Andrea Badjie und Anja Dinslaken von der Nelson-Mandela-Hauptschule in Buchheim ermutigen Eltern, ihre Kinder an Hauptschulen anzumelden – und fordern eine Kita-Pflicht.
Kölner Schulleiterinnen„Die Hauptschule wird öffentlich ins Abseits gestellt – und das ist fatal“

Schulleiterin Andrea Badjie (l.) und ihre Stellvertreterin Anja Dinslaken von der Nelson-Mandela-Hauptschule in Buchheim
Copyright: Arton Krasniqi
Frau Badjie, Frau Dinslaken, an vielen Kölner Hauptschulen gibt es kaum noch Anmeldungen. Am Alten Griechenmarkt und der Hauptschule in Bilderstöckchen waren es im vergangenen Jahr für die fünfte Klasse nur zwölf, in Ehrenfeld und Neubrück 15. Wie ist es bei Ihnen und woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Hauptschulen nicht mehr gefragt sind?
Andrea Badjie: Auch bei uns in Buchheim sind die Anmeldungen in den vergangenen Jahren zurückgegangen – in den fünften Klassen sind wir oft nur noch einzügig. Zur 7. Klasse kommen dann allerdings sehr viele Kinder zu uns, die eigentlich eine Hauptschulempfehlung haben, die Eltern aber doch die Realschule gewählt haben. Dort haben sie dann häufig Misserfolge erlebt und müssen nach der Erprobungsstufe wechseln. Es ist schade, dass sie nicht sofort zu uns kommen, weil das Image der Hauptschulen viele zunächst abschreckt.
Hauptschulen leiden seit vielen Jahren an dem Stigma, „Resteschule“ zu sein
Anja Dinslaken: Weil die Kinder eine sehr persönliche Anbindung brauchen und kleinere Klassen, die sie bei uns bekommen und an anderen Schulformen oftmals nicht, wären viele bei uns besser aufgehoben. Hauptschulen leiden seit vielen Jahren an dem Stigma, „Resteschule“ zu sein: In der 5. Klasse kommen oft nur noch die Kinder zu uns, die an Gesamtschulen und Realschulen abgelehnt wurden – oder von Eltern, die sich nicht um die Schulversorgung ihrer Kinder kümmern können.
Badjie: Dabei können sie bei uns genauso wie an Real- und Gesamtschulen einen 10-B-Abschluss (mittlerer Schulabschluss) machen, der zum Übergang aufs Gymnasium berechtigt – und werden, das behaupte ich jetzt einfach mal – in vielen Fällen viel besser aufgefangen als an anderen Schulformen. Ich kann Eltern nur raten: Haben Sie keine Scheu, Ihre Kinder an der Hauptschule anzumelden!
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Warum können die Kinder bei Ihnen besser aufgefangen werden?
Badjie: Weil unser Schulsystem Hauptschule insgesamt kleiner ist und auch unsere Klassen in der Regel kleiner sind und wir mehr Ressourcen haben als viele Real- und Gesamtschulen. Wir sind hier in Buchheim mit dem höchsten Sozialindex 9 eingestuft und im Startchancenprogramm des Landes. Dadurch sind wir finanziell sehr gut ausgestattet, um individuelle Förderungen zu ermöglichen.

Andrea Badjie (r.) und ihre Stellvertreterin Anja Dinslaken
Copyright: Arton Krasniqi
Muss Ihre Schule viele Aufgaben übernehmen, die die Erziehungsberechtigten nicht leisten können?
Dinslaken: Auf jeden Fall. Viele Kinder kommen aus prekären Lebensverhältnissen. Nicht nur, dass ihre Eltern auf Sozialhilfe angewiesen sind und oft nicht gut oder gar kein Deutsch sprechen. Nicht wenige haben keinen festen Aufenthaltsstatus, wissen nicht über die Schulpflicht Bescheid, Kinder sind schulmüde. Es gibt Eltern, die Angst haben, uns eine Mail-Adresse zu geben, Familien, von denen wir nicht wissen, wo sie wohnen, weil sie uns nicht die richtigen Adressen geben. Wir erfahren von Zuständen, die für viele Menschen unvorstellbar sind.
