Marie Köhler (45) und Robin Afamefuna (29) treten gemeinsam gegen Sexismus und Rassismus an. Sie ist Künstlerin und Dozentin, die in ihrer Freizeit boxt, er Fußballspieler und Feminist. Zusammen wollen sie ein bisschen Welt verändern.
DiskriminierungWie eine Künstlerin und ein Fußballer aus Köln für Gleichberechtigung kämpfen

Robin Afamefuna (29), Profifußballer bei Fortuna Köln, und Marie Köhler (45), Künstlerin und Dozentin
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Das N-Wort fällt, als Marie Köhler und Robin Afamefuna die vier Männer und zwei Frauen des Workshops beim Kölner Mieterverein nach eigenen Diskriminierungserfahrungen fragen. Ein Teilnehmer sagt, er sage das N-Wort nicht mehr und sagt es dabei. Dann sagt er das Z-Wort und erklärt, warum er es weiterhin sage. „Django Reinhardts Familie ist stolz darauf, der ‚Stadt-Anzeiger‘ hat es in einem Interview auch geschrieben. Ich weiß also nicht, was daran rassistisch sein soll.“ Beim N-Wort – er spricht es wieder aus – könne er nachvollziehen, warum es nicht mehr verwendet werde, beim Z-Wort nicht.
Ein Workshop-Teilnehmer sagt, er sage das N-Wort nicht mehr und sagt es dabei
Marie Köhler wendet ein, dass es viele Menschen gebe, die das Z-Wort verletze, dass es die Nationalsozialisten verwendet haben, die Sinti und Roma deportierten, dass es rassistisch sei. „Es gibt auch Personen, für die das N-Wort ok ist, für mich ist es aber zutiefst verletzend, sobald es ausgesprochen wird“, sagt Afamefuna, um Kontrolle kämpfend.
Wir fühlen uns so schnell eingeschränkt. Wir könnten aber einfach fragen: Auf welche Seite wollen wir uns stellen? Auf die der Ausgegrenzten, Diskriminierten oder auf die andere Seite, die sagt: Es war immer so und soll so bleiben?
„Ist es so schwer, Sinti und Roma zu sagen?“, fragt Köhler. „Wir fühlen uns so schnell eingeschränkt. Wir könnten aber einfach fragen: Auf welche Seite wollen wir uns stellen? Auf die der Ausgegrenzten, Diskriminierten oder auf die andere Seite, die sagt: Es war immer so und soll so bleiben?“ Ein Teilnehmer springt Köhler und Afamefuna bei: „Wir stellen uns natürlich auf die Seite derer, die es verletzen könnte“, sagt er. „Das ist die Sensibilität, die wir brauchen.“
Die Atmosphäre im Raum ist gespannt. Der Elefant ist im Porzellanladen. Die anderen wollen ihn warnen. Aber es ist zu spät.
Als die Teilnehmenden nach drei Stunden reflektieren sollen, was sie aus dem Antidiskriminierungsworkshop mitnehmen, sagt der Mann, der das N-Wort ausgesprochen hat, er würde „eigentlich nichts anders machen, aber man muss schon aufpassen mit seinen Worten, das ist alles sehr sensibel“.
Es ist Anfang Dezember 2025. Nach dem Kurs stehen Köhler und Afamefuna vor dem Haus des Mietervereins und gucken sich an. „Unfassbar“, sagt er, kopfschüttelnd. „Wir standen kurz vor Abbruch“, sagt sie. Wenig später sagen die beiden die geplante langfristige Zusammenarbeit mit dem Mieterverein ab.
Der „Kölner Stadt-Anzeiger“, der Marie Köhler und Robin Afamefuna in den vergangenen Monaten begleitet hat, nennt die Namen der Kursteilnehmer bewusst nicht, obwohl alle damit einverstanden gewesen wären.
Selbstkritik ist für Marie Köhler und Robin Afamefuna eine Voraussetzung von Aufklärung
Marie Köhler ist Medienkünstlerin, Kuratorin und Dozentin für Film und Fotografie. Sie promoviert an der Bauhaus Universität in Weimar. In ihrer künstlerischen Forschung setzt sie sich mit kolonialen, rassistischen und patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft auseinander. Für die Serie „Mach Dir ein Bild“, die das Rautenstrauch-Joest-Museum angekauft hat, arbeitete sie im Operndorf des im Jahr 2010 verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief in Burkina Faso, um Kinder fürs Fotografieren zu begeistern und ein Bild der Menschen jenseits der gängigen Afrika-Klischees zu zeigen.

