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Treffen im FragezeichenraumWer sind die Kreativen hinter dem Kölner Rosenmontagszug?

6 min

Das sind die Kreativen hinter dem Rosenmontagszug 2026

Die Kritzelköpp entwerfen die Wagen, die im Kölner Rosenmontagszug zu sehen sind – Heiko Sakurai und Martin Weitz sind zwei von ihnen.

Kölns geheimnisvollste Tür ist dunkelrot und alt. Sie liegt im ersten Stock der Festkomitee-Zentrale am Maarweg und ist nicht zu übersehen, weil auf ihr ein übergroßes Fragezeichen prangt. Es gibt dem Raum dahinter seinen Namen: Fragezeichenraum.

Hier treffen sich die zehn Kreativen, die für die Entwürfe der Rosenmontagszug-Wagen verantwortlich sind: die Kritzelköpp. Normale Menschen dürfen, logisch, nicht hinein, weil hier Ideen und erste Entwürfe diskutiert werden, Reinzeichnungen hängen, auf deren Basis die Wagenbauer ihre Arbeit aufnehmen – weit, bevor die Entwürfe der Öffentlichkeit präsentiert werden.

04.02.2026, Köln: Zeichner Heiko Sakurai und Martin Weitz vor den von ihnen gemalten Wagen. Foto: Arton Krasniqi

Heiko Sakurai und Martin Weitz vor der Tür zum Fragezeichenraum

Wer hinter dieser Tür arbeitet, entscheidet mit darüber, was Köln am Rosenmontag bewegt. Zwei von ihnen: Heiko Sakurai und Martin Weitz. Sakurai, im echten Leben Karikaturist für den „Kölner Stadt-Anzeiger“, ist seit vergangenem Jahr Teil des Teams, Weitz, eigentlich Arzt, ist schon seit 28 Jahren ein Kritzelkopp. Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung. 

Aufruf im „Kölner Stadt-Anzeiger“

Martin Weitz studiert Ende der 90er-Jahre in Köln, zeichnet in seiner Freizeit – und liebt den Rosenmontagszug, seit er denken kann. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ sieht er damals einen Aufruf von Zugleiter Alexander von Chiari, der Leserinnen und Leser nach ihren Ideen für die Persiflagewagen fragt. Weitz schickt vier Zeichnungen, von Chiari will drei haben – und damit ist der junge Mann drin. Joschka Fischer als Marathonläufer, das ist einer der ersten Entwürfe von Weitz, er schafft es in den Zoch 1999. 

10.02.2026, Köln: Zeichner Martin Weitz hinter ihm sein Entwurf des Karnevalswagens. Foto: Arton Krasniqi

Martin Weitz mit einem seiner Persiflagewagen

Als Weitz 1998 einsteigt, gibt es noch keinen Kreativen-Pool, der sich austauscht. Künstlerinnen und Künstler liefern ihre Vorschläge, das Festkomitee hebt oder senkt den Daumen.

Erst in Christoph Kuckelkorns Zeit als Zugleiter ändert sich das: 2005 gründet er die Kritzelköpp und schafft damit eine Kreativengruppe, die zwischenzeitlich sehr groß ist, heute zehn Mitglieder hat und die alle aufkommenden Ideen so lange diskutiert, bis das aus ihrer Sicht Beste herauskommt.

Bundesaußenminister Joschka Fischer als Marathonläufer zur Außenministerkonferenz ist am Rosenmontag (15.02.1999) in Köln beim Rosenmontagszug auf einem Wagen dargestellt. 9000 Jecken beteiligen sich in diesem Jahr am traditionellen Kölner Umzug, über eine Millionen Zuschauer dürften entlang des Zugweges den Höhepunkt des Straßenkarnevals feiern. dpa (Digitale Fotografie) +++ dpa-Bildfunk +++

Fußt auf einem Entwurf von Martin Weitz: der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer als Marathonläufer zur Außenministerkonferenz Rosenmontag 1999 (Archiv)

Darin: Illustratoren, Werber, Kunstmaler, Fotografen, aber eben auch ein Arzt und mit Heiko Sakurai ein Karikaturist. Sein erster Wagen im Rosenmontagszug 2025 heißt „EU Love Island“, die Idee: EU-Staaten, die Geflüchtete auf eine einsame Insel abschieben wollen. 

Der Neu-Kritzelkopp sitzt am Tag der Tage auf einer der Tribünen, wartet gespannt darauf, wie die Reaktionen auf seinen Premieren-Wagen ausfallen – und ist enttäuscht, als die Zug-Moderatoren ihn ganz anders interpretieren.

