Kölner Politikerinnen und Politiker sehen im Grünen-Wahlsieg in Baden-Württemberg mit Cem Özdemir als Spitzenkandidaten einen Meilenstein.
Kölner StimmenDas sagen Politiker mit migrantischer Familiengeschichte zu Özdemirs Erfolg

Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) wird nach dem Sieg der Grünen in Baden-Württemberg wahrscheinlich Ministerpräsident.
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Cem Özdemir war 28, als er in den Bundestag einzog – als erster Politiker mit türkischen Eltern in Deutschland. Mit 55 wurde er Bundeslandwirtschaftsminister. Dass er jetzt, mit 60, wahrscheinlich Ministerpräsident von Baden-Württemberg werde, sei „ein historischer Moment“, sagt Berivan Aymaz, Kölner Landtagsabgeordnete der Grünen. „Das erfüllt nicht nur mich, sondern viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte mit großem Stolz.“
Özdemir sei „ein wahrer Freund und ein herausragender Politiker, der mehrfach bewiesen hat, dass er sich nicht davor scheut, auch in schwierigen Zeiten Verantwortung zu übernehmen“, sagte Aymaz, die als OB-Kandidatin im Herbst in der Stichwahl gegen Torsten Burmester (SPD) unterlag, am Montag dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Berivan Aymaz, Kölner Landtagsabgeordnete der Grünen (Archivbild)
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Für sie sei Özdemir „seit vielen Jahren ein verlässlicher Mitstreiter, gerade wenn es um Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten geht. Erinnern wir uns etwa an die Resolution zur Anerkennung des Genozids an den Armeniern; diese wäre ohne seine Hartnäckigkeit nicht möglich gewesen. Mit seiner klaren Haltung stellt er sich auch den Anfeindungen von Nationalisten jeglicher Couleur“, so Aymaz, die sechs Jahre alt war, als sie mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam.
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Serap Güler bezeichnete Özdemir als „Riesenvorbild“
Serap Güler, Kölner CDU-Vorsitzende und Staatsministerin im Auswärtigen Amt, hatte Cem Özdemir gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ schon vor Jahren als „Riesenvorbild“ bezeichnet. Als der in den Bundestag einzog, sei das „weltbewegend“ gewesen. Allein, weil er das geschafft habe, sei sie ein Fan von ihm gewesen – nur wegen Özdemir habe sie sich damals sogar vorstellen können, die Grünen zu wählen. Am Montag wollte sich Güler aktuell nicht zur Özdemir äußern. Aus Rücksicht – „dafür ist der Frust der CDU-Kollegen in Baden-Württemberg verständlicherweise zu groß gerade“, sagte sie.

Tayfun Keltek, Vorsitzender des Kölner Integrationsrats (SPD) (Archivbild)
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„Özdemirs Wahl steht symbolisch dafür, dass die Menschen mit internationaler Geschichte ganz angekommen sind“, sagt Tayfun Keltek, Vorsitzender des Kölner und des NRW-Integrationsrats. „Es ist höchste Zeit, dass es so weit ist“, sagt Keltek, der seit vielen Jahren dafür kämpft, dass auf kommunaler Ebene auch Menschen wählen dürfen, die keinen deutschen Pass haben, aber seit fünf Jahren hier leben. „Dass Cem Özdemir in der Migrationspolitik eine Wende hingelegt hat und sich für mehr Härte ausspricht, finde ich befremdlich“, sagt Keltek. „Das ändert nichts daran, dass seine Wahl in Baden-Württemberg ein sehr gutes Zeichen ist, das vielen Menschen Mut macht.“

Derya Karadag ist als Kölner Bürgermeisterin erste Stellvertreterin von Oberbürgermeister Torsten Burmester.
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„Die Wahl von Cem Özdemir ist von großer Bedeutung. Dass er der erste türkischstämmige Ministerpräsident werden könnte, ist ein großer Schritt für die Integration in Deutschland“, sagt Derya Karadag (Grüne), als Bürgermeisterin erste Stellvertreterin von Oberbürgermeister Torsten Burmester. Internationale Herkunftsgeschichte müsse „auf dem Fußballplatz genauso zur Normalität gehören, wie am Arbeitsplatz oder in politischen Spitzenämtern“.
Sie freue sich für Özdemir, den sie persönlich kenne. „Ich verbinde mit ihm immer vollen Wahlkampf-Einsatz. Das nehme ich mir auch persönlich zum Vorbild.“ Özdemir verkörpere für sie Lokalkolorit und Nahbarkeit – „eine perfekte Mischung, um Politik authentisch zu vermitteln“. Cem Özdemir sei „nah bei den Menschen und versucht, auch komplexe Themen einfach und für alle verständlich zu erklären. Nur mit dieser Art von Vertrauen kann Politikverdrossenheit entgegengetreten werden.“

Dîlan Yazicioglu, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Kölner Grünen
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„Während in Berlin manche Parteien noch überlegen, wie weit man der AfD entgegenkommen darf, haben die Grünen im Südwesten eine Landtagswahl gewonnen“, sagt Dîlan Yazicioglu, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Kölner Grünen im Stadtrat. „Das ist nicht nur ein guter Abend für die Grünen und ein guter Abend für die Demokratie. Und ein Beweis dafür, dass die Gesellschaft oft schon da ist, wo die Politik erst noch hinkommen muss!“