Wie wirken Machtstrukturen? Wo entstehen Ausgrenzungen? Diese Fragen treiben Robin Afamefuna und Marie Köhler um.
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Robin Afamefuna (29) ist Profifußballer bei Fortuna Köln, Kulturanthropologe und Doktorand. Er forscht zu Sexismus und Rassismus im Fußball, Leistungsdruck und patriarchalen Rollenbildern. Was kann moderne Männlichkeit für vor allem junge Menschen heute bedeuten? Wie lassen sich Vorstellungen von Männlichkeit jenseits patriarchaler Muster neu denken? Solche Fragen stellt er in seiner Forschung.
Köhler und Afamefuna haben sich bei einem Workshop zum Thema Rassismus kennengelernt
Köhler und Afamefuna haben sich bei einem Workshop zum Thema Rassismus kennengelernt. Sie stand vorn, er saß im Publikum. Er war beeindruckt von ihren Überlegungen zu westlichen Denk- und Diskursgewohnheiten, wie entschlossen sie versucht, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu bekämpfen. Sie trafen sich dann öfter, fanden sich super – und viele Gemeinsamkeiten. Wie wirken Machtstrukturen? Wo entstehen Ausgrenzungen? Was braucht es, um Räume zu schaffen, in denen alle Menschen teilhaben können? Diese Fragen treiben beide um.
Auf ihrer Homepage nennen sie sich Robin und Marie, das klingt ein bisschen wie Bonnie und Clyde. Die brachten zwar in den 1930er Jahren bei ihren Raubzügen viele Menschen um, stehen aber vor allem für Rebellentum, Romantik, Widerstand gegen das System. Robin Afamefuna und Marie Köhler sind sehr friedliebend. Rebellen und Romantiker sind sie auch.
Sie geben Antidiskriminierungsworkshops in Schulen und Vereinen, halten Vorträge, gehen auf Podien, geben Interviews. Selbstkritik ist für sie eine Voraussetzung von Aufklärung. Sie glauben, mit dem jüngst verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas, dass sich nur mit kritischem Diskurs soziale Verzerrungen aufbrechen, Rassismen, Sexismen, Egoismen überwinden lassen. Das ist in Zeiten grassierender Unvernunft und zivilisatorischer Wildnis an sich schon romantisch.
Dazu sind die beiden noch ein Paar. Sie Künstlerin, die in ihrer Freizeit boxt, er Fußballspieler und Feminist. Sie 15 Jahre älter als er. Bei zwei Menschen, die stereotype Vorstellungen aufbrechen wollen, passt das irgendwie perfekt.
Manchmal denken wir, wir können zusammen die Welt retten
„Manchmal denken wir wirklich, wir können zusammen die Welt retten“, sagt er. „Geht natürlich nicht. Aber verändern können wir die Welt schon ein bisschen, wenn wir jeden Monat einen Menschen dazu bringen, über sich, und seine Position nachzudenken“, sagt sie. „Auf lange Sicht können wir auf diese Weise viele Verbündete finden, um etwas zu bewirken.“

„Das ist purer Rassismus“- Robin Afamefuna beim Black History Month im Sportmuseum
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Auf einem Podium im Dortmunder Museum für Kunst- und Kulturgeschichte erklärt Marie Köhler im Sommer 2025, worum es ihr in ihrer Forschung und Lehre geht. Sie erzählt von einem Seminar während ihres Fotografie-Studiums an der FH Dortmund. Wie baut man ein „richtiges“, ein „gutes“ Bild ästhetisch auf? Die Lehre des Bildaufbaus richte sich nach der westlichen Leserichtung. „Wir lesen von links oben nach rechts unten. Alles, was sich im Bild rechts oben und links unten befindet, nehmen wir erst auf den zweiten Blick wahr – oder eben gar nicht.“
Sie habe den Professor gefragt, was mit Menschen in anderen Teilen der Welt sei, die andere Lesegewohnheiten haben, Menschen, die von rechts nach links lesen oder von oben nach unten. „Da meinte mein Professor, dies sei irrelevant, da sich das westliche Verständnis von ästhetisch Schönem global durchgesetzt hat.“ Köhler findet das ganz und gar nicht. „Diese Einstellung grenzt viele Positionen eher aus. Um zu lernen und uns zu verändern, müssen wir auch die Bilderwelten hinterfragen, von denen wir umgeben sind“, sagt sie. „Was prägt unser Denken? Es ist vor allem unsere Bilderwelt.“
Marie Köhler und Robin Afamefuna geht es um die Verantwortung jedes Einzelnen – und um Strukturen, die Gleichberechtigung aus ihrer Sicht verhindern. Damit überfordern sie viele, auch den Autor dieses Textes immer mal wieder. Oft geht es den beiden darum, welche Worte und Symbole verwendet werden. Ich habe mich manchmal ertappt gefühlt: Vielleicht, weil meine Netzwerke auch vorwiegend weiß und männlich sind, ich auch viele Stereotype in mir trage. Und gern darüber nachdenke, aber Konfrontationen eher scheue.
