Lokführer und Bahn erzielen Tarifeinigung. Für Piloten, Metall, Handel, Chemie, Gastgewerbe und Elektro fehlt noch ein Abschluss.
ArbeitskämpfeTarifeinigung bei der Bahn – hier drohen dennoch Streiks in NRW

Die Streikkasse der IG Metall ist nach Rekordeinnahmen 2025 prall gefüllt. (Archivbild)
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Millionen Pendler in ganz Deutschland können aufatmen. Die Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL haben sich bei ihren Tarifverhandlungen auf eine Erhöhung der Löhne und Gehälter geeinigt. Das gelang erstmals seit 2018 ohne Streiks. Beobachter schreiben den Verhandlungserfolg dem neuen GDL-Verhandlungsführer Mario Reiß zu, der anders als sein Vorgänger Claus Weselsky in den laufenden Gesprächen auf eine öffentliche Drohkulisse und persönliche Angriffe auf das Bahn-Management verzichtet hat.
Kompromiss beim Tarifeinheitsgesetz
Grundlage für die Beilegung des Konflikts ohne Arbeitskämpfe war außerdem ein Kompromiss beim Tarifeinheitsgesetz. Das sieht vor, dass in Betrieben nur die Tarifverträge der Gewerkschaft angewendet werden, die dort die meisten Mitglieder hat. Das trifft für die GDL nur in weniger als 20 der 300 Betriebe der Bahn zu. Wo genau das der Fall war, führte in der Vergangenheit häufig zu Streit und gerichtlichen Auseinandersetzungen. Der neue Tarifvertrag sieht ein notariell geregeltes Zählverfahren vor. Außerdem verzichtet die Bahn darauf, das Tarifeinheitsgesetz durchzusetzen.

Bis mindestens April 2028 wird es keine Warnstreiks bei der Deutschen Bahn geben.
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Ab Januar 2027 kann die von der GDL ausgehandelte Entgelttabelle damit auch für GDL-Mitglieder in Minderheitsbetrieben angewendet werden. Ab 2028 gilt dies dann auch für Zulagen und Regelungen zum Arbeitszeitvolumen. Die Vereinbarung bezieht sich auf die drei Unternehmen DB Regio, DB Cargo und DB Fernverkehr und hat eine Laufzeit bis Ende 2030. Sie reicht damit über die Gültigkeit des aktuellen Tarifvertrags hinaus und soll grundsätzlich Klarheit in der umstrittenen Frage bringen.
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Tarifanhebung in zwei Schritten
Die Tarifeinigung sieht vor, dass die Entgelte der Bahner zum 1. August 2026 und zum 1. August 2027 um jeweils 2,5 Prozent ansteigen. Die Beschäftigten bekommen im April zudem eine Einmalzahlung von 700 Euro, für Auszubildende und dual Studierende sind es 350 Euro.
Die GDL konnte zudem ihre Forderung nach einer zusätzlichen Entgeltstufe für Beschäftigte mit besonders langer Berufserfahrung durchsetzen. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von zwei Jahren und endet Ende 2027 – zeitgleich mit dem Tarifvertrag zwischen der Bahn und der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG.
Keine Streiks bis April 2028
Damit wird es dieses und nächstes Jahr keine Warnstreiks bei der Deutschen Bahn geben. Anfang 2028 muss der bundeseigene Konzern dafür dann mit beiden Gewerkschaften gleichzeitig neue Tarifverträge aushandeln. Mit der GDL wurde vereinbart, dass im ersten Quartal 2028 noch die Friedenspflicht gilt. Die Lokführergewerkschaft kann also frühestens im April 2028 wieder zu Arbeitskämpfen bei der Deutschen Bahn aufrufen.
