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Massaker im IranWiderstand nur noch auf Bestattungsfeiern – Kölner Trauerbegleiterin erklärt neuen Protest

6 min
Menschen bei einer Trauerfeier im Iran.

Im Iran drücken viele Menschen ihren Widerstand bei Trauerfeiern aus. 

Die Iraner protestieren nach den Massakern des Regimes mit neuen Ritualen beim Trauern. Auch die Kölner Exil-Iraner sind traumatisiert.

Menschentrauben singen und tanzen, während sie um ihre Liebsten weinen. Sie schwenken Bilder der Getöteten, Blumen und weiße Fahnen. Unverschleierte Frauen schneiden sich die Haare ab und legen sie in die Gräber ihrer Freundinnen und Schwestern. Andere tragen Brautkleid – Symbol des Neuanfangs. Menschen schlagen sich auch im Rhythmus der Musik und kratzen sich.

Die Timelines der Kölner Trauerbegleiterin Golrokh Esmaili auf Social Media sind voll von Bestattungszeremonien, die wenig mit herkömmlichen Trauerfeiern im Iran zu tun haben. Es sei eine „unglaublich berührende Form des Widerstands“, sagt sie. „Es geht darum, den unvorstellbaren Schmerz durch die Massaker überhaupt aushalten zu können. Der Körper übernimmt da, wo Worte nicht mehr reichen. Durch Bewegung und Rhythmus geraten die Menschen in einen tranceähnlichen Zustand. In der Gemeinschaft wird der Schmerz für einen Moment geteilt und dadurch tragbar.“ 

Ähnliche Rituale seien bekannt von Trauerfeiern der seit jeher verfolgten Kurden und der Frauen-Leben-Freiheit-Bewegung. Jetzt haben sie das ganze Land erfasst – weil die Milizen bislang zumindest keine Trauergemeinschaft auf offener Straße erschossen haben.

Trauernde im Iran

Trauernde im Iran

Das Regime hat die Massenproteste im Iran brutal niedergeschossen. Das Time-Magazine berichtete von womöglich mehr als 30.000 Toten allein am 8. und 9. Januar, als das Internet abgeschaltet wurde, die Menschenrechtsorganisation Hrana belegt die Identität von 6.713 Toten, prüft weitere 17.091 und mutmaßt, dass die Zahlen weitaus höher liegen könnten. So oder so hat sich im Iran ein Massaker ereignet, dass an Srebrenica im Juli 1995 erinnert, als bosnische 8372 Bosniaken umbrachten, oder Babyn Yar: Im September 1941 erschossen die Nazis in einer Schlucht in der Ukraine binnen zwei Tagen 33.771 Juden. 

„Das ganze Land ist nach dem brutalen Massaker der Milizen traumatisiert und voller Angst“, sagt Trauerbegleiterin Esmaili. „Und trotzdem wird beim Trauern weiter protestiert.“ Das zeige nicht nur die Ohnmacht, die das ganze Land erfasst habe, „sondern auch den großen Mut der Menschen im Iran“.

Die Kölner Trauerbegleiterin Golrokh Esmaili

Die Kölner Trauerbegleiterin Golrokh Esmaili

Was es für Millionen Menschen im Iran bedeute, dass willkürlich Zehntausende ihrer Liebsten auf offener Straße ermordet wurden, „kann sich wohl niemand im Ausland vorstellen“, sagt Esmaili, die vielen Exil-Iranern hilft, mit ihrer Trauer zu leben. Offenbar wollten es sich viele auch nicht vorstellen, weil es schlicht zu viel sei: „Sonst würden die Medien wohl mehr über diese grausame Gewalt berichten, für die es in der Geschichte nur wenige Beispiele gibt.“ 

„Das Tanzen und Singen auf Trauerfeiern ist wohl die einzige Möglichkeit, im Iran noch Widerstand zu leben“, sagt Nahid Fallahi. Die langjährige Leiterin des Flüchtlingszentrums Fliehkraft in Nippes hat kurz vor dem Gespräch mit zwei Frauen im Iran telefoniert, die in einer Leichenhalle nach ihren Angehörigen gesucht haben. „Die Frauen haben erzählt, dass sie froh waren, weil sie ihre Verwandten nicht gefunden haben, und sie haben sich für ihre Freude geschämt.“ Oft spreche sie gerade mit Menschen, die sich schämen, weil sie leben, während Freunde oder Verwandte tot sind. „Und die nicht weiter wissen, die über Suizid nachdenken, weil sie keinen Ausweg sehen.“

Jeder bleibt allein mit seinem Trauma, weil die Brutalität des Regimes dazu geführt hat, dass die Angst zu groß ist
Nahid Fallahi