Vielleicht muss es in einer bequem gewordenen Demokratie viel öfter mal weh tun, habe ich während der Recherche immer wieder gedacht. Und mich gefragt, welche Dosis an Schmerz und Konfrontation verträglich ist, um nicht neue Fronten im Kulturkampf zu schaffen, in dem die extrem Rechten sich zu Hause fühlen. Und Angstmache im Vorteil ist gegen Aufklärung.
Es ist nicht die Aufgabe von Frauen, sich gegen ein System zu wehren, in dem Männer Frauen Gewalt antun. Es ist unsere Aufgabe als Männer, laut zu sein und sich gegen Gewalt an Frauen stark zu machen
Wenn Afamefuna sich in den sozialen Netzwerken zur Benachteiligung von Schiedsrichterinnen im Fußball äußert, erhält er weniger Aufmerksamkeit als nach Posts zu Siegen von Fortuna Köln. Als der 29-Jährige sich zu den Vorwürfen äußert, die die Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann erhoben hat, ist das anders: „Es ist nicht die Aufgabe von Frauen, sich gegen ein System zu wehren, in dem Männer Frauen Gewalt antun“, schreibt Afamefuna da auf Instagram und Linkedin. „Es ist unsere Aufgabe als Männer, laut zu sein und sich gegen Gewalt an Frauen stark zu machen.“ Hunderte Herzchen und Kommentare sind die Antwort – vor allem von Frauen.
Dem Schauspieler Christian Ulmen wird vorgeworfen, Nacktfotos und Sexvideos von Frauen, die seiner Ex-Frau Collien Fernandes ähnlich sehen, verschickt und geteilt zu haben. „Es geht nicht nur um einen Einzelfall. Es geht hier nicht nur um einen Mann, der etwas Schlimmes getan hat. Es geht um ein System, in welchem Frauen von Männern brutale Gewalt erleben. Jeden Tag“, schreibt Afamefuna. Wenn besonders erschütternde Fälle bekannt werden – wie jener des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, der die Me-Too-Bewegung auslöste – schaut die Welt hin. Solidarität mit den Opfern gibt es dann in großen Wellen.
Robin Afamefuna fremdelt mit einer Solidarität, die nach einem Gang zu einer Kundgebung endet oder nach drei Posts im Internet. Ein flüchtiger Satz, Daumen hoch oder runter, das fühlt sich auch für Marie Köhler „eher wie eine Art Fastfood-Solidarität an“. Beide stellen sich die Frage, wie man „sich heute nachhaltig solidarisch verhalten kann“. Eine ihrer Antworten lautet: Verantwortung übernehmen.

Marie Köhler und Robin Afamefuna haben sich bei einem Workshop kennengelernt, den sie gab. Jetzt veranstalten sie zusammen Workshops.
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Marie Köhler tut das mit Studien- und Kunstprojekten, die auf gleichberechtigte Teilhabe, Kritikfähigkeit, Hinterfragen von Denkgewohnheiten setzen. Ihren Studentinnen und Studenten sagt sie oft: „Lasst uns gemeinsam versuchen, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Zumindest heute!“ Die Fachschaft Kommunikationsdesign der Düsseldorfer Peter Behrens School of Arts hat Köhler für den renommierten Ars legendi-Preis vorgeschlagen und lobt sie als demokratisches Vorbild in einer Gesellschaft, in der Werte wie Freiheit, Gleichberechtigung und Solidarität auf dem Spiel stehen.
