Der erste Bundeskanzler und der „Kölner Stadt-Anzeiger“ feiern 150. Geburtstag. Das Jubiläumsjahr 2026 begehen wir mit einem besonderen Wein.
Geschichte in FlaschenformWie Konrad Adenauer mit Wein ein diplomatisches Wunder bewirkte

Das Bild zeigt das Konrad-Adenauer-Denkmal an der Nordseite der Basilika Sankt Aposteln in der Kölner Innenstadt.
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2026 ist ein Jubiläumsjahr: In Deutschland und weit über die Grenzen hinaus wird an den 150. Geburtstag Konrad Adenauers erinnert. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland prägte die junge Demokratie in seinen 14 Amtsjahren von 1949 bis 1963 wie kein anderer.
Nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts mit Zweitem Weltkrieg und dem Zivilisationsbruch der Schoa übernahm „der Alte“, wie Adenauer respektvoll genannt wurde, die politische Führung und steuerte das Land mit Entschlossenheit und Weitblick durch bewegte Zeiten. Die Vorarbeit zum Grundgesetz, die Westbindung der Bundesrepublik, Nato-Beitritt, Wiederbewaffnung und die Aussöhnung mit Frankreich und mit Israel sind nur einige der historischen Weichenstellungen, mit denen Adenauer das Fundament für das moderne Deutschland legte.
In Adenauers Geburtsjahr 1876 brachte der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg als Beilage zur „Kölnischen Zeitung“, dem führenden liberalen Blatt im damaligen Deutschen Reich, erstmals den „Kölner Stadt-Anzeiger“ heraus. Auch daran erinnern wir 2026 mit Beiträgen, eigenen Veranstaltungen und mit einem Jubiläumswein zur Feier eines besonderen Geburtstags.
„Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind – andere gibbet nicht“
Adenauer war ein Mann seiner Zeit – konservativ, gewiss, aber ebenso rheinisch-katholisch geprägt: dem Leben und dem Guten zugewandt. Mit hintergründigem Humor, menschenfreundlich, ohne naiv zu sein. „Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind – andere gibbet nicht“, sagte er einmal. Und: Adenauer war ein ausgewiesener Weinkenner. Schon als Kölner Oberbürgermeister pflegte er einen bemerkenswerten Weinkeller und ersteigerte regelmäßig edle Tropfen beim Verband der Naturweinversteigerer – dem Vorläufer des heutigen Verbands Deutscher Prädikatsweingüter VDP.

Konrad Adenauer im Jahr 1965.
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Schon damals bewies Adenauer diese gewisse stoische Chuzpe. Selbst als ihn die Nationalsozialisten 1933 aus dem Bürgermeisteramt jagten, schikanierten und seine Konten sperrten, ließ er sich vom Genuss nicht abbringen. 1934 kaufte er unter anderem 25 Flaschen 1931er Zeltinger Sonnenuhr für 811,67 Reichsmark – dazu noch beachtliche Mengen vom 1929er Schloss Johannisberg und Marcobrunner. Adenauer wusste, was gut ist – auch in düsteren Zeiten.
Direkt neben seinem Wohnhaus in Rhöndorf, berichtet Sabine Schößler von der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, hatte der Hausherr einen eigenen Felsenkeller mit hervorragenden klimatischen Bedingungen. Hier lagerte er seine Weinvorräte, sortiert nach Anbaugebieten. Im Frühjahr 1945, kurz vor Kriegsende, diente der Keller der Familie Adenauer aber auch als Luftschutzraum bei Bombenangriffen der Alliierten.
Adenauer: Diplomatie mit dem Mythos des Weins
Zahlreiche Anekdoten zeigen: Adenauer war nicht nur ein disziplinierter Weinkenner – Trunkenheit und Jovialität waren ihm ein Graus –, sondern er verstand auch die kommunikative Kraft eines guten Weins. Er wusste um die Wirkung wertschätzender Gesten und die Botschaften, die sich mit der richtigen Flasche ganz ohne Worte vermitteln lassen. Dieses Instrument setzte der „alte Fuchs“ gezielt und klug ein – auch in der großen Diplomatie.