Nahid Fallahi versucht, die Traumatisierten zum Reden zu bringen über das Erlebte, für das sie keine Worte finden. „Jeder bleibt allein mit seinem Trauma, weil die Brutalität des Regimes dazu geführt hat, dass die Angst zu groß ist: Auch Ärzte und Psychologen werden unter Druck gesetzt, Verletzte aus Krankenhäusern entführt und umgebracht. Alles wird kontrolliert. Das Schlimme ist, dass die Traumata sich verschlimmern, wenn die Menschen nicht darüber sprechen.“ Im Iran sei es weitaus weniger üblich über seine Trauer zu sprechen als zum in Deutschland, sagt Golrokh Esmaili. „Desto wichtiger ist es, dass die Menschen internationale Solidarität erleben.“

16.288 Menschen mit iranischer Geschichte lebten Ende 2024 in Köln. Fast alle haben Freunde und Verwandte im Iran. Die Sorge, mit Namen in die Öffentlichkeit zu treten, ist auch in Köln groß – niemand will seine Angehörigen gefährden. Eine Kölnerin, die für diese Geschichte Maryam heißen soll, erzählt von einer befreundeten Familie, Mutter, Vater, vierjähriges Kind, die am 8. Januar demonstriert hätten in Isfahan. „Als Schüsse fielen, ist die Mutter mit dem Kind nach Hause gelaufen. Den Vater haben sie danach nicht mehr erreicht.“ Tage später hätten sie die Nachricht erhalten, der Vater sei tot, er liege in einer Halle. Ein Verwandter habe ihr ein Bild gezeigt von der Leiche, „aber meine Freundin hat es nicht geglaubt“. Vor den Leichenhallen nähmen die Schergen des Regimes Geld von den Angehörigen, die ihre Leichen abholen wollen, „mehrere Hundert pro Kugel, mit denen die Menschen erschossen wurden“, erzählt Maryam. „Meine Freundin flüstert am Telefon immer, weil sie Angst hat, abgehört zu werden.“

Meine Freundin hat gesagt, auf der Straße sei es wie beim Spiel Call of Duty gewesen: Die Milizen haben mit Laserpointern auf die Menschen gezielt und sie ausgelöscht
Maryam, Kölner Iranerin

Maryam ist nach Deutschland geflüchtet, weil sie zur religiösen Minderheit der Bahai gehört, die im Iran diskriminiert und verfolgt wird. Es sei schwer für sie, von Köln aus zu verfolgen, wie ihre Freunde im Iran entmenschlicht werden. „Meine Freundin hat gesagt, auf der Straße sei es wie beim Spiel Call of Duty gewesen: Die Milizen haben mit Laserpointern auf die Menschen gezielt und sie ausgelöscht. Sie würde sofort wieder auf die Straße gehen, wenn sie kein Kind hätte.“ Der Wille, das Regime zu stürzen, sei sehr vielen Menschen wichtiger als das eigene Leben. „Sehr viele Iraner würden ihr eigenes Leben geben, wenn es helfen würde, das Land zu befreien“, sagt sie. 

Zu dem Gespräch mit Trauerbegleiterin Golrokh Esmaili im Café Sur in der Südstadt gesellen sich Parvin und Ehsan. Am Telefon wollten sie wissen, wer sonst noch bei dem Interview dabei ist – aus Sorge, es könnten Leute vom iranischen Geheimdienst sein. Sie kommen aus Shiraz und einer Kleinstadt nahe von Shiraz. „In unserem Ort war es bislang immer ruhig – auch bei der Frauen-Leben-Freiheit-Bewegung“, sagt Ehsan. „Dieses Mal wurde auch bei uns auch demonstriert – und auch bei uns haben die Milizen in die Menge geschossen und es gab Tote.“ Auch Parvin, der sogar Sorge hat, seinen richtigen Vornamen zu sagen, und Ehsan kennen Menschen, die verletzt wurden oder ermordet – wie wohl die meisten Kölner Iraner. Der Westen, da sind sie sich einig, könne das Land mit zwei Dingen unterstützen: härtesten Sanktionen gegen das Regime – und Solidarität.

Trauernde im Iran

Auf Trauerfeiern im Iran werden weiße Fahnen geschwenkt.

Nahid Fallahi, Golrokh Esmaili, Maryam, Parvin, Ehsan und all die anderen hoffen auf ein Ende des Albtraums der Realität im Iran: Ob durch einen Regime-Sturz mit Hilfe der USA, Putsch, Bürgerkrieg, ein Wunder, wie auch immer. „Anders hat das Land keine Zukunft“, sagt Golrokh Esmaili. „Denn wenn die Menschen nach den Trauerfeiern nach Hause kommen, fangen Trauer und Trauma erst an.“