Als wir vor vier Jahren einen Schrebergarten pachteten, suchten wir eine Oase abseits der Großstadt. Gefunden haben wir das Paradies erst, als wir den Kampf mit der Natur aufgaben. Und kündigten.
Die OptimistinDas Paradies findet man manchmal erst, wenn man seine Träume loslässt


So ähnlich stellte sich die Autorin das Gefühl als Schrebergärtnerin vor: Gesicht in der Sonne, das Körbchen voller Obst. Am Ende war es etwas mühsamer.
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Die letzten Schneeglöckchen sehen ein bisschen beleidigt aus, aber natürlich bilde ich mir das ein. Wir werden sie verlassen. Sollte die Zwiebel nächstes Jahr wieder ein Köpfchen austreiben, wird es jemandem anderen von der Hoffnung auf Frühling erzählen. Wir werden dann nicht mehr da sein, denn wir haben unseren Schrebergarten gekündigt. Ende März ist Schluss.
Vor gut vier Jahren im Winter haben wir dieses Stück Natur am Rhein in Westhoven gepachtet. Es war ein unvernünftiger Schritt, schon damals. Drei Kinder, zwei doch eher aufwändige Jobs, ein Ehrenamt. Zeit für Lifestyle war schon damals rar. Erst recht für das tatsächliche Leben in seiner vielleicht krassesten Form: Der wuchernden Natur.
Aber irgendwie hatten wir Lust auf Wachstum, auf eine Oase, einen Rückzugsort. Wir stellten uns vor, dort Kindergeburtstage zu feiern mit Würstchenketten im Birnbaum, mit Limogläsern, in denen zur Dekoration frisch geerntete Johannisbeeren schwammen, mit Stockbrotgrillen und Eierlauf-Slalom um die Stachelbeerbüsche. Wir dachten daran, dass unsere Teenager dort die Wochenenden verbringen könnten – oder wahlweise wir Eltern, wenn eine Party uns zu Hause überflüssig machte. Ich habe mindestens fünf Gartenratgeber gekauft, ackerte Bauanleitungen für selbst gezimmerte Hochbeete und natürlich DIY-Loungemöbeln aus Holzpaletten durch. Ich steckte mit dem Jüngsten auf dem heimischen Fensterbrett Gurken- und Paprikasamen in die Erde. Bald ringelten sich Zucchinipflänzchen im Kinderzimmer die Legotürme empor, im Garten bejubelten wir jedes Radieschen und jede Möhre, die sich wie durch Zauberhand innerhalb weniger Wochen aus einem winzigen Körnchen herausboxte.
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Unsere Träume trieben in Richtung: Süßes Leben. Paradies
Ich kaufte literweise Taubenblau in Metalldosen und pinselte das Häuschen an. Drinnen verpasste ich dem Holzschrank einen etwas moderneren Anstrich. Den Vierjährigen und mich hüllte ich dazu in Ganzkörperschutzanzüge. Es gibt Fotos davon. Es war eine riesige Sauerei, aber zumindest in meiner Erinnerung haben wir auch sehr gelacht. Wir haben uns einen aufblasbaren Pool angeschafft, eine Hängematte. Sie erahnen die Richtung, in welche unsere Träume trieben: Wir suchten Entspannung. Süßes Leben. Kurz: Das Paradies.
Und dann kam der Mai.
Und mit ihm die Realität.
Das Unkraut begrub jede Romantik innerhalb von Stunden. Die Hecke überwucherte jeden noch so gut durchdachten Plan, der Zwetschgenbaum und auch die Obststräucher trugen derart viele Früchte, dass wir mit den Säcken voller Ernte die ganze Nachbarschaft abklapperten und sie anflehten, uns das Obst in Großgebinden abzunehmen. Kehrten wir nach einem Urlaub zurück, winkte der beim letzten Mal noch weitgehend ordentlich geschnittene Rasen sattgrün wogend über den Gartenzaun.
Der erste Stein fällt und reißt eine Schneise der Zerstörung
Es setzte etwas ein, was unsere Kinder beim Spielen als Dominoeffekt bejubeln: Wenn der erste Stein fällt, reißt er einen nach dem anderen mit. Eine Schneise der Zerstörung bis das mühsam aufgebaute Werk in Trümmern liegt. Ich glaube die Initialzündung für das Ende war die gescheiterte Suche nach der passenden Batterie für die etwas in die Jahre gekommene Solaranlage auf dem Dach. Wir haben das Ding nie ans Laufen gebracht. Erst waren wir tapfer und übten uns in Idealismus, ich gab damit an, dass man so einen 300-Quadratmeter-Rasen ja wunderbar und dazu umweltfreundlich mit einem handbetriebenen Spindelmäher oder eben einer Sense trimmen kann. Und auch die Hecke lasse sich Kraft seiner Armmuskeln wunderbar stutzen, sagte der Mann. Die steinharte Erde des Gemüseackers hätte er in Windeseile umgegraben, tönte der Sohn. Das Gießen an lauen Sommerabenden könne sie mit ihren Freunden übernehmen, sagte die Tochter.
Der Enthusiasmus ist am Ende irgendwo zwischen den Dornen der wuchernden Disteln verloren gegangen. In den Garten fahren wollte bald niemand mehr. Jedes Wochenende schwoll ein Streit an, der mit Gezeter und einer Drohung meinerseits endete: Den Garten zu kündigen, gleich am Montag.
Jetzt wo das Schreiben raus ist, bedauern es alle irgendwie. Aber mich erfüllt eine Erleichterung, die kein noch so fruchtbar tragender Kiwibaum aufwiegen könnte. Wir haben aufgegeben. Aber ernten plötzlich etwas, das wir in all den schweißtreibenden Stunden über der Gartenkrume vergeblich suchten: Entspannung. Süßes Leben. Kurz: Das Paradies. Es liegt nur wenige Meter vor unserer Haustür. Im Grüngürtel.



