Der Goldmedaillen-Gewinner von Abu Dhabi über seine Faszination und mentale Herausforderung des Sports sowie seine Verbundenheit zu Köln.
Kölner Kickbox-Weltmeister Yero Ndiaye„Am Ende geht man allein in den Ring“

Yero Ndiaye bei der WM in Abu Dhabi vergangenes Jahr.
Copyright: Lorraine Hoffmann
Herr Ndiaye, Sie sagen, Sie seien schon immer ein Sportmensch gewesen. Wie hat alles angefangen?
Yero Ndiaye Ich war wirklich schon immer ein Sportfan. Mit fünf habe ich Jiu-Jitsu begonnen, ab meinem siebten Lebensjahr lange Fußball gespielt. Als ich mit 15 für ein Austauschjahr in die USA gegangen bin, habe ich dort American Football gespielt. Nach meiner Rückkehr merkte ich aber schnell: Fußball war nicht mehr mein Ding. Ein Freund nahm mich dann mit zum Kickboxtraining, und schon beim ersten Mal habe ich mich verliebt. Angefangen habe ich beim Sportverein Köln-Nippes. Mein Vater hat immer die alten Kämpfe von Muhammad Ali oder den Klitschkos geschaut. Davor habe ich mich aber selbst gar nicht im Kampfsport gesehen – bis ich einmal selbst auf der Matte stand und meinen ersten Kampf hatte.
Was ist Ihnen von diesem ersten Kampf in Erinnerung geblieben?
Mein damaliger Trainer hat mir sehr früh meinen ersten Kampf angeboten. Ich wusste überhaupt nicht, wie gut oder schlecht ich bin – und habe sehr deutlich verloren. Ich weiß heute kaum noch etwas von dem Tag. Aber danach hatte ich Blut geleckt. Ich wollte gewinnen, Landesmeister werden, irgendwann um die deutsche Meisterschaft kämpfen. Die habe ich das erste Mal 2018 gewonnen. Danach wurde ich in die Nationalmannschaft berufen – ein Traum.
Sie studierten und promovieren an der Universität zu Köln. Davor haben Sie in London Statistik studiert und dafür den Preis der Royal Statistical Society bekommen. Wie bringen Sie Spitzenleistung im Sport und in der Wissenschaft zusammen?
Studium, oder Promotion und Leistungssport gleichzeitig gehen nur mit Struktur. Morgens war ich im Gym, danach in der Bibliothek. Abends Kickboxen. Und danach habe ich mich zu Hause nochmal an den Schreibtisch gesetzt. Mit der Zeit habe ich gelernt zu priorisieren: Prüfungsphase hieß weniger Sport, Wettkampfvorbereitung hieß weniger Uni.
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Was nehmen Sie aus der Wissenschaft in den Ring mit – und umgekehrt?
Aus der Ökonomie kann man viel in den Ring mitnehmen. Man muss analytisch denken, und vorausplanen: Was könnte mein Gegner machen? Wie reagiere ich? Und andersherum hilft der Ring beim Studium und bei der Promotion. Man braucht Disziplin, und Fokus – und man lernt, dass man sich nur in die bestmögliche Position bringen kann – und trotzdem nicht alles kontrolliert.
Wie hat sich Ihr Training über die Jahre verändert?
Ich habe mit drei Einheiten pro Woche angefangen, dann kamen Lauf- und Krafttraining dazu: sechs, sieben Einheiten. Später wurden es zehn. Heute trainiere ich etwa sechsmal, in der Vorbereitung für Welt- oder Europameisterschaften zwölfmal die Woche. Krafttraining fällt mir am schwersten – vermutlich, weil es mir weniger Spaß macht als Kickboxen selbst. (lacht)
Sie sagen, Kickboxen ist Kopfsache. Was passiert mental im Kampf und wie trainiert man das?
Ich mag die psychische Seite des Kickboxens. Alles in einem sagt ja eigentlich, dass man nicht gegen eine andere Person kämpfen soll. Ich mag es, mich genau dieser Situation zu stellen – und gleichzeitig zu überlegen: Wie werde ich nicht getroffen? Wie treffe ich? Wo kann ich kreativ werden? Es ist strategisches Denken unter Stress. Im Ring ist man völlig im Moment. Da habe ich verstanden, was Tunnelblick bedeutet: Man bekommt kaum etwas mit. Es zählt nur der Kampf. Nur der Gegner. Nur der Moment. Vieles ist Instinkt. Oft habe ich Dinge gemacht, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie kann. Das ist dieser Flowstate. Und natürlich spielt auch sportbezogene Intelligenz eine große Rolle. Alle guten Kickboxer, die ich kenne, verstehen den Sport, können Muster erkennen und mit Druck umgehen. Ich glaube, 90 Prozent im Kampfsport sind daher mental.

Yero Ndiaye bei der EM in Athen
Copyright: Yero Ndiaye
Und wie gehen Sie mit Schmerzen während und nach einem Kampf um?
Im Kampf hält man die Schmerzen gut aus, Adrenalin macht viel wett. Eine Stunde später kommt dann dafür alles auf einmal. Bei den Weltmeisterschaften haben wir eine hervorragende Physio dabei, und mein Trainer Peter Zaar achtet darauf, dass wir genug Stabilitätsübungen machen und muskuläre Dysbalancen ausgleichen. Dann ist das aushaltbar.
