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45 Jahre „Nehring“Der Fritten-Fels am Zülpicher Platz – Der Chef trägt Weiß

6 min
02.04.2026, Köln: Außenansicht des Imbiss Nehring (Schnellrestaurant Nehring) am Zülpicher Platz.

Foto: Michael Bause

Seit 45 Jahren am Zülpicher Platz: der Imbiss „Nehring“. Am Wochenende ist bis 4 Uhr geöffnet.

Seit 1981 betreibt die Familie Ivkovic das „Schnellrestaurant Nehring“. Sie zieht eine überraschende Bilanz, was die Verhältnisse auf der Zülpicher Straße angeht.

Der Mann mit dem weißen Kittel ist immer noch da. Generationen von Kölnern kennen ihn. Mancher erzählt sogar: „Der hat mir in einer durchzechten Nacht früher öfter das Leben gerettet.“ Das Leben gerettet mit Pommes Rot-Weiß und einer Currywurst. Oder einer Portion Gyros.

Der Mann mit dem weißen Kittel ist Stanko Ivkovic, 76 Jahre alt und Seniorchef von „Nehring“ am Zülpicher Platz. Eigentlich ist er längst pensioniert. „Aber ich war zwei Tage zu Hause und da wurde mir zu langweilig“, sagt er. Deshalb unterstützt er seinen Sohn Michael im „Schnellrestaurant“. Dieses inzwischen aus dem Sprachgebrauch weitgehend verschwundene Wort steht nach wie vor groß an der Fassade.

Stanko Ivkovic (l.) und sein Sohn Michael. Der weiße Kittel ist das Markenzeichen des Vaters.

Stanko Ivkovic (l.) und sein Sohn Michael. Der weiße Kittel ist das Markenzeichen des Vaters.

Der „Nehring“ ist ein Begriff. Die Familie führt den Imbiss seit 45 Jahren, seit 1981, wie ebenfalls an der Fassade zu lesen ist. An das Jubiläum haben die Betreiber aber bis zum Anruf dieser Zeitung gar nicht gedacht. „Der Alltag geht einfach so dahin“, sagt der Sohn. Und warum heißt der Imbiss „Nehring“, wenn doch hier die Ivkovics arbeiten? Gegründet wurde der Laden 1978 vom Kölner Metzgermeister Nehring, der auch einige Metzgereien hatte. Stanko Ivkovics Frau – Michaels Mutter – war hier angestellt. Sie hatte zuvor bei Stausberg auf der Schildergasse gearbeitet – ältere Kölner werden sich erinnern, dass es auf der Fußgängerzone tatsächlich einmal eine Metzgerei gab.

Der Name „Nehring“ stammt noch vom Vorbesitzer

1981 übernahm sie mit ihrem Mann, gelernter Metallbauer, den Imbiss. Und der Name blieb. „Der war halt schon eingeführt und wir wollten kein Risiko eingehen“, sagt Michael Ivkovic. Seitdem ist eigentlich auch alles andere unverändert geblieben. Im fast unkaputtbar schmucklosen Ambiente gibt es neben Pommes vor allem gutbürgerliche Küche: Rouladen, Braten, Gulasch – alles selbst zubereitet –, freitags Spiegelei mit Spinat. „Mittags haben wir immer ein Gericht für 8,90 Euro, da kommen viele ältere Leute“, sagt der Juniorchef. Ein Fels in der Brandung von Falafel-Dumpling-Porridge-Cheesecake-Zimtschnecken-Wellen auf der Zülpicher Straße. Die Gäste wollen ganz offensichtlich keine Neuerungen. Nudeln mit Gemüse und Salat mit Putenbrust habe man mal auf die Karte genommen, so Michael Ivkovic, aber es gab keine Nachfrage.

31.03.2026 Köln. Jubiläum im Imbiss Nehring am Zülpicher Platz: Die Familile Ivkovic führt das Geschäft seit 45 Jahren. Vom Mittagstisch bis 4 Uhr morgens gibt es hier alles von der Roulade bis Gyros. Foto: Alexander Schwaiger

Der Mann mit dem weißen Kittel ist fast immer da.

Berühmt ist „Nehring“ für seine Öffnungszeiten. Wochentags wird hier bis 1 Uhr, an Wochenenden bis 4 Uhr verkauft. Ist das nicht oft brenzlig? Vater und Sohn sind sich einig: Früher gab es mehr Schlägereien im Zülpicher Viertel. „Die Aggressivität hat nicht zugenommen“, sagt Michael Ivkovic. Er kann sich nur an einen einzigen dramatischen Vorfall erinnern. „Das war vor etwa 20 Jahren. Da hat ein Gast einen anderen mit einer zerbrochenen Bierflasche verletzt. Überall war Blut. Die anderen Gäste haben sofort geholfen.“

Weitgehend schmucklos und pflegeleicht ist das Ambiente im „Nehring“.

Weitgehend schmucklos und pflegeleicht ist das Ambiente im „Nehring“.