„Die Frage, was ich mitmachen will und was nicht, was ich sage und was nicht, stellt sich jedem von uns im Alltag ständig“, sagt Robin Afamefuna. „Ich habe mich vor einigen Jahren entschieden, immer etwas zu sagen, wenn ich frauenfeindliche oder rassistische Sprüche höre – egal ob in der Kabine, in der Bahn oder auf einem Podium. Auch wenn das vielen oft nicht passt.“ Gelernt habe er das während seiner Zeit in den USA. Er hat dort College-Fußball gespielt und wurde für die Major League Soccer (MLS) ausgewählt. „Am College gab es zwei Spieler, die sofort eingegriffen haben, wenn diskriminierend gesprochen wurde. Ich fand das sehr beeindruckend. Weil ich mich damals ständig gefragt habe: Warum hast du nicht den Mund aufgemacht?“ Marie Köhler, die bei öffentlichen Auftritten selbstbewusster und weniger introvertiert wirkt als er, habe ihn darin bestärkt. „Sie zeigt schon so lange bei ihrer Arbeit als Künstlerin und Dozentin, was es heißt, Haltung zu zeigen“, sagt er. „Sie ist ein großes Vorbild und ich lerne in dieser Hinsicht sehr viel von ihr.“

Robin Afamefuna ist Kapitän von Fortuna Köln.
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„Schweigen macht uns zu Mittätern“, schreibt Robin Afamefuna nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Christian Ulmen. „Es ist unsere Verantwortung, aufmerksam zu machen auf Probleme, die wir verursachen.“
Marie Köhler und Robin Afamefuna teilen die Erfahrung, sozial eingeordnet zu werden, weil das Geld immer knapp war zu Hause. Sie hat acht Geschwister, er 13. Beide wissen, wie schwer es ist, sich aus diesen Verhältnissen und Zuschreibungen herauszuarbeiten. Sie haben das gemacht, indem sie Verantwortung übernahmen. Zu Hause, im Haushalt, für die Geschwister, später in der Uni und im Beruf.
Mehr noch als die Familiensituation hat sie die Erfahrung von Diskriminierung geprägt. Rassismus bei ihm, Sexismus bei ihr. Auf Schubladen und Etiketten reagieren sie sensibel – sie möchten sie ein- und abreißen. Weil Afamefuna seine Masterarbeit über die Benachteiligungen von Frauen-Schiedsrichterinnen schrieb, sagte ein Spieler zu ihm: „Mensch Robin, ich wusste gar nicht, dass du schwul bist!“
Sie erzählt von einem Kurator, der sie zum Essen zu sich nach Hause einlud, um „eine Ausstellung zu besprechen“
Marie Köhler schüttelt den Kopf und verdreht die Augen, als ihr Freund die Geschichte bei Kaffee und Keksen in ihrer Wohnung am Eigelstein erzählt. Sie kennt solche Zuschreibungen gut. Sie erinnert sich an einen Deutschlehrer, der sie vor der Klasse kleingemacht habe: „Als wir über Berufswünsche sprachen, kam er mir zuvor und sagte, ‚Der Marie wird es später reichen, im Vorzimmer eines berühmten Politikers zu sitzen und sich echte Seidenstrümpfe leisten zu können.‘“ Der gleiche Lehrer habe sie ein paar Jahre zuvor zu einem Intelligenztest gezwungen, ihr das Ergebnis aber erst beim Abitur mitgeteilt. „Durch die Art und Weise, wie mich dieser Mann behandelt hat, dachte ich jahrelang, ich sei minderbegabt, dabei war es am Ende das Gegenteil und ich hätte ganz anders gefördert werden müssen.“ Sie erzählt von einem Kurator, der sie zum Essen zu sich nach Hause einlud, um „eine Ausstellung zu besprechen“. In der Kunstszene sei ihr immer wieder zu verstehen gegeben worden, dass so etwas „dazugehört“. „Tut es definitiv nicht“, sagt sie.
„Ich habe früh gemerkt, dass viele Menschen nicht verstehen, dass wir eine Familie sind: Schwarzer Vater, weiße Mutter, das haben viele einfach nicht geglaubt“, sagt Afamefuna bei einem Treffen in einem Café am Eigelstein. „Beim Fußball hat die Hautfarbe immer eine Rolle gespielt, wenn auch nur unterschwellig: Schwarze Spieler wurden immer wahrgenommen – es wurde immer gesagt, dass Schwarze schneller seien und stärker, aber angeblich weniger strategisch. Wir wurden markiert. Und Markierung bedeutet oft Demütigung. So ist es leider bis heute.“
Wenn die beiden Workshops geben in Fußballvereinen und Schulen, sprudeln die Kinder und Jugendlichen über, wenn sie von eigenen Diskriminierungserfahrungen erzählen. „Fast jede und jeder hat Erniedrigung erfahren. Jeder Mensch mit Migrationsgeschichte Rassismus, fast jedes Mädchen Sexismus“, sagt sie. „Und das prägt Biografien enorm und kann die Persönlichkeitsentwicklung stark beeinträchtigen“, sagt er. „Wenn wir mit Menschen den Raum teilen, die offen über ihre eigenen Realitäten erzählen, erhalten wir nicht nur Einblicke in Abgründe unserer Gesellschaft. Wir lernen auch durch die wertvollen Erfahrungen der Teilnehmenden voneinander“, sagt sie.

