Der Hürther Bauer hat innerhalb weniger Jahre die Besucherzahlen des Gertrudenhofs versechsfacht – und gerade einen Karnevals-Erlebnispark eröffnet.
„Krise als Chance“Wie der Hürther Gertrudenhof zum Multi-Millionen-Unternehmen wurde

Peter Zens führt den Gertrudenhof in dritter Generation und geht mit dem Karnevalspark neue Wege.
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„Mein erster Business Case war ein Sonnenschirm, den ich an die Straße gestellt habe“, sagt Peter Zens. „Ich war sechs Jahre alt und habe die Tulpen und Zwetschgen verkauft, die meine Eltern und Großeltern hinter mir auf dem Acker gepflückt haben.“ Zens ist auf dem Gertrudenhof in Hürth aufgewachsen – in einer Zeit, als der nur ein Bauernhof war. Heute führt er den Hof seiner Familie in dritter Generation, und er hat ihn zu einem florierenden Unternehmen geformt.
Gertrudenhof: Nur wenig erinnert noch an Landwirtschaft
Der Hürther Landwirt hat Mitte Januar Deutschlands ersten Karnevalspark im Gertrudenhof geöffnet. Von Donnerstag bis Sonntag und an allen Karnevalstagen will Peter Zens die Jecken aus der Region in seinen Erlebnispark locken: mit einer zwölf Meter hohen Hüpfburg, an deren Eingang sich ein riesiger roter Funk und ein Mariechen bützen, aufwendig gestalteten Alaaf- und Konfetti-Fotoecken, mit vielen bunten Lichtern, die in der frühen Dämmerung in den winterlichen Obstbäumen leuchten, mit Auftritten der Funky Marys und der Prinzengarde Rot-Weiss Hürth, donnerstags ist Disko für die Pänz, und an diesem Wochenende kommen Clowns in den Park. In der Fastelovend Buud gibt es Berliner mit Eierlikör, Regenbogen-Crêpes sollen Karneval auf den Teller bringen, zu trinken gibt es einen Bützje-Secco. Aus Lautsprechern kommen kölsche Karnevalshits.

Der Gertrudenhof wurde im Januar und Februar 2026 erstmals zum Karnevalspark.
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Da erinnert nur noch wenig an Landwirtschaft. Der Gertrudenhof ist zwar tatsächlich ein Bauernhof mit einem 1200 Quadratmeter großen Hofladen. Aber seit einigen Jahren hat er sich zum Ausflugsziel für immer mehr Menschen aus Köln und dem Umland gemausert. Sie kommen wegen des Streichelzoos mit über 200 Alpakas, Ponys, Schafen, Eseln und Rindern. Und sie kommen wegen des Erlebnisparks mit einer Fläche von 25.000 Quadratmetern sowie Gastronomiebetrieb.
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Jedes Jahr besuchen bis zu 600.000 Menschen den Hürther Hof. 2025 hat er Peter Zens zufolge 11,5 Millionen Euro Umsatz generiert. Der Karnevalspark ist der nächste Baustein des Geschäfts mit dem Gertrudenhof. Wie kam es zu dieser Erfolgsgeschichte, die in diesen Tagen so jecke Blüten treibt?

Peter Zens (links) als Kind beim Tulpenverkauf am elterlichen Gertrudenhof.
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Peter Zens erzählt eine weitere Anekdote seiner kindlichen Geschäftstüchtigkeit in den 1980ern. „Wir hatten eine Klingel draußen am Tor, und wenn einer ein Tütchen Kartoffeln kaufen wollte, bin ich vom Hausaufgabenmachen rausgelaufen und habe es ihm verkauft. Wenn ich in der Schule war, hat mein Urgroßvater die Schicht übernommen. Ich wusste noch nicht, dass das Regionalvermarktung heißt, aber ich hatte Spaß dran“, erinnert sich der 48-Jährige.

