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Attentat auf Kölner StraßeKomplizin hielt den Daumen nach oben, dann fielen die Schüsse

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Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Jonas Bau beim Prozessauftakt im Landgericht Köln

Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Jonas Bau beim Prozessauftakt im Landgericht Köln

Ein 21-Jähriger muss sich vor dem Kölner Landgericht verantworten. Er soll das Fluchtauto nach einem Mordversuch gefahren haben.

Die Anklageschrift beginnt harmlos mit der „Bildung einer Freundesgruppe“ und endet mit einem Mordanschlag auf offener Straße im Kölner Stadtteil Holweide. Auf einen 33-jährigen Kölner wurde hinterrücks geschossen – und viele Personen waren daran in unterschiedlicher Intensität beteiligt. Seit Montag muss sich ein mutmaßliches Bandenmitglied vor dem Kölner Landgericht verantworten, der 21-Jährige fuhr am Tattag den Fluchtwagen. Beim Prozessauftakt gab er sich eher unwissend.

Köln: Mordplan gegen Konkurrenten geschmiedet?

Aus der Freundesgruppe sei schnell eine Drogenbande geworden, so trug es der Staatsanwalt in Saal 32 des Justizgebäudes vor. Marihuana sei verkauft worden, später auch Kokain. Der Angeklagte Mehmet Ö. (Name geändert) habe Autos angemietet, Kurierfahrten übernommen und auch selbst Drogen verkauft, heißt es in der Anklageschrift. Die Gruppierung soll dann in einen Streit mit einem Konkurrenten geraten sein. Zur Vergeltung sei der Plan entstanden, den Mann erheblich zu verletzen.

Die Polizei am Tatort nach der Schussabgabe auf der Bergisch Gladbacher Straße.

Die Polizei am Tatort nach der Schussabgabe auf der Bergisch Gladbacher Straße.

Die Gruppe um den Angeklagten band laut Anklage eine junge Frau aus Holweide ein, schickte ihr Fotos der „Zielperson“ aus Social-Media-Kanälen im Internet. Die Komplizin sollte sich beim Bandenboss melden, sobald sie den Konkurrenten auf der Straße erblicke. Und das soll sie an jenem Sonntagabend im Januar 2025 auch getan haben. Sie habe den Mann an der Ringenstraße gesehen, woraufhin der Bandenboss laut Staatsanwaltschaft entschieden habe, „den Plan umzusetzen“.

Der Chef habe einen weiteren Komplizen verständigt, der sich gerade in der Nähe aufgehalten habe. Dieser sei bewaffnet gewesen und habe den Auftrag bekommen, auf den arglosen Konkurrenten zu schießen. Der Auftraggeber habe dabei auch billigend in Kauf genommen, dass dieser bei dem Attentat versterben könne. Der Schütze begab sich laut Anklage auf die Bergisch Gladbacher Straße. Bei der Hinweisgeberin soll er sich noch vergewissert haben, den richtigen Mann im Visier zu haben.

Köln: Daumen nach oben, dann fielen die Schüsse

Die 20-Jährige zeigte laut Staatsanwalt mit dem Daumen nach oben, woraufhin der Beauftragte auf den Mann geschossen haben soll. Vier oder fünfmal drückte der Schütze laut Anklage ab. „Eine Kugel blieb im Ellbogen stecken“, so der Staatsanwalt, eine weitere habe sich in den Hintern des Opfers gebohrt und den Oberschenkel durchschlagen. Kurz darauf hätten der Angeklagte und die Komplizen den Tatort erreicht. Aus dem Auto heraus sei der Schwerverletzte dann noch beschimpft worden.

Mehmet Ö. und seine Mitstreiter hätten erkannt, dass das Opfer tödlich verletzt sein könnte, und seien dann einfach weggefahren. Ein Begleiter und Zeugen kümmerten sich um den Mann, der Rettungsdienst und die Polizei wurden verständigt. Ein bis zwei Liter Blut habe der Geschädigte verloren, berichtete der Staatsanwalt, er habe sich in einem lebensbedrohlichen Zustand befunden. Die Ärzte konnten das Leben des Mannes retten. Er wurde mehrfach operiert und lag auf der Intensivstation.

Über seinen Verteidiger Jonas Bau gab der Angeklagte Mehmet Ö., dem Beihilfe vorgeworfen wird, an, zu keinem Zeitpunkt in den mutmaßlichen Mordplan involviert gewesen zu sein. Bau stellte seinen Mandanten als einen Handlanger in der bereits bestehenden Drogenbande dar. Er sei erst spät zu der Gruppierung hinzugestoßen und habe vor allem Fahrdienste verrichtet. Nach den Schüssen sei er in Panik geraten und habe seine „Kollegen“ zur Rede gestellt. „Was soll die Scheiße?“, habe er sinngemäß gefragt.

Köln: Selfie am Baggerloch nach den Schüssen in Holweide

Er habe sich dann aber dem Bandenboss wieder untergeordnet und die Männer auf dessen Geheiß zu einem Baggerloch in der Nähe gefahren. Da habe man zusammen gekifft und ein Foto gemacht. Die Aufnahme zeigte der Vorsitzende Richter Ansgar Meimbach im Gerichtssaal. Zu sehen sind die Mitglieder der Bande und der mutmaßliche Schütze. Der Chef zeigt triumphierend eine „67“ in die Kamera – laut Ermittlern ein Verweis auf den Stadtteil Holweide mit der Postleitzahl 51067.

Die Haupttäter wurden bereits zu erheblichen Haftstrafen – allerdings auch wegen eines zusätzlichen Raubdelikts – verurteilt. Der mutmaßliche Schütze und der laut Gericht Auftraggeber erhielten jeweils elf Jahre Gefängnis. Ein weiterer Beteiligter muss fünf Jahre in Haft. Die junge Frau, die den Tipp auf den Aufenthaltsort des Opfers gab, wurde nach Jugendstrafrecht lediglich verwarnt. Sie wurde angewiesen, mit einem sozialen Träger ein Perspektivgespräch für ihre Zukunft  zu führen.

Köln: Angeklagter hofft auf Haftentlassung nach dem Prozess

Der Prozess gegen Mehmet Ö. findet erst jetzt statt, nachdem er dem Vernehmen nach in der Verhandlung gegen die Komplizen als Fahrer benannt worden war und seitdem als weiterer Hauptverdächtiger galt. Derzeit befindet er sich in Untersuchungshaft in der JVA Köln-Ossendorf. „Ich denke viel nach und bin zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht dazu hätte kommen dürfen“, sagte er. Er koche im Gefängnis viel und mache Kraftsport, um seinen lädierten Rücken zu stärken.

Sein Ziel sei es, nach dem Prozess nicht mehr ins Gefängnis zu müssen. Sollte dies nicht funktionieren, wolle er in der Haft seinen Realschulabschluss nachholen. Eine Ausbildung zur Pflegefachkraft soll folgen. Ein Wunsch, den er auf den Krebstod seiner Mutter zurückführe. Ob der nicht vorbestrafte 21-Jährige das Gefängnis verlassen kann oder mehrere Jahre in Haft muss, entscheidet sich bis voraussichtlich Mitte April. Bis zur Urteilsverkündung sind noch sechs Verhandlungstage eingeplant.