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AlpinkaderAnne Nicolin kam von der Troisdorfer Kletterhalle ins Auswahlteam des deutschen Alpenvereins

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Anne Nicolin aus Lindlar, Alpinkader NRW des Deutschen Alpenvereins, kommt aus Lindlar

Anne Nicolin ist Mitglied der Alpenvereinssektion Rhein-Sieg. Seit einem Jahr gehört die Lindlarerin dem Alpinkader NRW des Deutschen Alpenvereins an.

An der Kletterwand eines Affen- und Vogelparks begann die Bergsport-Laufbahn von Anne Nicolin.

„Ich wollte schon immer klettern“, erzählt Anna Nicolin. Zunächst aber begann sie als Fünfjährige mit Ballett. In einem Affen- und Vogelpark begann die Laufbahn, die sie bis heute verfolgt: Bei einem Besuch der Familie in Eckenhagen entdeckte sie mit acht Jahren die dortige Übungswand. Seit einem Jahr gehört die heute 26-Jährige aus der Alpenvereinssektion Rhein-Sieg zum Alpinkader NRW des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Zum Glück hatte das Jugendzentrum im heimischen Lindlar eine Außenwand, an der Anne Nicolin sich austoben konnte. „Ich war super motiviert“, erinnert sie sich. Ein Mitarbeiter des Jugendzentrums führte sie heran; allein oder mit anderen kletterte sie dort, bei gutem wie bei schlechtem Wetter. Als sie zwölf war, fuhr die Mutter ihre Tochter erstmals nach Spich in die dortige – heute geschlossene –„Arena Vertikal“.

Bis zu zweimal in der Woche fuhr die Mutter sie zum Training nach Troisdorf

Einmal, später sogar zweimal pro Woche nahm die Mutter ab dieser Zeit die einstündige Fahrt nach Troisdorf auf sich; „so bin ich zu meiner Sektion gekommen“, sagt Anne Nicolin heute: In Spich trainierten nämlich damals auch die Jugend- und die Leistungsgruppe der Sektion Rhein-Sieg des Deutschen Alpenvereins. Die Nachwuchssportlerin aus dem Oberbergischen wurde „dort richtig gut aufgenommen“, über die Gruppe kam sie zum Outdoorklettern.

Ein junge Bergsteigerung an einem überhängenden Stück Felswand

Anne Nicolin ist Mitglied des Alpinkaders NRW des Deutschen Alpenvereins. Sie gehört der Sektion Rhein-Sieg an, wohnt in Lindlar.

Und damit in eine andere Welt. „In der Halle versucht man, die schwierigsten Routen zu schaffen.“ Außer der gerade kletternden Person stehen derweil alle anderen am Boden. Und während unter einem Dach stets gleiche Bedingungen herrschen, sind im Freien Faktoren wie Wetter oder die Beschaffenheit des Felsens zu beachten. Der Naturschutz ist zu beachten; außerdem stelle das Klettern im Freien deutlich mehr Ansprüche an den Umgang mit dem Seil, sagt Anne Nicolin.

Erst recht, wenn mehrere Seillängen zu bewältigen sind, wenn die Wände 200 Meter oder mehr hoch sind. „Da ist das Ganze viele abenteuerlicher“, sagt Anne Nicolin; außer den Schwierigkeiten der Route warten weitere Aufgaben auf die Kletternden. „Neben der Tourenplanung, dem Packen des richtigen Materials und dem meist extrem frühen Aufstehen  muss der Zustieg bewältigt und die Route gefunden werden, bevor es überhaupt mit dem Klettern losgeht. Besonders wichtig ist es dann auch nach der Kletterei den Abstieg hinter sich zu bringen.“

Wer auf alpinen Routen unterwegs ist, müsse „immer ein gutes Stück unter seinem Maximum bleiben“ und stets noch Reserven haben. Gute Kommunikation mit den Seilpartnern sei wichtig, sagt Nicolin, die an der Sporthochschule Köln einen Bachelorabschluss in Sportwissenschaften machte. Man müsse zugeben können, wenn es einem nicht gut gehe oder wenn die Route vielleicht zu schwer sei. Wichtig sei zudem, zu wissen, dass es in Ordnung sei, eine Tour abzubrechen.

Es ist ganz normal, dass man Respekt hat
Anne Nicolin

„Es ist ganz normal, dass man Respekt hat“, räumt sie mit dem Klischee der furchtlosen Heldinnen und Helden auf. Auf keinen Fall würde sie sagen, dass sie niemals Angst habe. Auch ihre Eltern kennen sie als  verantwortungsbewussten Menschen. Und so könnten sie gut mit der Leidenschaft der Tochter umgehen.

Was ist es, was die 26-Jährige in die Berge zieht, in steile, bisweilen auch überhängende Wände? In gewaltige Granitfluchten, durch die scheinbar kein Weg hinaufführt?  Was sie motiviert, so sagt sie nach längerem Nachdenken, sei das Erlebnis, „Orte zu durchklettern,an die man sonst niemals gekommen wäre“. Allein in der Natur zu sein „und gemeinsam mit einem Team etwas zu erreichen“. Und „die Kompliziertheit des Lebens ein bisschen hinter sich zu lassen“.

Anne Nicolin ist Mitglied des Alpinkaders NRW des Deutschen Alpenvereins. Sie gehört der Sektion Rhein-Sieg an, wohnt in Lindlar

Anne Nicolin ist Mitglied des Alpinkaders NRW des Deutschen Alpenvereins. Sie gehört der Sektion Rhein-Sieg an, wohnt in Lindlar

All das kann Anne Nicolin wohl ein bisschen besser als andere: Seit 2025 gehört sie zum Alpinkader NRW des Deutschen Alpenvereins. Bei der Sichtung in der Eifel wurde sie als einzige Frau ausgewählt, fünf Männer nehmen noch an dem dreijährigen Ausbildungsprogramm teil. Erfahrene Bergführerinnen und Bergführer geben ihr Wissen in Theorie und Praxis weiter; Kletterfahrten führten die Gruppe schon ins Val Massimo, an den Comer See und erst unlängst zum Eisklettern ins Aostatal.

Anne Nicolin pendelt zwischen Lindlar, der Eifel und den Alpen

Möglichst breit gefächert soll das Können der Teilnehmenden am Ende der Ausbildung sein, nach drei Jahren geht das Team auf eine Expedition. „Dabei ist man generell auf der Suche nach etwas Neuem“, beschreibt Anne Nicolin diese Schlussaufgabe. Das bedeute oft, dass eine neue Route auf einen bereits bestiegenen Gipfel zum ersten Mal begangen wird. Die Suche nach dem Ziel liegt ebenso in den Händen des Kaders wie die Planung und Organisation.

All das nimmt einen immensen Teil im Leben Anne Nicolins ein. Immer wieder ist sie in den Alpen oder in der Eifel. Gerade war sie in der Schweiz und in Italien. In der Kletterhalle Lindlar betreut Anne die Leistungsgruppe und schraubt immer wieder neue Routen in die dortige Wand, damit es den Gästen nicht langweilig wird.

Sie betont aber auch, wie wichtig es sei, für Körper und Kopf einen Ausgleich zu finden. Zuhause, wo sie mit den Eltern einen kleinen Bauernhof bewohnt, pflanzt sie gern Bäume oder näht. „Etwas sehr sinngebendes“ sei das, aber deutlich entspannter als die Tour in den Bergen. „Wenn ich mal eine Naht falsch mache, passiert gar nichts.“ Anders als beim Klettern, wo ein Fehler dramatische Folgen haben kann.