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100 Tage BürgermeisterGuido Vierkötter aus Neunkirchen-Seelscheid: „Nichtkümmern ist keine Option“

4 min
Guido Vierkötter ist der neue Bürgermeister von Neunkirchen-Seelscheid.

Guido Vierkötter ist der neue Bürgermeister von Neunkirchen-Seelscheid.

Der CDU-Politiker hat in Neunkirchen-Seelscheid das Amt von der SPD-Amtsinhaberin Nicole Berka übernommen.

Christdemokrat Bürgermeister Guido Vierkötter führt als Nachfolger von Nicole Berka die Verwaltung in Neunkirchen-Seelscheid. Er sprach über seine ersten 100 Tage im Amt.

Ohne das Ehrenamt gäbe es weder Karneval noch Sport

Was hat Sie in Ihren ersten 100 Tagen als Bürgermeister von Neunkirchen-Seelscheid am meisten überrascht?

Es gab viele sehr schöne Momente, zum Beispiel mit dem Partnerschaftsverein. Überraschend war vielleicht, wie viele vorbereitende Sitzungen im Ehrenamt dahinter stecken, um etwa einen Karnevalszug durchzuführen. 

Wir haben den Haushalt 2026 vor der Brust. Wir müssen an an die Sanierung der Infrastruktur herangehen, der Sportstätten insbesondere. Dazu gehören auch die Gesamtschule und das große Projekt des Schulcampus mit den Außenanlagen sowie die Turnhalle. Wir entwickeln das Nahwärmekonzept. Sehr schnell haben wir uns mit den Bedarfen der Feuerwehr beschäftigt und Arbeitskreise, unter anderem für Digitalisierung und Friedhof, wiederbelebt. 

Was ist für den Bürgermeister besonders wichtig?

Das Ehrenamt hebe ich immer wieder hervor. Ohne dieses hätten wir viele Ereignisse nicht, wie etwa den Karneval oder im Sport. Viele helfende Hände schaffen in diesem Zusammenhang immer wieder besondere Atmosphären. Die Feuerwehr wollen wir aufwerten. Wenn irgendwas passiert, sind sie da, egal ob Unfälle, Ölspuren oder Brände. Beide Löschzüge leisten hervorragende Arbeit. Auch bei den Friedhöfen  treiben wir die Fortentwicklung voran.

Wie würden Sie Ihren Stil als Bürgermeister bezeichnen?

Ich setze auf direkte Kommunikation und arbeite lieber im Team als im Alleingang. Die Postmappe bringe ich selbst durchs Haus, so lerne ich die Mitarbeitenden kennen und merke, wenn irgendwo der Schuh drückt. Beim Neujahrsempfang haben die Amtsleiter ihre Ämter selbst vorgestellt, nicht ich. Das sagt mehr über mein Verständnis von Führung als jedes Schlagwort.

Was konnten Sie in den ersten 100 Tagen bereits erreichen?

Wir haben die wöchentliche Bürgersprechstunde eingerichtet, das wird sehr gut angenommen. Mit den Verkehrs- und Verschönerungsvereinen haben wir ebenso Kontakt aufgenommen wie zum Beispiel zum Runden Tisch Klima. Ich habe Unternehmen besucht und eine neue Pressesprecherin sowie die stellvertretende Ordnungsamtsleiterin berufen. Das sind beides junge Frauen und starke Persönlichkeiten. An der Grundschule Wolperath-Schönau habe ich die Ideenfabrik besucht und mit den Schülerinnen und Schülern die 17 Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung erörtert. Das war eine sehr positive Überraschung, wie aufmerksam die Schülerinnen und Schüler dabei waren.

Guido Vierkötter: „Im Bereich Digitalisierung können wir noch viel mehr machen“

Was hat Zeit und Energie gekostet?