Badjie: Wir haben viele sozial und psychisch auffällige Kinder mit psychisch beeinträchtigten Eltern, die besondere Unterstützung brauchen – und bei denen es darum geht, mit Jugendamt, sozialpsychiatrischem Dienst, Streetworkern oder anderen Playern zusammenzuarbeiten. Wir erfahren sehr viel von den Kindern – und können in vielen Fällen dann auch weiterhelfen. Zumindest so, dass wir die Risiken reduzieren. Wir haben auch wöchentliche Sprechstunden mit der Polizei und mit Streetworkern, zum Beispiel.
Wie oft schalten Sie das Jugendamt ein?
Dinslaken: Wir stehen fast täglich mit dem Jugendamt in Kontakt. Erst heute hatten wir wieder einen Fall einer schwer belasteten Schülerin, die dringend Unterstützung braucht und nicht mehr zu Hause leben möchte.
Nicht wenige Eltern sehen den Sinn von Schule gar nicht und wissen nichts von der Schulpflicht, die es in Deutschland gibt
Wie oft erleben Sie klassische Armuts-Karrieren – Kinder, die aus Familien kommen, deren Eltern und Großeltern schon Sozialhilfe empfangen haben?
Badjie: Sehr oft. Nicht wenige Eltern sehen den Sinn von Schule gar nicht und wissen nichts von der Schulpflicht, die es in Deutschland gibt. Einige Jugendliche haben die Perspektivlosigkeit so verinnerlicht, dass sie schon in Schulpraktika keinen Sinn sehen. Und auch nicht darin, arbeiten zu gehen, weil das Bürgergeld ja reiche – und sie mit einem Minijob kaum mehr verdienen würden.
Dinslaken: Es kommt auch nicht selten vor, dass die Kinder zu Hause bleiben müssen, weil sie sich um ihre Eltern kümmern müssen oder um kleinere Geschwister, weil sie kochen müssen, oder Behördenkram erledigen. Hier gehen wir immer wieder mit den Schülerinnen, Schüler und Eltern ins Gespräch und vermitteln zu außerschulischen Unterstützungsangeboten.
Badjie: Traurig ist aber auch, dass unsere Schülerinnen und Schüler oft stigmatisiert werden, weil sie auf die Hauptschule gehen. Das sehen wir bei Ablehnungen für Praktika und Ausbildungsplätzen. Wenn sich unsere engagierten Kolleginnen und Kollegen dann einschalten, klappt es meist doch und es entstehen auch Ausbildungsplatzangebote daraus – nachdem das Vorurteil Hauptschule aufgebrochen wurde.
Wie sehen Sie vor dem Hintergrund den von der Bundesregierung beschlossenen restriktiveren Umgang mit dem Bürgergeld?
Badjie: Zwiegespalten. Einerseits braucht es eine Grundversorgung, die ein würdiges Leben ermöglicht, andererseits muss einigen Menschen auch sehr klar gemacht werden, dass sie verpflichtet sind, selbst einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Viele Kinder wissen in der siebten Klasse noch nicht, was eine Birne ist oder eine Erdbeere. Das macht mich sehr traurig
Haben sich die sozialen Probleme aus Ihrer Sicht verschärft in den vergangenen Jahren?
Dinslaken: Das Armutsrisiko ist statistisch betrachtet nicht gewachsen, wohl aber die Risiken für Menschen, die auf die Sozialsysteme angewiesen sind, gerade in den Brennpunktgebieten. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen: Die Probleme sind größer geworden. Es gibt mehr Kinder und Jugendliche mit psychischen Beeinträchtigungen, mehr Kinder, die Hunger haben, weniger Kinder, die gut lesen und schreiben können, wenn sie zu uns kommen, mehr Kinder, die in der siebten Klasse noch nicht wissen, was eine Birne ist oder eine Erdbeere. Die zum ersten Mal Obst essen und sagen: Wow, das ist ja lecker! Das macht mich sehr traurig.