Die Polizei müsse natürlich dennoch öfter mal gerufen werden, etwa wenn Betrunkene Ärger machen. „Wir melden uns mit: Hier ist Nehring. Mehr brauchen wir gar nicht zu sagen. Die wissen Bescheid und sind innerhalb von Minuten da. Die sind ja nachts sowieso hier in der Gegend.“

Auf der Feiermeile sei insgesamt weniger los als früher. „Seit Corona“, sagt der Vater. „Früher konnte man oft die Tür nicht zumachen, weil eine lange Schlange bis auf die Straße anstand, das gibt es nur noch selten.“ Die Studenten würden weniger feiern gehen und auch nicht mehr bis in den frühen Morgen. Die Familie spürt sehr, dass der „Centclub“ um die Ecke am Ring, den viele Studenten besuchten, seit 2024 geschlossen ist. Auch im „Venus Celler“ gleich nebenan, der am Wochenende bis 8 Uhr geöffnet hat, sei nicht mehr so viel Publikum wie früher. Verlässliche Gäste sind dagegen alle, die nachts arbeiten müssen: KVB- und Taxifahrer, Polizisten.

76-jähriger Vater macht die Nachtschicht bis 4 Uhr morgens

Der Vater macht mit seinen 76 Jahren die Spät- und Nachtschicht bis in den frühen Morgen. Das mache ihm nichts aus, sagt er. Er schläft bis 14 Uhr, das reiche dann. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich esse kein Fleisch.“ Er zeigt auf seinen flachen Bauch: „Welcher 76-Jährige sieht so aus?“, fragt er stolz.

Sohn Michael Ivkovic hat Installateur gelernt. „Aber da kann man mit niemandem sprechen bei der Arbeit.“ Hier habe man immer Kontakt zu Menschen. „Ich bin hier reingeboren, habe schon als Kind hier gesessen oder Flaschen in Kisten eingeordnet.“ Seine eigenen Kinder allerdings wollen andere Wege gehen. Die 15-jährige Tochter habe gesagt: Auf keinen Fall wolle sie das machen. „Sie weiß ja, wie viel man hier arbeiten muss.“ Der zwölf Jahre alte Sohn spielt bei der FC-Jugend und will Fußballer werden.

Die Hähnchen drehen sich Tag und Nacht. Das Fleisch bereitet die Familie selbst zu.

Die Hähnchen drehen sich Tag und Nacht. Das Fleisch bereitet die Familie selbst zu.

„Ich fühle mich hier frei, Angestellter möchte ich nicht sein. Und ich finde die persönlichen Kontakte schön.“ Er schaut sich beim Gespräch am Nachmittag um und sagt: „Ich kenne fast alle, die gerade hier sitzen, wenn auch nicht mit Namen. Wir haben hier zu 80 Prozent Stammkunden.“ Und die hätten viel Vertrauen in die Familie und umgekehrt. Da war zum Beispiel das Paar, das sich getrennt hatte. „Der Mann hatte wohl wenig Geld und die Frau hat uns gesagt, dass sie die Essensrechnung für ihren Mann bezahlt. Wir haben ihm dann einfach gesagt: Ist schon bezahlt. Und die Frau hat Wort gehalten.“

Klassiker laufen seit Jahrzehnten, der Salat mit Putenbrust nur kurz.

Klassiker laufen seit Jahrzehnten, der Salat mit Putenbrust nur kurz.

Vater Stanko Ivkovic ist ein Charmeur ganz alter Schule und scherzt mit den Kunden – besonders mit den weiblichen – in seinem fantasievollen Deutsch. „Mein Vater ist sehr sozial, er verschenkt auch schon mal etwas, wenn er sieht, dass die Leute kein Geld haben.“ Eine seiner schönsten Belohnungen: Eine Frau, die in den 1990er Jahren in Köln studiert hatte, kam aus ihrer neuen Heimat Sydney zurück in die Stadt und schaute im Imbiss vorbei. „Da ist ja der Mann im weißen Kittel, der mir damals Pommes geschenkt hat!“, hätte sie gesagt und sich sehr gefreut. Es gab Umarmungen und ein gemeinsames Foto.

Im Gegensatz zum Vater trägt der Sohn keinen Kittel. „Darin wird mir einfach zu warm bei der Arbeit.“ Der Vater bleibt dabei, der bügelt sogar selbst. „Ich muss sparen, ich alter Sack“, sagt er und lacht. „Früher trugen alle Kittel, auch die Apotheker. Das gehörte einfach zum Geschäft. Und heute: Katastrophe“, schimpft er, schaut seinen Sohn an und lacht.

Ans Aufhören hat die Familie in all den Jahrzehnten nur ein einziges Mal gedacht. 2015 starb die Mutter und die Zeit stand still. „Vor dem Eingang hatten viele Leute Blumen hingelegt und es war das einzige Mal, dass wir ein paar Tage geschlossen hatten.“ Dann aber hätten sie das Gefühl gehabt, dass die Arbeit und das Zurück in das Hamsterrad helfen würden. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Familienangelegenheit – denn ein Großteil der Mitarbeiter sind Verwandte. Die Ivkovics stammen aus Kroatien, hier wurde die Mutter begraben. Und hierhin geht es auch jedes Jahr in den Urlaub. Allerdings können niemals alle gemeinsam fahren. Der Imbiss schließt nie. „Die Betriebskosten, zum Beispiel die Miete, sind einfach zu hoch. Betriebsferien sind da nicht drin“, sagt Michael Ivkovic.

Und da ist auch nach all den Jahren noch immer die Angst, dass die Kunden das falsch verstehen könnten. Letztens hat er neu streichen lassen – in sehr dezenten Farben, „abwaschbar“, wie er betont – und deshalb statt um 12 Uhr erst um 14 Uhr geöffnet. „Da standen die Leute schon vor der Tür und fragten, ob etwas nicht in Ordnung ist.“ Sie machten sich Sorgen um ihren „Nehring“.