Wir haben unter anderem Vorgaben im Vergaberecht an neue gesetzliche Vorgaben angepasst. Mit den neuen Vorgaben zum sogenannten „Bauturbo“ haben wir uns ebenfalls beschäftigt. Viel Arbeit wird die Aufstellung des Haushalts in Anspruch nehmen. Das beschäftigt uns täglich, da ist jede und jeder beteiligt. Und ich bin der stressigsten Zeit hereingekommen. Advent, konstituierende Ratssitzung, Neujahrsempfang, Karneval. Das hat schon Energie gekostet. Überall will ich volle Energie investieren, um sprachfähig und präsent in allen Themen zu sein.

Was funktioniert in der Verwaltung besser als erwartet - wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Sehr gut läuft das Zusammenspiel der Akteure. Vorantreiben müssen wir die Digitalisierung. So gibt es zum Beispiel ein digitales Fundbüro, dafür stellen wir einen Online-Bereich zur Verfügung. Im Bereich Digitalisierung können wir noch viel mehr machen, eine IT-Fachgruppe bildet sich stetig weiter und hat hervorragende Ideen für die Zukunft.

Vorgängerin Nicole Berka (SPD) und Herausforderer Guido Vierkötter tauschten sich am Abend der Kommunalwahl aus, 14 Tage später gewann der CDU-Mann die Stichwahl.

Vorgängerin Nicole Berka (SPD) und Herausforderer Guido Vierkötter tauschten sich am Abend der Kommunalwahl aus, 14 Tage später gewann der CDU-Mann die Stichwahl.

Wo mussten Sie Kompromisse eingehen?

Ich hätte gerne das ein oder andere schneller umgesetzt, aber das ging nicht innerhalb von 100 Tagen. An den Verwaltungsabläufen möchte ich daher weiterhin feilen.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im neuen Stadtrat und mit den Fraktionen?

Das läuft konstruktiv und ergebnisorientiert.

Wo mussten Sie angesichts enger Haushaltsgrenzen schon „Nein“ sagen?

Bei den Personalwünschen musste ich in einigen Bereichen entsprechende Gespräche führen. Auch bei defekten Leuchten im Gemeindegebiet können wir es leider nur langsam angehen. Aber nicht kümmern, das ist keine Option.

Welches Feedback bekommen Sie bisher von Bürgerinnen und Bürgern?

Im unmittelbaren Kontakt ist das positiv. Da kommt auch schon mal Kritik und Feedback. Das sind aber auch gute Vorlagen für Selbstreflexion. Aber es ist immer wertschätzend.

Gab es besondere Erlebnisse, bei denen Sie gemerkt haben, dass Sie im Amt angekommen sind?

Ich muss mich daran gewöhnen, besonders betrachtet zu werden. Die Kinder sind zum Beispiel ganz andächtig in der Mensa, weil der Bürgermeister mitisst. Mit dem Titel angesprochen zu werden, das ist gewöhnungsbedürftig.

Was sind die drängendsten To-dos, was steht bis zum Jahresende an?

Das Thema Haushalt steht oben auf. Die Sportstättensanierung geht los, wenn unsere Projektantrag bewilligt werden sollte. Die Digitalisierung, will ich, wie gesagt, vorantreiben. Das sind nur Beispiele, wir müssen bei vielen Themen anpacken und diese priorisieren.

Was kommt im Bürgermeister-Alltag zu kurz - und was gibt Energie?

Die Familie kommt auf jeden Fall zu kurz. Wenn es geht, nehme ich meine Frau und meinen Sohn zu Terminen mit. Freunde zu treffen ist zeitlich schwieriger geworden. Energie geben mir der Umgang mit den Mitarbeitenden, den Bürgerinnen und Bürgern, die Gespräche bei Hochzeitsgratulationen und bei Geburtstagen. Ein tolles Erlebnis war das Partnerschaftswochenende im Dezember - Vertreter von vier europäischen Ländern in Neunkirchen-Seelscheid - das gibt Kraft.