In den letzten zwei Jahren haben Sie jeweils die Europa- und die Weltmeisterschaft gewonnen. Davor sind Sie zweimal in der ersten Runde ausgeschieden. Wie haben Sie das verarbeitet?
Ich bin jeweils knapp gegen den späteren Sieger rausgeflogen. Drei Monate Vorbereitung, ein Turnier von Montag bis Samstag, und für mich war es am Montag vorbei. Das nimmt man mit. Und natürlich fragt man sich dann, ob man überhaupt gut genug ist. Ich habe viele Events wie Geburtstage verpasst – und dachte damals: Für was eigentlich?
War es sehr schwer, dann nicht in Panik zu verfallen?
Schon. Es ist wichtig, darauf zu vertrauen, dass man aus einer schlechten Situation rauskommt. Einen Rückstand in der dritten Runde zu drehen – solche Momente formen einen. Heute versuche ich mir bewusst zu machen, dass es eine Ehre ist, auf diesem Niveau kämpfen zu dürfen.
Bei der WM 2025 in Abu Dhabi haben sie Goldmedaille gewonnen. Wie erlebt man ein solches Turnier?
So etwas lässt sich kaum vergleichen. Ich durfte im Fahnenträgertrio einlaufen – eine große Ehre. Der Tagesablauf ist immer gleich: morgens wiegen, dann Kämpfe, abends abschwitzen. Ich musste jeden Tag zwei Kilo Wasser verlieren, da man über den Tag durch Essen und Trinken wieder zunimmt – die Kilos müssen abends leider wieder runter. Man zieht den Schwitzanzug an, macht Schattenboxen, oder Pratzentraining mit seinen Trainern.
Auch in diesem Jahr ist der „Kölner Stadt-Anzeiger“ exklusiver Medienpartner der Kölschen SportNacht. Auf der Gala am 21. März in der Kölner Flora werden Kölns Sportler, Sportlerin und Team des Jahres ausgezeichnet. Geehrt wird zudem „Kölns Nachwuchsportler*in 2025“.
Voraussetzung für eine Nominierung ist, dass der Athlet oder die Athletin zwischen 16 und 21 Jahre alt ist (Stichtag 31. Dezember 2025), in Köln lebt, trainiert oder für einen Kölner Verein startet. Kandidaten-Vorschläge können bis zum 22. Februar 2026 eingereicht werden. Den Bewerbungsbogen gibt es unter: www.sportlerwahl.koeln Ein Gremium aus Vertreterinnen und Vertretern des Kölner Sports wählt „Kölns Nachwuchsportler*in 2025“.
Der Gewinner erhält die Hälfte aus allen Einnahmen einer Verlosung auf der Gala am 21. März in der Kölner Flora, um seine sportliche Karriere voranzutreiben. (ckr)
Was fasziniert sie am Kickboxen so sehr - jenseits von Medaillen und Titeln?
Sport an sich hat eine große integrative Wirkung. Im Kampfsport braucht man ein starkes Team im Rücken, aber am Ende geht man allein in den Ring. Man lernt, Verantwortung für sich zu übernehmen. Wenn man verliert, kann man keinen Mitspieler verantwortlich machen. Zudem gibt der Kampfsport Sicherheit, gefährliche Situationen besser einzuschätzen – gerade Frauen kann das helfen. Ich selbst bin ein deeskalierender Typ. Das sind viele Kampfsportler. Es ist auch ein gutes Ventil, um Emotionen rauszulassen. Er gibt Struktur, Halt, Disziplin – und ein Team, das wie eine zweite Familie ist. Viele lernen, ihre Aggression zu kontrollieren. Und man lernt, dass man nicht der Stärkste der Welt ist.
Was ist Ihr nächstes Ziel?
Ich will unbedingt bei den European Games dabei sein – das ist die größte Bühne neben der WM. Und ich will dem Sport erhalten bleiben. Trainer zu sein könnte ich mir irgendwann mal vorstellen – aber im Moment bin ich noch zu sehr Kämpfer.
Sie sind in Köln geboren. Was bedeutet die Stadt für Sie und Ihren Sport?
Als Kölner ist man ja fast verpflichtet, stolz auf seine Heimat zu sein – aber bei mir ist das echt. Ich bin im Kölner Norden aufgewachsen und trainiere da bis heute beim Shorinkan e.V.. Früher hatten wir bei Wettbewerben immer die Deutschlandflagge und die Köln-Flagge dabei. Im Nationalteam sind wir stolz, ‚die Kölner‘ zu sein. Ich liebe an dieser Stadt, dass die Menschen locker, kommunikativ und direkt sind. Man ist bodenständig. Es lädt nicht dazu ein, abzuheben.
Was bedeutet Erfolg für Sie persönlich?
Mehr als ein erfolgreicher Sportler zu sein. Ich möchte ich ein zufriedener Mensch sein. Ich möchte nicht nur Kickboxer sein. Ich bin Sohn, Freund, Partner. Wenn der Sport irgendwann wegfällt, muss man wissen, wer man ist. Ich erinnere mich immer wieder daran: Ich kämpfe, weil ich es mag. Wenn ich es nicht mögen würde, wäre ich nicht hier. Und egal, wie erfolgreich ich am Wochenende war – montags gehe ich ins Büro und werde behandelt wie immer. Das ist mir wichtig.


