Mehr Platz heißt hier auch, mehr Entfaltungsspielraum. Ein Besuch im Neobiota, das Stil und Souveränität ausstrahlt.
Henns GeschmackssacheWarum das Neobiota an neuem Ort ein Abenteuer ist

Sonja Baumann und Erik Scheffler im Neobiota - ihre Küche bleibt auch an neuem Ort aufregend, wirkt insgesamt klassischer.
Copyright: Martina Goyert
Es ist eine Geschichte wie aus einem Film: Ein Spitzenrestaurant sucht lange nach neuen Räumlichkeiten, findet sie endlich, nimmt für den Umbau viel Geld in die Hand, zieht allerdings im Testzeitraum des wichtigsten Restaurantführers um – und verliert seinen Michelin-Stern. In einem französischen Film wären Koch und Köchin ein Liebespaar, das sich darüber tränenreich auseinanderlebt. Aber wir sind in Köln und Erik Scheffler und Sonja Baumann sind keines, sondern gute Freunde, die sich mit dem Neobiota einen Lebenstraum erfüllt haben. Im Frühjahr 2025 zogen sie von der Kleinen Brinkgasse in die Räume des ehemaligen „Sal’s Kitchen“ im Rotonda Business Club am Salierring. Mehr Platz in Küche und Gastraum, ein Parkhaus direkt im Gebäude und dazu eine wunderschöne Terrasse.
Das Menü – man kann es mit vier, sechs oder acht Gängen bestellen – startet mit einer Sonnenblumenkern-Creme in Talerform, die mit grünen und gelben Blättern so belegt ist, dass sie einer Blüte ähnelt. Obenauf liegt eine karamellisierte Khaki-Scheibe, die Frucht stammt aus dem gut zwei Hektar großen Garten in Leverkusen, aus dem das Restaurant viele Zutaten seiner pflanzenbasierten Küche bezieht. „Botanische Gastronomie“ ist der Begriff, der sich dafür langsam durchsetzt. Die Vinaigrette ist mit Salz-Bergamotte in der Säure gepimpt, dazu kommt grünes Tagetes-Öl. Der Clou: das Gericht soll an Foie Gras erinnern.

Das Gericht soll an Foie Gras erinnern: Sonnenblumenkern mit Leverkusener Kaki und Tagetes-Öl
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Wäre das nur ein kulinarischer Illusionstrick, könnte man sich das Ganze sparen, aber aromatisch ergibt sich ein faszinierend nussig-vegetales Geschmacksbild. Zum Gericht wird übrigens ein Weckglas mit schrumpelig getrockneten Khakis auf den Tisch gestellt, von denen sich auch etwas geraspelt als Würzung auf dem Gericht findet.
Im Neobiota wird gern und ausführlich erklärt, darauf sollte man sich einstellen, ja es als Teil der Faszination dieses Restaurants verstehen. Noch dazu eines nötigen Teils, denn viele Zutaten sind so ungewöhnlich, dass selbst bei erfahrenen Fine-Dining-Fans Fragezeichen auftauchen. Die Beurre Blanc zur Dry Aged Eifler Lachsforelle ist zum Beispiel mit Sake Kasu aus Berlin verfeinert – den Rückständen bei der Sake-Herstellung. Nachhaltigkeit wird hier auf vielen Ebenen gelebt.
Grüne Akzente, deutliche Schärfe: „Schüchtern sind wir im Geschmack nicht“
Petersilien-Öl, Shisokresse und Bärlauch sorgen bei dem Gericht für viele grün-frische Akzente, und Habanero Tabasco für druckvolle Schärfe. „Schüchtern sind wir im Geschmack nicht“, kommentiert die ebenso freundliche wie kompetente Restaurantleiterin Hanna Dischinger.

Perfekt gegart: Das Eifeler Rind mit Trauben aus Köln
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Die Gerichte des NeoBiota waren immer schon hoch-individuell und innovativ, manchmal aber auch fordernd, und die Kreativität begeisterte in Ausnahmefällen mehr als der Geschmack. Offen für Neues und Ungewöhnliches sollte man hier weiterhin sein, die Küche wirkt heute aber insgesamt klassischer, wie zum Beispiel beim perfekt gegarten Eifeler Rind mit Heidelbeere, Bittersalaten und Kölner (!) Trauben – dabei jedoch nicht weniger faszinierend. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen, wie beim Pilz-Schaschlikspieß mit Nussjoghurt, gerät das Ergebnis ein wenig spannungsarm. Es wirkt, als hätte das Restaurant Stil und Souveränität gefunden und müsste sich nicht mit jedem Gericht völlig neu erfinden und beweisen.

Stilvoll ist auch das neue Ambiente des Neobiota.
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Die kleine Weinkarte – früher eine Achilles-Ferse des Neobiota – ist deutlich gewachsen, mit Stärken in Deutschland, Frankreich und Italien. Und nicht-alkoholisch betreibt man hier einen ziemlichen Aufwand, um die perfekten Essensbegleiter zu kreieren. In den meisten Fällen geht das auch gut auf.
Zukünftig soll es noch mehr in Richtung „casual“ gehen. Ab Mai wird es einen Auszug aus dem Menü à la Carte geben, so dass man auch mal nur für einen Snack und ein Glas Wein hereinschauen kann. Für den Sommer ist dann sieben Wochen lang von 16-21 Uhr ein Bistro-Pop-Up auf der großen Terrasse mit kleinen Gerichten geplant.
Pioniere des elaborierten Frühstücks: Geschmack ist King
Dieses Restaurant besteht eigentlich aus Zweien: abends isst man im Biota, morgens und mittags im Neo. Als Baumann und Scheffler 2018 mit einem elaborierten Frühstückskonzept eröffneten, waren sie in Köln damit ziemlich allein auf weiter Flur. Mittlerweile ist die Frühstücksszene massiv gewachsen und bei Vielen gibt es enorm schick angerichtete Teller.

Haben schon ihre eigene Legende: Sonja Baumanns Pancakes.
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Auch im Neo sehen die Genüsse gut aus, aber - um eine Burger-Braterei zu zitieren - hier ist Geschmack wirklich King. Sei es der French Toast mit Blutwurst, ein Chili Cheese Hotdog oder die legendären Pancakes von Sonja Baumann (ein Muss!). Zehn Gerichte, aromatisch auf Volldampf und souverän zubereitet.
Fazit: Das Neobiota war nie besser. Morgens eine Bank, abends ein Abenteuer. Pflanzenbasierte Küche mit Herz und Verstand.
Bewertung: 5 von 6
Pantaleonswall 27, 50676 Köln, Tel. 0221-29194494, Di - Sa Frühstück: 10 - 15 Uhr, Dinner: 19 - 23 Uhr, www.restaurant-neobiota.de
Henns Auswahl
Abends: Menü 140 Euro (4 Gänge) / 175 Euro (6) / 195 Euro (8)
Frühstück:„Armer Jan“ French Toast trifft Himmel & Äd / 16 Euro
Chili Cheese Hotdog / 19 Euro
Schwarzwälder Pancakes / 20 Euro
Frühstücks-Menü - 3 Gänge nach Wahl / 35 Euro



