie Schlafstörungen verschrieben.
Bis zu einem gewissen Punkt könne Schwarzmeier die Regulierungspläne nachvollziehen. Sicherlich gebe es schwarze Schafe, Anbieter außerhalb von Deutschland zum Beispiel, die nicht immer im Sinne des Patientenschutzes handeln würden.
Für Enua stecken aber auch Chancen in der zunehmenden Regulatorik. „Da ergeben sich spannende Matching-Möglichkeiten.“ Übersetzt bedeutet das: Im voraussichtlichen Konsolidierungsgeschehen will das Kölner Unternehmen Oberwasser behalten. Kleine Firmen und unerfahrene Start-ups hätten es hingegen schwer, sagt Schwarzmeier.
Interessant scheint da ein Blick auf die Kölner Cannabis-Wettbewerber. Neben Enua, die eigenen Angaben nach einen Marktanteil von zehn Prozent ausmachen, hat auch Konkurrent Cannamedical seinen Sitz im Bezirk Ehrenfeld – er führt seine Geschäfte in Ossendorf. Auch ein dritter großer deutscher Apotheken-Lieferant, das Paderborner Unternehmen Four 20 Pharma, kommt aus NRW. Wie sie und Enua sich im Konsolidierungsgeschehen behaupten, wird sich zeigen.

