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Köln früher und heuteDer „Kölsche Boor en Iser“ – von einer Holzfigur zum Riesen aus Eisen

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Der „Kölsche Boor en Iser“ steht am Gürzenich.

Historische Aufnahme aus dem Jahr 1915: Der „Kölsche Boor en Iser“ am Gürzenich spielte während des Ersten Weltkriegs 1,6 Millionen Mark ein.

Mit der über drei Meter großen Figur wurde im Ersten Weltkrieg Geld für Witwen, Waisen und die Rüstungsindustrie gesammelt.

Der Erste Weltkrieg tobte schon ein Jahr lang, als am Gürzenich ein Riese mit Schwert auftauchte. Es war der „Kölsche Boor en Iser“, also der Kölsche Bauer in Eisen, der in einem kunstvoll gestalteten Kuppelbau Stellung bezog. Wobei das imposante Standbild nicht aus Eisen bestand, sondern aus teilweise vergoldetem Lindenholz. Das Eisen kam erst später hinzu: Gegen eine kleine Spende durfte jeder Kölner einen Nagel in den Bauern schlagen, der auf diese Weise allmählich eine Ritterrüstung erhielt.

Bild von der Stelle, an der früher der „Kölsche Boor“ stand.

Vier Jahre lang stand der „Kölsche Boor“ an der Südseite des Gürzenichs und spielte Geld für Kriegerwitwen und Kriegswaisen ein.

Enthüllt wurde der wehrhafte Bauer am 20. Juni 1915, das Geld und die Idee dafür hatte Unternehmer Max von Guilleaume beigesteuert. Den ersten Nagel schlug Victoria Prinzessin von Schaumburg-Lippe, Schwester von Kaiser Wilhelm II., in das Holz. Patriotische Worte fand der Kölner Oberbürgermeister Max Wallraff: „Und mit jedem Hammerschlag, der in das Standbild die eiserne Rüstung treibt, wollen wir geloben, keinen Schweiß und kein Opfer zu scheuen, bis der Sieg, die Frucht dieser Zeit, endgültig geborgen ist.“

Für eine Mark durfte ein Nagel in den Boor geschlagen werden

Den Pavillon an der Südseite des Gürzenichs hatte Franz Brantzky gestaltet, den Boor Bildhauer Wolfgang Wallner. Der 3,25-Meter-Hüne avancierte zum beliebten Ausflugsziel der Kölner. Für mindestens eine Mark durfte jeder handwerklich tätig werden, gegen höhere Beträge gab es eine Plakette mit dem Namen des Stifters. „Es wurden auch Schulklassen angehalten, zu spenden“, sagt Johanna Cremer, im Kölnischen Stadtmuseum wissenschaftliche Referentin für die Abteilung Brauchtum: „Und im Anschluss hatten die Stiftergruppen die Möglichkeit, sich zum Andenken mit dem ‚Boor‘ ablichten zu lassen.“ Mit den Einnahmen seien vor allem Kriegerwitwen und Kriegswaisen unterstützt worden. In Einzelfällen gingen Spendenbeiträge auch an die Rüstungsindustrie. Das Vorbild für die Aktion lieferte Wien, wo schon 1914 eine Holzskulptur zum Benageln aufgestellt wurde.

„Kölschen Boor“

Abbildung des „Kölschen Boor“

Die Figur des Bauern tauchte in Köln bereits im 15. Jahrhundert auf. „Der Kölner Bauer ist ursprünglich ein Symbol, das die Stellung der Stadt Köln in der Ständeordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zum Ausdruck bringt“, so Cremer. In dieser Ordnung war Köln als eine der vier bäuerlichen Reichsstädte ganz unten angesiedelt. Später wurde der Bauer zum Symbol der Verbundenheit von Stadt und Ständen mit dem Reich. Als Teil des Dreigestirns gehört er noch immer zur Kölner Folklore. An der Eigelsteintorburg und im Historischen Rathaus ist er als Steinfigur zu sehen.

Während der Boor meistens mit Stadtschlüsseln und Dreschflegel gezeigt wurde, hielt er am Gürzenich ein Schwert in den Händen. „Es ist ein kriegerischer Bauer, ein streitbarer Recke“, sagt Expertin Cremer: „Gerade in Kriegs- und Krisenzeiten griff man gern auf Symbole der Vergangenheit zurück, um die Herausforderungen der Gegenwart auszuhalten.“ 1919 war der Krieg längst verloren und der Boor in einem bedenklichen Zustand. „In gemeinster Weise“ sei das Standbild zuletzt verunreinigt worden, schrieb die „Kölnische Zeitung“ Anfang des Jahres, mehrfach seien auch Erinnerungszeichen und Eichenblätter für gefallene Kölner „Helden“ gestohlen worden.

Der mit Eisennägeln und Plaketten benagelte „Kölsche Boor“ befindet sich heute im Depot des Kölnischen Stadtmuseums.

Der mit Eisennägeln und Plaketten benagelte „Kölsche Boor“ befindet sich heute im Depot des Kölnischen Stadtmuseums.

Der Boor siedelte zu seinem Schutz in den Börsensaal des Gürzenichs um und ging bald in Rente. Der Pavillon wurde abgebrochen. Heute befindet sich der „streitbare Recke“, der immerhin 1,6 Millionen Mark eingespielt hatte, nach vielen Umzügen im Depot des Kölnischen Stadtmuseums. An der Minoritenstraße, wo seit wenigen Jahren die Dauerausstellung zu Hause ist, fehlte einfach der Platz für den vernagelten Riesen.