Einigung auch im Öffentlichen Dienst
Erst kürzlich hatten sich auch die Tarifpartner im Öffentlichen Dienst auf neue Entgelte für die 925.000 Beschäftigten geeinigt. Damit sind Warnstreiks an Kitas, Hochschulen und anderen Einrichtungen der Länder bis zum Ende der Friedenspflicht vom Tisch. In anderen Branchen zeichnet sich hingegen eine härtere Auseinandersetzung ab. Lufthansa-Piloten und Beschäftigte im ÖPNV haben bereits Warnstreiks ausgerufen.
Insgesamt gilt 2026 als „große Tarifrunde“. Für rund zehn Millionen Beschäftigte werden derzeit oder in den kommenden Monaten neue Tarifverträge verhandelt. 2025 waren mit 6,3 Millionen Angestellten und Arbeitern deutlich weniger Arbeitnehmer betroffen. Insgesamt sind mehrere Hundert Branchen und Unternehmen mit Haustarifen an der Verhandlungsrunde beteiligt. Das sind die wichtigsten:
Chemische Industrie: Zu Ende Februar ist der Tarifvertrag für 585.000 Beschäftigte in Chemie- und Pharmaunternehmen ausgelaufen. Die Verhandlungen über eine Verlängerung gelten als schwierig. Deutschlands drittgrößte Industrie nach dem Auto- und Maschinenbau leidet unter hohen Energiekosten, schwacher Konjunktur und Überkapazitäten. Die ersten beiden Tarifrunden sind gescheitert. Ende März wird weiter verhandelt.
Handel: Im April beginnen die Gespräche der regionalen Tarifkommissionen im Groß- und Außenhandel sowie im Einzel- und Versandhandel. Die Branche beschäftigt insgesamt rund 5,2 Millionen Menschen in Deutschland, viele von ihnen in unteren Lohngruppen. Sie seien „von Altersarmut“ bedroht, und hätten nach Abzug von Fixkosten „so gut wie kein frei verfügbares Geld“, warnte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer. Der Handelsverband Deutschland (HDE) sieht dagegen angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen „dieses Mal keinen Spielraum“ für Lohnerhöhungen. Bereits die letzten Tarifverhandlungen 2023 zogen sich mehr als ein Jahr hin.
Metall- und Elektroindustrie: Im Oktober steigt mit den Metallern und den Beschäftigten in der Elektronikindustrie die größte Tarifbranche in Deutschland in Verhandlungen ein. Dabei geht es um die künftigen Entgelte für 3,7 Millionen Beschäftigte. Die Streikkasse der IG Metall ist nach Rekordeinnahmen 2025 prall gefüllt. Tarifvorständin Nadine Boguslawski gab sich vor wenigen Wochen entsprechend kämpferisch: „Wenn wir uns mit den Arbeitgebern nicht einigen können, gehen wir in den Streik.“
Deutsche Lufthansa: Zahlenmäßig kleiner, sorgen Arbeitsniederlegungen bei den Piloten der Lufthansa dennoch bundesweit für Aufmerksamkeit. Wegen der jüngsten Warnstreiks im Februar waren 800 Flüge ausgefallen, 100.000 Passagiere gelangten nicht an ihr Reiseziel. Es dürfte nicht der letzte Streik dieser Art gewesen sein. Am Donnerstag stimmten 99 Prozent der Piloten der Lufthansa-Tochter Cityline in der Vereinigung Cockpit (VC) für eine Fortsetzung des Arbeitskampfes. Parallel verhandelt die Lufthansa mit der Flugbegleitergewerkschaft Ufo und dem Bodenpersonal (vertreten durch Verdi) neue Tarifgehälter.
Regionale Tarife: In NRW werden 2026 zudem die Entgelte für 134.000 Beschäftigte im Gastgewerbe neu verhandelt. Hier läuft der bestehende Vertrag Ende Mai aus. Ende August folgt das Fleischerhandwerk mit 22.000 Beschäftigten im Land. Die Süßwarenindustrie verhandelt zudem einen Ende April endenden Tarifvertrag mit den 80.000 Beschäftigten in NRW, Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern. (mit dpa)


