Abo

„Fast Tränen in den Augen“Trümmer, Ratten und Bläck Fööss in Kölns neuem Time Ride

4 min
28.04.2026 Köln. Die Bläck Fööss bei Time Ride. Foto: Alexander Schwaiger

Die Bläck Fööss bei Time Ride

Besucher können dank Virtual Reality per Kutsche durch die Trümmerwüste des kriegszerstörten Kölns fahren.

Die untergehende Sonne gießt orangefarbenes Licht über das zerstörte Köln. Auf der Behelfsbrücke zwischen Deutz und dem linken Rheinufer sind unzählige Menschen unterwegs: mit Bollerwagen, zu Fuß, außerdem Fuhrwerke und andere Fahrzeuge. Rechts ragt ein kolossales Trümmerteil der Deutzer Brücke aus dem Fluss. Hinten ist die zusammengestürzte Hohenzollernbrücke zu sehen, links davon ragt der Dom aus der Trümmerwüste. All dies bietet sich aus der Vogelperspektive dar, während Willi Ostermanns Lied „Heimweh noh Kölle“ zu hören ist, interpretiert von den Bläck Fööss. So endet die Zeitreise „Köln 1945“, das neue Virtual-Reality-Erlebnis der Firma TimeRide. Am Dienstag ist die Attraktion in exklusivem Kreis, zu dem die Bläck Fööss gehörten, vorgestellt worden. Noch wird an Details gefeilt. Am 8. Mai, dem 81. Jahrestag des Kriegsendes in Europa, ist Premiere.

Respektvolle und emotionale Aufarbeitung

„Köln 1945 ist ein Kapitel unserer Stadtgeschichte, das sich weder in Büchern noch in Filmen allein erfassen lässt“, sagt Jonas Rothe, Gründer und Geschäftsführer von TimeRide. „Mit dieser Experience setzen wir neue Maßstäbe, wie wir schwierige, aber zentrale Momente der Geschichte respektvoll und zugleich emotional nahbar machen können.“ „Köln 1945“ besteht aus zwei Teilen. Der erste ist ein Dokumentarfilm, der in Originalaufnahmen die Bombardierungen Kölns und den Alltag in der kriegszerstörten Stadt im Jahr 1945 zeigt. Nach der Vorführung im kleinen Kino wechseln die Besucher und Besucherinnen in einen alten Straßenbahnwagen, setzen sich eine Virtual-Reality-Brille mit Kopfhörern auf und erleben eine 25 Minuten lange, von Geruckel und einem leichten Luftzug begleitete Fahrt in einer Kutsche.

28.04.2026 Köln. Die Bläck Fööss bei Time Ride. Foto: Alexander Schwaiger

Blick auf das zerstörte Köln

Dank 360-Grad-Illusion tauchen sie komplett ein in die verwüstete Altstadt. Vor sich sehen sie einen Mann, der das schnaubende Pferd lenkt. Geladen hat das Gefährt Säcke, Kästen und Kanister. Ziel der Fahrt ist die Behelfsbrücke. Dorthin, so erklärt die Erzählerstimme von Wolfgang Niedecken, sollen den amerikanischen Besatzern Mittel gegen Läuse geliefert werden.

Neumarkt, Dom, Alter Markt, Heumarkt

Die Route führt vom Neumarkt durch die Glockengasse, am Dom und am Hauptbahnhof vorbei, dann über den Alter Markt zum Heumarkt. Wohin man auch blickt: Trümmer. Kein Haus, das nicht beschädigt wäre. Schuttberge türmen sich auf, Stahlträger ragen aus dem Boden, Ratten huschen herum. Auf der Fahrt können die Gäste viele Szenen des Alltags beobachten. Kinder spielen in den Ruinen, Einwohner räumen Trümmer weg, Mieter haben sich in einem Wohnraum mit weggebrochener Außenwand eingerichtet, Plünderer suchen Wertgegenstände. Ein Mann spendet Leuten Wasser aus einem Schlauch, Menschen kaufen Zeitungen, Polizisten kontrollieren Papiere.

28.04.2026 Köln. Die Bläck Fööss bei Time Ride. Foto: Alexander Schwaiger

Die Musiker mit Virtual-Reality-Brillen

Gelegentlich sind kurze Dialoge zu hören. Die Erzählstimme kommentiert das Gesehene und ordnet es in den Kontext ein. Gelungen sind die Flashbacks. In solchen Momenten tut sich eine überblendende Blase auf, die das Geschehen an genau diesem Ort vor dem Krieg vergegewärtigt. Auf diese Art wird man etwa Zeuge einer Szene, in der Nazis Steine gegen die Synagoge in der Glockengasse werfen, in der es brennt.

Zwischen Not und Neuanfang

Je näher die Kutsche dem Heumarkt kommt, desto mehr Menschen sind zu sehen, und der Erzähler erklärt, dass Hunderttausende in die zeitweilig weitgehend entvölkerte Stadt zurückkehren. Dann der Blick von oben auf die Behelfsbrücke voller Fußgänger und Fahrzeuge und auf das Rheinpanorama, dazu das Ostermann-Lied. „Am Schluss hatte ich fast Tränen in den Augen“, sagte Andreas Wegener von den Bläck Fösss.

Die Band fängt das Lebensgefühl zwischen Not und Neuanfang seit Jahrzehnten mit ihrer Zeitrevue „Usjebomb un opjebaut“ auf eigene Art ein. „Was in den 25 Minuten erzeugt wird, hat unglaubliche Kraft“, so Wegener. Gerade Jugendliche sollten dies sehen, zumal in Zeiten, in denen viel von Wehrpflicht und „Kriegstüchtigkeit“ die Rede sei. Virtual Reality eigne sich gut für die Vermittlung des Gefühls, mittendrin zu stehen, sagte Produzentin Lisa Schulz. Zugleich sei es wichtig, die dokumentarischen Originalaufnahmen zu zeigen, um den Realitätscharakter zu verdeutlichen.

Historiker und Autor Jonas Motsiefer sagte, bei dieser Produktion habe die besondere Herausforderung darin bestanden, gleichsam „aus dem Nichts zu arbeiten“, mit einer Trümmerwüste als Schauplatz. Umso wichtiger seien dramaturgische Kunstgriffe gewesen. Herausgekommen ist eine Zeitreise, die einen einschneidenden Moment der Kölner Stadtgeschichte auf neuartige Weise erlebbar macht und 25 Minuten lang zu fesseln versteht.

„Köln 1945“ eignet sich für Besucher und Besucherinnen ab zehn Jahren und wird mit deutscher und englischer Audiospur angeboten. Zu erleben ist die Zeitreise an ausgewählten Tagen bis zum 16. Juli. Tickets kosten 21,90 Euro, ermäßigt 17,90 Euro. Eine Vorabbuchung wird empfohlen. Restkarten sind an der Kasse von TimeRide, Alter Markt 36-42, erhältlich.

www.timeride.de/koeln