Und gleichzeitig erinnert das Erlebnis ihn: Die Menschen am Zugweg haben nur rund 40 Sekunden Zeit, den Wagen zu erfassen und zu begreifen. „Er muss darum einfach und sehr klar sein“, sagt Sakurai. Ein Schuss, der muss sitzen. Vielleicht traf das auf seinen Wagen nicht ausreichend zu, Sakurai zuckt die Schultern.

Ein Motivwagen zum Thema Einwanderung ("EU Love Island - Einreisen nach Europa") fährt durch die Straße. Mit den Rosenmontagszügen erreicht der rheinische Straßenkarneval seinen Höhepunkt. Das Motto der Kölner Karnevalssession 2025 lautet «FasteLOVEnd - Wenn Dräum widder blöhe». +++ dpa-Bildfunk +++

Der Wagen „EU Love Island - Einreisen nach Europa“ fußt auf einem Entwurf von Heiko Sakurai (Archiv)

Trump, Rente, Koalitionsstress

Nach dem Zoch ist vor dem Zoch. Also setzen sich die Kritzelköpp schon vor den Sommerferien 2025 mit dem neuen Sessionsmotto „Alaaf, mer dun et för Kölle“ auseinander, sie suchen einen roten Faden, der sich durch den Rosenmontagszug am 16. Februar 2026 ziehen soll. Gewisse Themen stehen schnell fest, weil klar ist, dass sie das Jahr prägen werden. Donald Trump ist mittlerweile ein Dauerbrenner, Rente, Wahlen, Koalitionsstress womöglich.

Was das Weltgeschehen und das in Köln angeht, müssen die Kreativen immer auf Ballhöhe sein, wissen, was Stadt, Land und letztlich auch Welt bewegt. Und zwingend mitbedenken: „Im Zeitungsgeschäft brauchen meine Karikaturen nur bis zum nächsten Tag zu halten – wenn wir einen Wagen zeichnen, muss der aber ja viele Monate später immer noch aktuell sein“, sagt Sakurai.

Rosenmontagzug 2026

Heiko Sakurais Reinzeichnung zum Trump-Wagen

Nach den Sommerferien 2025 wird es ernst, die Vorbereitungen für den Zoch 2026 laufen. Es geht jetzt regelmäßig in den Fragezeichenraum, wöchentlich, manchmal alle zwei Wochen. Jeder und jede bringt sieben bis acht Skizzen mit, zeigt sie den anderen – und dann wird diskutiert. „Das ist sehr direkt und ehrlich, aber es wird nie verletzend“, sagt Heiko Sakurai.

Weitz sagt: „Manchmal verrennt man sich aber auch, und dann ist es gut, wenn man das Korrektiv aus der Gruppe hat.“ Jedem Kritzelkopp ist klar, dass man auch viel für die Tonne zeichnet, dass nicht jede Idee zum Wagen wird. Denn wenn eine oder einer aus der Gruppe „Versteh‘ ich nicht“ sagt, ist das auch in diesem frühen Stadium ein Killer.

„Je heterogener die Gruppe, desto besser der Input“

Was die Gruppe auszeichnet, ist ihre Vielfalt. „Je heterogener, desto besser der Input“, sagt Tanja Holthaus vom Festkomitee. Unterschiedliche Stile, Schwerpunkte, Denkweisen. Hinzu kommen Gäste aus dem Festkomitee-Kosmos, die als Feedbackgeber fungieren – eine Art interne Generalprobe für die Skizzen.

Sakurais erste Rohskizze fertigt er auch heute noch mit Papier und Bleistift an, alles danach entsteht auf einem Zeichen-Pad. Auch Weitz ist von analog zu digital gewechselt, „nachdem ich die Ditib-Zentralmoschee 2012 dreimal mit Tusche neu zeichnen musste“. Denn: Änderungswünsche oder -vorschläge kann es immer geben, auch darauf ist jeder der Kreativen eingestellt. Vom Zugleiter, der bei jeder Kritzelköpp-Sitzung dabei ist, oder von den Wagenbauern, die aus einer 2-D-Zeichnung einen dreidimensionalen Wagen fertigen müssen.

Dabei gilt: Nicht alles ist machbar. „Jenseits von Verständlichkeit gibt es Fallstricke, die wir beachten müssen“, sagt Weitz. So sind die Figuren im Rosenmontagszug beispielsweise in der Höhe begrenzt: Mehr als 4,50 Meter sind in Köln ein No-Go wegen enger Straßen und Unterführungen.  In Köln fahren außerdem Menschen auf den Persiflagewagen mit, das heißt, der Entwurf muss ihnen ausreichend Platz bieten, und die Figur darf ihnen nicht die Sicht nehmen.

