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Die Job-KolumneVergiss deine Vorsätze – bau dir ein System

4 min
Anfang Januar sind die Fitnessstudios voll, die Vorsätze frisch. Im Februar ändert sich das.

Anfang Januar sind die Fitnessstudios voll, die Vorsätze frisch. Im Februar ändert sich das.

Spätestens Ende Januar verpufft die Willenskraft bei vielen. Das ist kein Charakterfehler, sondern Biologie. Der Kölner Coach Sohrab Salimi erklärt, wie Systeme helfen können.

Mein Sohn will Fußballprofi werden. Neulich saßen wir nach dem Training im Auto, und er fragte: „Baba, wie schaffe ich das?" Ich überlegte kurz und sagte: „Du musst schon heute die Gewohnheiten der besten Profis entwickeln. Nicht irgendwann. Jetzt." Ich denke dabei an Cristiano Ronaldo. Mit 40 Jahren spielt er noch auf Top-Niveau - nicht weil er talentierter ist als alle anderen, sondern weil er seit Jahrzehnten dieselben Routinen pflegt: Bewegung, Regeneration, Ernährung, Schlaf. Alles systematisiert. Nichts dem Zufall überlassen. Seit Anfang des Jahres ziehen mein Sohn und ich unser 300-Programm durch: 100 Kniebeugen, 100 Liegestütze, 100 Situps. Jeden Morgen. Keine Diskussion, keine Ausnahmen.

Das passt in diese Zeit. Anfang Januar sind die Fitnessstudios voll, die Vorsätze frisch. In sechs Wochen wird sich das ändern. Die meisten werden aufgegeben haben - nicht weil sie es nicht wollten, sondern weil sie auf Willenskraft gesetzt haben. Willenskraft ist endlich. Sie funktioniert eine Woche, vielleicht zwei. Dann kommt der stressige Tag, die Erkältung, die Ausrede. Und der Vorsatz stirbt. Das ist kein Charakterfehler. Das ist Biologie.

Systeme schlagen Willenskraft

Unser Gehirn ist auf Effizienz programmiert. Der präfrontale Kortex - zuständig für bewusste Entscheidungen - verbraucht enorm viel Energie. Deshalb verlagert das Gehirn wiederkehrende Handlungen in die Basalganglien, wo sie automatisch ablaufen. Studien zeigen, dass es im Schnitt 66 Tage dauert, bis eine Handlung zur echten Gewohnheit wird. Aber wenn die neuronalen Bahnen einmal etabliert sind, läuft es fast von selbst. Was stattdessen funktioniert: Systeme.

Charles Duhigg beschreibt in „The Power of Habit" den Habit Loop: Auslöser, Routine, Belohnung. Unser Gehirn automatisiert Abläufe, die sich wiederholen. Wer diesen Mechanismus versteht, kann ihn nutzen. Unser 300-Programm hat einen festen Auslöser (aufstehen), eine klare Routine (die Übungen) und eine Belohnung (das Gefühl, den Tag bereits mit einem Sieg zu beginnen).

James Clear geht in „Atomic Habits" noch weiter: Es geht nicht darum, was du tun willst, sondern wer du sein willst. Mein Sohn soll nicht „trainieren wie Ronaldo". Er soll ein Profi sein - jetzt schon, in seinem Kopf. Die Übungen sind dann nur die logische Konsequenz seiner Identität. Ein Profi diskutiert nicht, ob er trainiert. Er trainiert.

Was bedeutet das für die Arbeitswelt?

Auch hier gilt: Systeme schlagen Willenskraft. Wer jeden Abend drei Prioritäten für den nächsten Tag notiert, braucht morgens keine Entscheidung mehr. Wer auf dem Arbeitsweg einen Fachpodcast hört, lernt nebenbei. Wer sich jeden Freitag zehn Minuten nimmt, um die Woche zu reflektieren, verbessert sich kontinuierlich.

Das klingt banal. Aber genau das ist der Punkt: Die besten Systeme sind einfach. So einfach, dass man keine Ausrede hat. Die Hürde muss so niedrig sein, dass das Gehirn keinen Widerstand leistet. Jeff Bezos bringt es auf den Punkt: „Good intentions don't work, mechanisms do." Gute Absichten reichen nicht, Mechanismen schon. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für Organisationen. Wer als Führungskraft auf Appelle setzt, wird enttäuscht. Wer Mechanismen etabliert, verändert Verhalten nachhaltig und erzielt so andere, häufig bessere, Ergebnisse.

Gestern Morgen, 6:00 Uhr. Mein Sohn steht neben mir im Sportkeller. Keine Beschwerde, kein Verhandeln. Er zählt die Kniebeugen mit. Es ist einfach das, was wir tun. Das ist der Unterschied zwischen Vorsatz und System. Vorsätze sind Hoffnung. Systeme sind Entscheidungen, die du nur einmal triffst. Die Frage ist nicht, ob du motiviert bist. Die Frage ist, ob du ein System hast.

Von nichts kommt nichts. 

Zur Person und Kolumne

Sohrab Salimi

Sohrab Salimi

Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ schreibt er in seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.