Bundeskanzler Konrad Adenauer sitzt 1959 in seinem Arbeitszimmer im Palais Schaumburg in Bonn (Nordrhein-Westfalen).
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Ein markantes Beispiel ist seine Moskau-Reise vom 8. bis 14. September 1955. Ziel waren die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion und die Rückführung der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Während der Kanzler und Außenminister Heinrich von Brentano (CDU) mit Lufthansa-Maschinen nach Moskau flogen, nahm die Bonner Delegation den Zug – im Gepäck: zwei 300er Mercedes-Limousinen für die Fahrt über den Roten Platz zum Kreml sowie feinste Weine, vom Kanzler persönlich ausgewählt: 1950er Bernkasteler Doctor Spätlese, 1953 Kiedricher Gräfenberg Auslese und 1951er Jahrgangssekt der Hohen Domkirche Trier.
Ein Teil davon wurde während der entscheidenden Verhandlungen in einer Datscha bei Moskau an Staats- und KP-Chef Nikita Chruschtschow, Ministerpräsident Nikolai Bulganin* und Außenminister Wjatscheslaw Molotow ausgeschenkt – die den Mythos dieser Weine sehr wohl kannten.
Wein als taktisches Stilmittel der Politik
Auch Eitelkeiten ließen sich mit Wein pflegen. So lud Adenauer nach der ersten Bundestagswahl 1949 die Spitzen der CDU/CSU zu sich nach Hause ein. Dabei ging es um die Frage, wer Bundeskanzler werden sollte. Bei gutem Essen und ordentlichem Wein zogen sich die Gespräche hin – bis Adenauer schließlich seinen privaten Weinkeller öffnete.
„Hervor kam das Edelste vom Edlen: Spätlesen und Auslesen, Weine, wie ich sie in meinem Leben noch nie getrunken hatte“, berichtete Franz Josef Strauß (CSU) später sichtlich beeindruckt. Adenauer selbst wird mit den Worten zitiert: „Die Stimmung schien sich zu lockern.“ In genau diesem Moment erwähnte der damals 73-Jährige ganz beiläufig, sein Arzt hätte nichts dagegen, wenn er für zwei Jahre das Amt des Bundeskanzlers übernähme. Die Aussicht auf eine zeitlich begrenzte Amtszeit erleichterte den Anwesenden die Zustimmung. Dass daraus schließlich 14 Jahre Kanzlerschaft wurden, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.

Bernkasteler Doctorberg, legendäre Weinlage an der Mosel
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Auch bei einem Besuch der Ministerpräsidenten setzte Adenauer Wein als taktisches Stilmittel ein. Kai-Uwe von Hassel (CDU), von 1954 bis 1963 Regierungschef in Schleswig-Holstein, berichtete später von einem klug inszenierten Crescendo der Weinqualität: Zunächst wurde ein einfacher Wein serviert, den Adenauer mit den Worten kommentierte: „Dieser Wein ist nicht besonders gut.“ Beim nächsten Glas meinte er: „Dieser Wein könnte besser sein.“ Nach dem dritten Wein schließlich sagte er zu seinem Staatssekretär mit gespielter Entrüstung: „Sie scheinen vergessen zu haben, dass wir die Ministerpräsidenten bei uns zu Gast haben!“ Erst dann wurden die edlen Tropfen entkorkt – und jeder fühlte sich geschmeichelt.
„Herr General, den Wein müssen Sie probieren“
Am 8. Juli 1962 feierten Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle und Konrad Adenauer eine deutsch-französische Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims – eine Sternstunde der Völkerverständigung. Zuvor war der Kanzler durch Frankreich gereist. In Bordeaux besuchte er das Château Margaux, wo seine fundierten Weinkenntnisse anerkennend gewürdigt wurden. Zum Staatsbankett in Paris brachte er sechs Flaschen Eiswein aus seinem Bonner Keller mit. „Herr General, den Wein müssen Sie probieren“, sagte er – nahm dem Kellner die Flasche aus der Hand und schenkte de Gaulle persönlich ein.