Der Hofladen des Gertrudenhofs ist 1200 Quadratmeter groß.
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Die Geschäftstüchtigkeit ist ihm geblieben. 2014 übernahm Peter Zens den 50 Jahre zuvor erbauten Hof vor den Toren Kölns von seinen Eltern. Er entwickelte den kleinen Hofladen weiter, verkaufte Spargel, Kartoffeln und Kürbisse vom eigenen Acker und Lebensmittel anderer regionaler Produzenten. Auf seinen Feldern gründete er einen Umweltbildungsort, der Kitas, Schulklassen und Familien als Schulbauernhof zur Verfügung steht. Zens startete sein Engagement in Lobbygruppen für Nachhaltigkeit und Biodiversität. Auf dem Gelände, auf dem die Eltern früher noch Schweine hielten, entstand ein Gnadenhof-Streichelzoo. Für saisonale Hoffeste, die er an gut 30 Wochenenden im Jahr feierte – Kürbisfest, Tulpenfest, Spargelfest und viele weitere – stellte er ein Dutzend Büdchen auf.
100.000 Besucher im Gertrudenhof im Jahr 2019
Peter Zens schätzt, dass im Jahr 2019 zwischen 80.000 und 100.000 Menschen seinen Hofladen und die Hoffeste besuchten. „Für einen Bauernhof war das schon viel“, sagt er im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Hätte man ihm damals gesagt, dass es wenige Jahre später sechsmal so viele sein würden, „hätte ich es nicht für möglich gehalten“, sagt Zens. Ohne Krise wäre es sicher auch ganz anders gekommen, vermutet er. Aber da war eben diese schwierige Phase, die alles veränderte. „Eine Krise als Chance zu sehen, ist ein ganz wichtiges Thema für Unternehmen.“ Diese Gewissheit hat Zens heute.

Alte Luftaufnahme des 1964 erbauten Gertrudenhofs
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Seinem Betrieb bescherte die Corona-Pandemie aber erst einmal einen Umsatzeinbruch von 70 Prozent. „Das alte Konzept mit Hofladen und Hoffesten hat nicht mehr funktioniert“, sagt Zens. „Also mussten wir den Gertrudenhof neu aufstellen.“ Aber was brauchen die Leute jetzt? Das sei im Sommer 2020 die Leitfrage gewesen bei der Suche nach einem Ausweg. „Meine Partnerin sagte: Die wollen alle in Urlaub fahren. Die wollen an den Strand. Wir haben nicht lange gefackelt. Zwei Tage später wurden 500 Tonnen Sand geliefert. Wir haben sie auf eine Schotterfläche gekippt und einen Zaun gezogen.“ Das erste kleine Erlebnisgelände – mitsamt Corona-Teststation und Besuchernachverfolgung. „Wir haben alles dafür getan, dass wir öffnen durften.“
Im Herbst 2020 eröffnete auf dem großen Gelände jenseits von Hofladen und Streichelzoo der erste Erlebnispark. Zens und sein Team stellten 100.000 Kürbisse aus, stapelten sie zu einer großen Pyramide, Speisen und Getränke gab es im Kürbis-Café – „und drumrum standen improvisiert ein paar Hüpfburgen“, sagt er. Der Kürbispark wurde ein Erfolg, die Kürbispyramide zu einem beliebten Motiv für Instagram-Fotos.

Zum Gertrudenhof gehört ein Gnadenhof-Streichelzoo mit etwa 200 Tieren.
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Im Jahr danach gab es die Premiere für den Erdbeerpark, nach dem zweiten Kürbispark folgten im Winter der Weihnachtspark, dann der Osterpark und ein Sommerpark. Mit mehr Veranstaltungen kamen mehr und mehr Menschen auf den Hürther Hof.
65 Prozent aller Besucherinnen und Besucher kommen im Frühling und Herbst, berichtet Zens. „Dann reichen oft die Parkplätze nicht mehr. Am Wochenende können wir spontane Besucher manchmal nicht mehr reinlassen.“
Nur Januar und Februar seien immer verlorene Monate gewesen. Die erste Idee, um die Lücke zu füllen – und noch mehr Menschen anzulocken? „Ein Grünkohlpark“, sagt Zens. „Aber das haben wir schnell verworfen. Das war irgendwie too much.“ Die nächste Idee zündete: Karneval! „Wir haben weltweit keinen anderen Karnevalspark gefunden. Also haben wir gesagt, das machen wir.“