Das, so sagt Weitz, ist einer der Unterschiede zu Düsseldorf: „Jacques Tilly macht einen fantastischen Job, aber seine Wagen können immer komplett bebaut werden, weil da eben niemand mitfährt.“ Ein weiterer: Während Düsseldorf heftig bissig-politisch ist, wollen die Organisatoren in Köln laut Weitz ein Familienfest auf die Beine stellen.

Reinzeichnungen bis Oktober zu den Wagenbauern

Bis Oktober 2025 müssen die ersten Reinzeichnungen bei den Wagenbauern sein, damit ausreichend Zeit für Rückfragen und Hinweise bleibt, denn ab November geht es ans Bauen der Wagen. Trotz dieses straffen Zeitplans weiß jeder, dass es immer noch Änderungen geben kann. Weil nun einmal unerwartete Dinge passieren, weil ein Politiker abgesägt wurde beispielsweise oder sich ein Thema komplett anders entwickelt, als die Kritzelköpp das erwartet hatten.

Dann müssen sie den Entwurf ändern, und der Wagen muss auch mal binnen einer Nacht umgebaut werden. „Aber das klappt“, sagt Weitz. Weil die Kommunikation funktioniert, weil sie ein eingespieltes Team sind. Und flexibel.

Das Richtfest zum Rosenmontagszug in Pandemie-Zeiten 2021 fiel anders aus als normalerweise: Man präsentierte einen Miniatur-Zug mit Miniatur-Figuren (Archiv)

Das Richtfest zum Rosenmontagszug in Pandemie-Zeiten 2021 fiel anders aus als normalerweise: Man präsentierte einen Miniatur-Zug mit Miniatur-Figuren (Archiv)

Den ultimativen Beweis, dass dem so ist, tritt das Festkomitee 2021 an. Die Corona-Pandemie legt die Welt lahm, Menschenansammlungen sind riskant, Veranstaltungen fallen flach. Die Zoch-Macher suchen nach einer Alternative für den Rosenmontag – und kommen auf die Idee, mit dem Hänneschen-Theater einen Mini-Zug ziehen zu lassen.

Im Maßstab 1:3 werden Puppen und Wagen gebaut, der Zug ist 32 Meter statt 7,5 Kilometer lang, die Winz-Wagen thematisieren Trump, Corona, Pegida, das Beherbergungsverbot, den Tönnies-Fleisch-Skandal und das Flüchtlingslager Moria. Für Weitz in 28 Jahren und bis heute eine seiner liebsten Zoch-Erinnerungen.

Weil sie sehr gut zeigt, welche Kraft der Karneval, welche Wirkung der Kölner Rosenmontagszug haben kann: „Damals, in dieser finsteren Stunde der Welt, entstand etwas ganz Wunderbares für die Menschen.“ Und das wollen die Kritzelköpp, die Wagenbauer, alle, die am Zoch mitarbeiten, Jahr für Jahr: Freude, Überraschung, Witz und ein wenig Zauber schenken.

Darum heißt es vor den Sommerferien 2026 auch wieder: Treffpunkt Fragezeichenraum. Hinter Kölns geheimnisvollster Tür.


Das ist das Kreativgremium Kommando Kritzelköpp

Marc Michelske, Ralf Remmert, Saskia Gaymann, Gerd Kaspar, Heiko Sakurai, Dirk Schmitt, Martin Weitz, Stefan Worring, Jacky Beumling, Dieter Beumling

Das sind die Wagenbauerinnen und -bauer (Teamleiter)

Werner Blum, Halina Labusga, Lisa Labusga-Matthiesen, Jörg Liebetrau, Aaron Paffenholz, Ariane Paffenholz, Jan Ptassek

Der Zoch in Zahlen

  1. Ca. 11.500 Teilnehmer insgesamt
  2. 3029 Fußgruppenteilnehmer
  3. 749 Kinder- und Jugendtanzgruppenmitglieder
  4. 1560 Teilnehmer auf den Wagen
  5. 1122 Musiker (60 Kapellen)
  6. 3469 Helfer
  7. 74 Gruppen, davon zehn Gastgrupppen
  8. Zugstrecke: 7,5 Kilometer, der Zug selbst ist mehr als acht Kilometer lang