Der französische Präsident General Charles de Gaulle (r.) und Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer umarmen sich am 22. Januar 1963 im Élysée-Palast in Paris nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Kooperationsvertrags.
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Es sind diese kleinen Gesten – eine gezielte, aber wohldosierte Überschreitung des Protokolls –, die wahrgenommen, erinnert und weitererzählt werden. Sie bleiben im Gedächtnis und entfalten ihre Wirkung über den Moment hinaus. Adenauer verstand es meisterhaft, solche Momente zu schaffen. Vor allem mit „Möselchen“, wie er den Moselriesling nannte.
Konrad Adenauer war Fan des „Möselchen“
Wer die zahlreichen Rechnungen und Inventarlisten im Adenauer-Haus durchsieht, erkennt schnell: Der Bundeskanzler war ein großer Fan des „Möselchen“. Schon die liebevolle Bezeichnung brachte seine besondere Vorliebe für die feinsten Rieslinge zum Ausdruck. Der Bonner Journalist Walter Henkels überlieferte dazu ein charmantes Bekenntnis des Kanzlers: Ein „Möselchen“ rege den Appetit an, beschwinge das Lebensgefühl, fördere die Gedankentätigkeit, erzeuge Wohlbehagen und bringe den Stoffwechsel in Schwung.
Als ein Arzt einem Moselweinliebhaber riet, wegen der Leber- und Nierenwerte vorsichtig zu sein, soll Adenauer trocken geantwortet haben: „Dann soll er sich mal das Alter seines Bundeskanzlers anschauen – und überhaupt: Es gibt mehr alte Moselwinzer als alte Ärzte.“ Konrad Adenauer starb am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren.
Dieser Beitrag ist die leicht modifizierte Fassung eines Artikels, den sie zuerst im Genuss-Magazin Falstaff veröffentlicht hat. Ein herzlicher Dank gilt Sabine Schößler, Geschäftsführerin der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, und ihrem Team für die großzügige Unterstützung bei der Recherche – sowie für die zur Verfügung gestellten Dokumente.
Romana Echensperger ist seit 2024 Chefredakteurin des „Falstaff“. Zuvor war sie 13 Jahre lang Wein-Kolumnistin für den „Kölner Stadt-Anzeiger“. Echensperger gehört zu den „Masters of Wine“, einer exklusiven Runde von weltweit 400 geprüften Fachleuten. (jf)
* Die Funktion von Nikolai Bulganin, der 1955 aus dem Amt des Verteidigungsministers in den Vorsitz des Ministerrats wechselte, wurde in der aktuellen Version unseres Beitrags berichtigt. (jf)
So können Sie unseren Wein kaufen
Kaufen können Sie die Cuvée Adenauer unter diesem Link im Online-Shop des Weinguts Wegeler. Der 2020 Adenauer Riesling Spätlese Mosel (trocken) kostet 15 Euro pro Flasche. Der Wein ist lieferbar ab dem 15. April 2026. Der Jubiläums-Wein ist eine Cuvée aus Großen Lagen inklusive dem legendären Doctorberg, einem der besten Weinberge der Welt. Wein von diesem Weinberg, den „Bernkasteler Doctor“, nahm Adenauer 1955 der Weingüter Wegeler nach Moskau, um ihn Kremlchef Nikita Chruschtschow zu servieren. Das Gespür Adenauers für die Macht eines guten Weines ging als Wein-Diplomatie in die Geschichte ein.

Unser Jubiläumswein: die Cuvée Adenauer
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Unsere Autorin
Romana Echensperger, geboren 1977, ist seit 2024 Chefredakteurin des Magazins Falstaff - Internationale Zeitschrift für Essen, Trinken und Reisen. Bis dahin war sie 13 Jahre lang Wein-Kolumnistin des Kölner Stadt-Anzeiger. Seit 2015 gehört Echensperger zu den „Masters of Wine“, einer exklusiven Runde von weltweit 400 geprüften Fachleuten.
Vor ihrer publizistischen Tätigkeit war Echensperger zehn Jahre Chef-Sommelière in der deutschen Spitzengastronomie, unter anderem im „Vendôme“ Bergisch Gladbach, das seinerzeit drei Sterne im Guide Michelin hatte. Seit Jahren steht sie für das Deutsche Weininstitut auf der Bühne, hält Meisterklassen im In- und Ausland. Seit 2022 gehört sie zum Verkosterteam der Lufthansa. Sie unterhält außerdem enge Verbindungen zur Napa Valley Wine Academy in den USA sowie zu den Twin Wineries, die sich der Pflege der deutsch-israelischen Beziehungen widmen.
Unter dem Titel „Von wegen leicht und lieblich“ ist von ihr „das ultimative Weinbuch nur für Frauen“ erschienen (Christian-Verlag). Biodynamisches Winzerhandwerk stellt sie in dem Buch „Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen“ vor (Westend-Verlag). (jf)