„Fast jede und jeder hat Erniedrigung erfahren. Jeder Mensch mit Migrationsgeschichte Rassismus, fast jedes Mädchen Sexismus“, sagt Marie Köhler.
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Februar 2026. Robin Afamefuna sitzt im Sportmuseum während des Black-History-Month auf dem Podium mit Rachel Etse, Ethnologin, Rassismus- und Polizeiforscherin, und Ronny Blaschke, Autor des Buchs „Spielfeld der Herrenmenschen“, das von kolonialistischem Einfluss auf den Fußball erzählt. Marie Köhler sitzt im Publikum und fotografiert.
Afamefuna spricht über die patriarchalen Strukturen im Fußball und erzählt von dem Buch „Die ersten schwarzen Champions“ von Hartmut Scherzer, das wenige Tage zuvor im Sportmuseum vorgestellt worden war – und zitiert Textstellen, in denen das N-Wort verwendet und stereotypisiert von einem schlauen, weißen Trainer berichtet wird, der die schwarzen Spieler erst zu Höchstleistungen motiviert habe. „Das ist purer Rassismus“, sagt er.
Moderator Andreas Höfer, Sporthistoriker und Leiter des Museums, reflektiert, ob das Sportmuseum die richtigen Personen eingeladen habe und schließt mit der Hoffnung, im Gespräch zu bleiben und Stigmata aufzubrechen. Gut und schön, findet Afamefuna ein paar Minuten später in kleiner Runde: „Aber natürlich hätte an so einem Tag eine nichtweiße Person das letzte Wort haben müssen.“
Es gibt kein Bekenntnis der Sportverbände, dass es strukturellen Rassismus gibt – im Profifußball wie im Breitensport
Wie unterschiedlich die Perspektiven sind, bekommt auch Carsten Brennecke, Geschäftsführer des Fußballverbands Mittelrhein, nach der Veranstaltung gespiegelt: Er sagt im Gespräch mit Köhler und Afamefuna, dass er „nie einen Unterschied gemacht hat zwischen Männern und Frauen oder Menschen unterschiedlicher Herkunft“. „Das ist vielleicht gut gemeint“, sagt Köhler, aber genau darin liege ein Problem: „Es geht darum, als Verband zu erkennen, warum sie so wenig divers sind – und warum Rassismus vor allem mit Lippenbekenntnissen bekämpft wird, und nicht strukturell. Es geht auch darum, zu überlegen, wie zum Beispiel Sie in Ihre Position gekommen sind.“
Afamefuna konfrontiert den Verbandschef mit dem Fall von Kindern des TuS Köln-Ehrenfeld 1865, die mehrfach von Eltern anderer Vereine rassistisch beleidigt worden waren. „Der Verband hat mehr als zwei Wochen gebraucht, um überhaupt zu reagieren“, sagt Afamefuna. „Es gibt kein Bekenntnis der Sportverbände, dass es strukturellen Rassismus gibt – im Profifußball wie im Breitensport.“ Stattdessen gebe es „viel PR und viele Verweise darauf, dass die Rassismus-Fälle rückläufig seien“. Brennecke wirkt irritiert, ist aber für die Kritik empfänglich. „Natürlich müssen wir auch Strukturen hinterfragen“, sagt er schließlich.
Marie Köhler und Robin Afamefuna sind anstrengend. Sie bewegen sich auf dem Feld der Identitätspolitik, auf dem die Rechtsaußen meist im Angriffsmodus sind; das spaltet, weil hier oft emotional gekämpft wird. Mehrheitsfähig ist der humanistisch-feministischer Ansatz von Köhler und Afamefuna in einer Zeit, in der Autokratie und Nationalismus, Egoismus, Konformität und stereotype Männlichkeitsbilder auf dem Vormarsch sind, eher nicht. Aber womöglich ist ihr forschendes und forderndes Hinterfragen wichtig für eine Gesellschaft, die sich auch in zehn Jahren noch freiheitliche Demokratie nennen möchte. Weil die beiden – auch aus der Erfahrung eigener Herabwürdigung – die Würde des Menschen sehr ernst nehmen.

