Sieben Angeklagten drohen teilweise hohe Haftstrafen. Sie sollen einen Handel mit der künstlichen Droge „Spice“ betrieben haben.
Strafprozess in KölnBande handelt mit gefährlicher „Kräutermischung“

Eine mit Drogen versetzte „Kräutermischung“ („Spice“) ist derzeit Gegenstand einer Verhandlung am Landgericht Köln.
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Als harmlose „Kräutermischung“ zur geschmackvollen Beräucherung von Räumen deklariert, begann vor rund 20 Jahren der Vertrieb der synthetischen Droge „Spice“. Doch sehr schnell wurde klar: Die synthetischen Substanzen mit pflanzlichem Anteil wurden von den Konsumenten geraucht – die Auswirkungen gelten als deutlich stärker und unberechenbarer als herkömmliches Marihuana. Vor dem Kölner Landgericht sitzen seit Freitag sieben Personen auf der Anklagebank. Sie sollen einen schwunghaften Handel mit der künstlichen Droge betrieben oder zumindest dabei geholfen haben.
Köln: Drogenbande für „Spice“ aus Portugal gelenkt
Als Schlüsselfigur des Verfahrens gilt der 40-jährige Sascha K. – der aus dem Kölner Umland stammende Mann soll als Kopf einer Bande agiert und die Geschäfte von Portugal aus geführt haben. Die Staatsanwaltschaft spricht von mindestens sechs Millionen Euro, die der Mann mit den illegalen Geschäften verdient haben soll. Entsprechend luxuriös soll sich auch der Lebensstil des Beschuldigten entwickelt haben. Häuser am Meer mit Schwimmbad und Whirlpool soll der Angeklagte laut Staatsanwalt besessen haben, auch ein Boot und einen Porsche Panamera im Wert von 150.000 Euro.

Die sieben Angeklagten mit ihren Verteidigern beim Prozessauftakt im Kölner Landgericht
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Alle drei Monate soll Sascha K. etwa 30 Kilogramm verschiedener Substanzen bei einem Händler in China bestellt haben. Als der Handel in dem asiatischen Land verboten worden sein soll, half ein Händler aus den Niederlanden aus. Zunächst soll der Mann einen Online-Shop betrieben haben, dann nach dessen Schließung auf reinen E-Mail-Kontakt zu Kunden umgestiegen sein, um das Geschäft weiter betreiben zu können. Komplizen halfen laut Anklage bei der Weiterverarbeitung der Drogen und als Strohleute mit der Erstellung von Konten, auf die die Kundengelder letztlich landen sollten.
Köln: Bande wurde durch gestrandete Paketsendungen enttarnt
Eine 46-Jährige ist angeklagt, weil sie ein Postfach für Warenrückläufer betrieben haben und einen Neuversand durchgeführt haben soll. Viele Sendungen, die auch per Nachnahme verschickt wurden, kamen offenbar nicht beim Empfänger an. 96 Pakete strandeten sogar in einem Postzentrum in Marburg. Laut Staatsanwalt flog der Handel auf, nachdem die Sendungen geöffnet wurden. Die Polizei richtete daraufhin eine Ermittlungsgruppe mit dem passenden Namen „Kräuterhexe“ ein. Nach und nach wurden mutmaßliche Mitglieder der Bande ausfindig gemacht, teilweise verhaftet.
Laut Anklage hatte der Hauptbeschuldigte auch ein Geschäftstreffen in einem Kölner Hotel abgehalten. Da er mit seinem Porsche zu dem Termin gefahren sei, gelte das Fahrzeug als Tatmittel. Das Auto und auch die Immobilien und das Boot sollen aber ohnehin eingezogen werden – denn die erbeutete Summe müsste Sascha K. bei einer Verurteilung zurückzahlen. Ob es sich tatsächlich um sechs Millionen Euro handelt, muss der Prozessverlauf zeigen. Richter Achim Hengstenberg gab bekannt, dass K. bei einem Geständnis eine mögliche Strafe von unter zehn Jahren Haft drohe.
Köln: Mittäter legt im Gerichtssaal umfassendes Geständnis ab
Zunächst hatte sich in Saal 112 des Kölner Justizgebäudes ein studierter Informatiker zu Wort gemeldet. Über Online-Spiele sei er in die Gruppierung rund um Sascha K. hineingeraten, berichtete der Mann mit deutschem und englischem Pass. Er habe damals in England gelebt, habe unter Depressionen gelitten und sich geritzt. Sascha sei mit seiner Lebensgefährtin und den Kindern überfordert gewesen. „Er bat mich, nach Portugal zu kommen. Ich fühlte mich gebraucht von einem Freund“, sagte der 35-Jährige. Er habe sich, dort angekommen, zunächst um den Haushalt gekümmert.
In die Geschäfte rund um „Spice“ sei er später einbezogen worden. So habe er sich um die IT gekümmert und die Nachverfolgung von Paketen. Allerdings sei ihm zunächst versichert worden, dass ein Anwaltsgutachten die Tätigkeiten als legal eingestuft habe. Wirklich dran geglaubt habe er aber nicht. Denn dann hätte man sich die Eröffnung von Bankkonten in diversen Ländern auch sparen können. Er selbst habe in Dubai sogar eine Scheinfirma eröffnen sollen. Als das gescheitert sei, habe der mutmaßliche Bandenboss Sascha K. gereizt reagiert und ihn in der Gruppe wieder degradiert.
Etwa 4000 Euro soll der 35-Jährige damals laut Akten verdient haben. Dem widersprach der Mann, er habe lediglich kleinere Beträge zum Leben erhalten. Anfang 2023 sei er komplett aus der Gruppierung ausgestiegen, nachdem er von einer Hausdurchsuchung durch die Polizei erfahren habe. Mit seiner schwangeren Ehefrau sei er nach England zurückgekehrt. Mit legalen Mitteln hätten sie ihr Familienleben bestritten – bis zur Verhaftung im vergangenen Jahr. „Da hat uns unsere Zeit in Portugal eingeholt.“ Im aktuellen Prozess sind noch sechs Verhandlungstage bis Ende April eingeplant.
Köln: Synthetische Drogen derzeit großes Problem in Gefängnissen
Die „Spice“-Drogen laufen unter dem Namen „Neue Psychoaktive Stoffe“ (NPS) und sorgen derzeit auch in Gefängnissen in Nordrhein-Westfalen für Unruhe. So können die Substanzen leicht in die Haftanstalten geschmuggelt werden. „Das Zeug wird auf ein Blatt Papier aufgetragen und ist geruchs- und farblos, also quasi unsichtbar“, hatte ein Bediensteter der JVA Rheinbach zuletzt dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ erläutert. Das sogenannte „Knastpapier“ komme meist über die normale Post in das Gebäude. Kleine Schnipsel gelten später als Konsumeinheit, die in Zigaretten gedreht werden können.
Aus einem DIN A4-Blatt können Dealer im Knast mehr als 2000 Konsumeinheiten herstellen, die sie relativ günstig an ihre Mithäftlinge verkaufen. In der JVA Rheinbach sei es mehrfach vorgekommen, dass Häftlinge auf dem Pausenhof kollabiert seien und ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Das Gefängnis ist jetzt dazu übergegangen, eingehende Post nur noch als Kopie an die Insassen herauszugeben. Papierseiten, die so aussehen, als seien sie zuvor angefeuchtet worden, gelten als hochverdächtig – sie werden zusätzlich mit einem neuen und speziellen Analysescanner überprüft.