Peter Zens (Mitte) beim Besuch der Prinzengarde Rot-Weiss Hürth
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Herausgekommen ist ein Ort, der Zens zufolge nicht in Konkurrenz stehen soll mit den vielen Ehrenamtlichen in den Karnevalsvereinen, der Traditionalisten nicht vergraulen, aber trotzdem ein lauter, bunter Ort für jene sein soll, die dem traditionellen Karneval nicht viel abgewinnen können.
Ob im Gertrudenhof bei dieser Entwicklung nicht in ein paar Jahren eine Achterbahn steht, der Bauernhof zur Staffage für das Erlebnis wird? „Nein, eben nicht“, sagt Zens. „Ich möchte meinen Landwirtschaftsbetrieb erhalten, das ist mein Fokus. Ich will gar nicht, dass das Erlebnisgelände wächst.“ Es gebe schließlich einen Grund, warum es da sei.
„Für mich ist das Erlebnisgelände der Funnel dafür, dass ich weiter diesen Hofladen betreiben darf und kann.“ Zens benutzt hier den Marketingbegriff Funnel, der ins Deutsche übersetzt Trichter heißt, hier aber eher als Türöffner, Hebel oder Ankerpunkt zu verstehen ist. „Einen Hofladen zu betreiben, wird immer schwieriger“, sagt Zens, und er meint damit auch die Tatsache, dass in Familien heute seltener mittags frisch gekocht wird. „Unter der Woche läuft im Hofladen einfach nicht so wahnsinnig viel.“ Mit dem Erlebnisgelände habe er etwas gefunden, das also einen Nutzen erfüllt – und mit seinen Werten vereinbar sei, sagt Zens. So könne er Impulse in der Umweltbildung setzen und auf regionale Lebensmittelkreisläufe setzen.
Er sei weit davon entfernt, mit dem großen Erfolg auch ausgesorgt zu haben, macht Peter Zens schließlich deutlich. „Wenn es voll ist, denken die Leute oft: Der Zens, was der für ein Geld scheffelt heute.“ Ja, er schreibe schwarze Zahlen, „aber es ist nicht unheimlich viel, was dann am Ende des Jahres übrig bleibt. Wenn ich mein Unternehmen zukunftsfähig aufstellen will, muss ich investieren. Wenn du das Ding melkst, ist es irgendwann leer.“
Und so sei der Karnevalspark im ersten Jahr sicher noch nicht wirtschaftlich. „Der muss aber im dritten Jahr wirtschaftlich sein“, sagt Zens. Der Eintritt – in der Woche zahlen alle ab drei Jahren 9,90 Euro, am Wochenende drei Euro mehr – decke bloß die Kosten für die Produktion der Parks. „Und dann muss ich schauen, dass die Gastronomie funktioniert, dass ich einen funktionierenden Verkauf von Produkten aufbaue und die Mitarbeiterkosten stemmen kann.“ Zens sagt, vier Millionen Euro betrügen die Arbeitskosten jährlich für etwa 90 Vollzeitstellen, die sich auf rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufteilen.
Ein Teil seiner Leute – Schreiner, Metallbauer, eine visuelle Gestalterin, unterstützende Kräfte – arbeite in der eigenen Hofwerkstatt inzwischen ganzjährig an den Aufbauten für die Erlebnisparks. Zehn Monate Arbeit seien in den Karnevalspark geflossen, sagt Zens, „und ganz viel Liebe und Herzblut“.