Badjie: Weil vielen Kindern nie vorgelesen wird und sie nur mit digitalen Geräten aufwachsen, fehlt ihnen die Vorstellungskraft für vieles, das ist eines der größten Probleme. Sich etwas vorstellen zu können, sich Geschichten auszudenken, um so Ideen davon zu entwickeln, was möglich ist – das ist eine Kulturtechnik, die nicht nur für jedes Unterrichtsfach, sondern im ganzen Leben sehr wichtig ist. Auch hier wollen wir Kinder auffangen.
Wenn wir Kindeswohlgefährdung erkennen und verhindern, ist das mindestens so wichtig wie Grundkenntnisse in Mathe oder Bio zu vermitteln
Ist es nicht auch frustrierend, wenn Kinder mit so großen Defiziten zu Ihnen kommen? Bildungsgerechtigkeit, wie es so oft heißt, können Sie ja bei aller Förderung niemals herstellen, eher das Schlimmste verhindern …
Badjie: Aber das ist ja nicht wenig! Wenn wir Kindeswohlgefährdung erkennen und verhindern, ist das mindestens so wichtig wie Grundkenntnisse in Mathe oder Bio zu vermitteln. Es geht bei uns immer um sehr vieles gleichzeitig: den sozialen Hintergrund, die Sprache, den Lehrplan. An der Hauptschule haben wir immerhin größere Möglichkeiten, mal vom Lehrplan abzuweichen, als an anderen Schulen. Trotzdem kann es frustrierend sein, den Schülern etwas von Genetik erzählen zu müssen – ohne dass viele eine richtige Vorstellung vom eigenen Körper haben.
Frau Badjie, Sie haben der Redaktion gemailt nach Artikeln über begehrte Gesamtschulplätze und den Zitaten einer Mutter, die ihr Kind nicht auf eine Haupt- oder Realschule schicken wollte. Was hat Sie da bewegt?
Es ist immer wieder frustrierend, wie verankert die Vorstellung ist, die Hauptschule sei eine Schule für Verlierer. Ich habe oft das Gefühl, dass die Hauptschule öffentlich ins Abseits gestellt wird – und das ist fatal. Sehr selten wird dagegen gesagt, dass Hauptschulen in unserem Schulsystem sehr wichtig sind – und für viele Kinder die bessere Wahl als die Real- oder Gesamtschule. Die Kinder, die zu uns kommen, haben alle erstmal das Hauptschul-Stigma. Das stört mich sehr.

Schulleiterin Andrea Badjie
Copyright: Alexander Schwaiger
Was könnte dazu beitragen, zumindest etwas mehr Bildungsgerechtigkeit herzustellen?
Dinslaken: Ein hilfreicher Schritt wäre, die Kita ab drei Jahren als Pflicht zu verankern. Dort können die Kinder ihre Deutschkenntnisse verbessern und die Sprachbarriere wird verringert. Man darf nicht vergessen, dass uns jedes Jahr die meisten Kinder mit einem Schulabschluss verlassen und damit ihre Schulzeit erfolgreich beenden. Neben den Schülerinnen und Schülern, die eine Ausbildung beginnen, gehen viele an Berufskollegs, um einen höheren Schulabschluss oder die Ausbildungsreife zu erlangen. Einige wenige unserer Schülerinnen und Schüler haben auch jedes Jahr die Möglichkeit, anschließend in der Sekundarstufe 2 ein Fachabitur oder Abitur zu machen.
Badjie: Ich träume davon, dass die Fähigkeiten von Kindern eines Tages unabhängig von ihren Namen beurteilt werden – dass es strukturellen Rassismus gibt in Deutschland, wissen wir nicht nur vom Wohnungsmarkt. Grundlegend wäre aber erstmal ein kostenloses Frühstück und Mittagessen an allen Schulen. Bei vielen Caterern kostet das Mittagessen inzwischen fünf Euro – wenn man zwei oder drei Kinder in der Schule hat, ist das schon für normal verdienende Eltern sehr viel Geld. Wir sind gerade heilfroh, dass das Frühstücksmobil der katholischen Jugendagentur noch bis zum Sommer kommt – das kostenlose Frühstück steigert die Motivation, zur Schule zu kommen, enorm. Erstmal müssen alle Kinder satt sein, ohne, dass sich die Familien Sorgen machen müssen. Damit fängt es an.

