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Nachwuchs, weibliches DreigestirnLutz Schade skizziert seine Vision für den Kölner Karneval

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Kölner Karneval Präsidentenwahl

Köln 2026 - Foto: Gruppe C Photography

Lutz Schade ist Nachfolger von Christoph Kuckelkorn.

Mit nur einer Gegenstimme ist Lutz Schade zum neuen Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval gewählt worden. Nach der Wahl stellte er sich unseren Fragen.

Herr Schade, herzlichen Glückwunsch. Wie fühlt sich das neue Amt an?

Lutz Schade: Sehr gut. Ich kann nur sagen: Auf zu neuen Taten!

Haben Sie sich nicht gewundert, dass Sie angesichts von 140 Karnevalsgesellschaften, die dem Festkomitee angehören, keinen Gegenkandidaten hatten?

Nein. Angesichts der Tatsache, dass ich zuvor Vizepräsident war, sehe ich das als Vertrauensvorschuss an. Ich habe ja am Montagabend eine Riesenzustimmung erhalten – ich bin fast einstimmig gewählt worden. Das ist für mich ein Riesenrückhalt und gibt zugleich enormen Schwung für die Zukunft.

Was werden Sie als Festkomitee-Präsident als Erstes angehen?

Die wichtigste Aufgabe ist das Thema Nachwuchs. Beim Kinderkarneval funktioniert das schon sehr gut, aber nach dem Grundschulalter verliert sich die Begeisterung für das Brauchtum. Im Altersbereich zwischen 15 und 35 Jahren liegt der Fokus mehr auf Partys und Feiern in Kneipen – nicht auf dem organisierten Karneval. Das ist teilweise auch verständlich, weil die Menschen in dem Alter mit Berufsfindung und Familienbildung zu tun haben. Aber auf der anderen Seite findet Karneval ja nur zeitweise statt und macht Spaß.

Was schwebt Ihnen da konkret vor?

Zunächst einmal haben wir uns im Vorstand bewusst mit Britta Nassenstein verstärkt, die selbst erst 35 ist und sich um die Belange junger Menschen kümmern soll. Wir wollen die jungen Menschen auf der Zülpicher Straße für den Karneval gewinnen, aber dafür braucht es andere Angebote als die bisherigen. Wir brauchen Formate, die lockerer sind als eine klassische Sitzung, wo man von abends bis nachts auf seinem Platz sitzt und höchstens mal zur Theke geht.

Muss man auch mal deutlich machen, was Karneval überhaupt ist?

Absolut. Wenn wir selbst nicht mehr erklären können, warum wir den organisierten Karneval so feiern, wie wir ihn feiern, dann stimmt etwas nicht. Wir müssen wieder zu einem Erklärungsweg zurückfinden, um diesen Karneval für die jungen Menschen attraktiv zu machen. Wir erarbeiten gerade unter anderem eine Kooperation mit der Universität – auch um das Brauchtum jüngeren Generationen zu vermitteln.

Bei den Tanzgruppen funktioniert das ja ganz gut.

Ja, aber nun kann oder will nicht jeder tanzen. Was die Auftritte betrifft, wollen wir uns auch stärker um den Bühnennachwuchs kümmern. Bei den Bands funktioniert das seit Jahren sehr gut, aber bei Rednerinnen und Rednern nur im Einzelfall. Wir müssen schauen, dass wir auch neue Künstler auf die Bühne bringen, denn davon lebt und verjüngt sich unser Sitzungskarneval.

Markus Ritterbach hat mit einem neuen Festkomitee-Vorstand begonnen, sich vom biederen und verstaubten Image des Dachverbands der Kölner Jecken zu lösen. Christoph Kuckelkorn hat diesen Weg fortgeführt. Gehen Sie auf diesem nun weiter?

Definitiv. Wenn man hier hinter die Kulissen schaut, und ich bin ja seit Oktober 2022 Vizepräsident gewesen, dann findet man im Festkomitee wenig Staub. Aber ich weiß auch, dass viele noch sagen: „Ihr seid nicht nahbar für uns. Und das, was ihr entscheidet, ist für uns auch nicht immer nachvollziehbar oder verständlich.“ Und daran müssen wir arbeiten.

Wird es in Ihrer Amtszeit zum ersten Mal auch ein weibliches Dreigestirn geben?

Das kann ich mir gut vorstellen. Denn: Es gibt ja überhaupt keine Beschränkung in unserer Satzung. Sowohl Männer als auch Frauen können sich bewerben. Und wir suchen dann immer die besten Kandidaten aus.

Also hört bei Frauen der Spaß nicht auf – nachdem es im Kölner Karneval schon einen schwulen Prinzen sowie ein komplett queeres Dreigestirn gab …

Nein, nein, nein. Das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung spielen keine Rolle. Und wenn sich Männer oder Frauen beworben haben, die es dann nicht geworden sind, heißt das nicht, dass diese schlecht waren. Es waren einfach andere besser.

Viele Vereine leiden unter den gestiegenen Kosten, auch das Festkomitee musste zuletzt sparen. Wie planen Sie, dieser Entwicklung entgegenzutreten?

Ich halte es für richtig, dass uns die Stadt materiell wie finanziell unterstützt. Das gehört sich auch so bei 850 Millionen Euro Umsatz, die der Karneval alleine in Köln macht, und an denen 6500 Arbeitsplätze hängen. Aber wir dürfen uns von diesem Zuschuss der Stadt nicht abhängig machen, also müssen wir einerseits weiter eisern sparen und andererseits zusätzliche Finanzquellen für das Brauchtum und vor allem den Rosenmontagszug erschließen.

Wie wollen Sie das erreichen? Durch eine noch stärkere Vermarktung des Produkts Karneval?

Nein. Es gibt hier noch viele Schätze, die man heben kann. Der ganze Bereich Sponsoring wird zum Ressort des Präsidenten wandern – alleine schon aus der Erfahrung heraus, dass Sponsoren sowieso gerne die Spitze sehen. Sponsoring heißt aber nicht, dass man sich kaufen lässt, sondern ich verstehe darunter echtes Mäzenatentum. Da liegt vieles noch brach.

Die Säle waren in der vergangenen Session voll. Aber zugleich steigen die Eintrittspreise weiterhin, die Stange Kölsch kostet zuweilen mehr als 3 Euro. Wird der Sitzungskarneval zum Luxus?

Ich sehe die Gefahr, dass die Schere auseinandergeht und sich viele Jecke auf Dauer das nicht mehr leisten können. Deshalb müssen wir da eingreifen – soweit das möglich ist – denn wir sind ja nicht die Vertragspartner bei den Saalbetreibern. Wir müssen aufpassen, dass gerade die kleinen Vereine nicht abgehängt werden. Diese brauchen mehr Unterstützung als die großen, die zurecht stolz sein können, weil sie aus eigener Kraft so professionell geworden sind. Der Karneval ist vielfältig und jede einzelne Mitgliedsgesellschaft ist uns wichtig.