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Heike Geißler mit Böll-Preis geehrt„Es ist zu spät, um zu resignieren“

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27.03.2026, Köln: Heike Geißler ist Schriftstellerin. Die Schriftstellerin und Übersetzerin Heike Geißler erhält den Heinrich-Böll-Preis 2025 . Die Verleihung nimmt Bürgermeisterin Derya Karadag vor. Foto: Uwe Weiser

 Heike Geißler wird im Rathaus mit dem Heinrich-Böll-Preis 2025 ausgezeichnet

Bürgermeisterin Derya Karadag ehrt die Schriftstellerin in Vertretung des Oberbürgermeisters mit der höchsten Literaturauszeichnung der Stadt Köln.

Was für ein Comeback für den tiefenentspannten Fischer mit der roten Mütze! Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“, eine Kurzgeschichte zum „Tag der Arbeit“ im Mai 1963, wurde gleich mehrfach zitiert, als nun Heike Geißler die höchste Literaturauszeichnung der Stadt Köln erhielt. Im Rathaus wurde ihr der mit 30.000 Euro dotierte Heinrich-Böll-Preis für ein Werk überreicht, das nach Ansicht der Jury zeigt, „wie Literatur auf den gesellschaftlichen Imperativ der Optimierung und Effizienzsteigerung, der ständigen Produktivität lustvoll, empathisch, subversiv und unerwartet begegnen kann.“

Damit stehe Heike Geißler ganz in der Tradition von Heinrich Böll. Und damit schreibt die Autorin, möchte man hinzufügen, auf ihre Weise die „Anekdote“ vom Fischer fort, der die Vorschläge eines Touristen, wie man noch mehr Geld mit dem Fischfang machen könnte, als Absurdität bloßstellt. Die Geschichte, dies nur am Rande, war 2017 das erste „Junge Buch für die Stadt“ in Köln und der Region.

Der Feind aller Menschen

„Die meisten der gegenwärtigen Ökonomien interessieren sich nicht für den Fischer und seine Art, mit dem Meer in Einklang, in – wie man sagen könnte – beidseitigem Einvernehmen zu leben“, stellte Heike Geißler in ihrer Dankesrede fest. „Die vorherrschenden gegenwärtigen Ökonomien sind Praktiken der Verachtung, sind ignorant und kein bisschen am Wohlergehen aller Lebewesen interessiert. Sie profitieren von Kriegen, schüren sie und sind lebensfeindliche Gegner.“

Der Kapitalismus, den Heinrich Böll einst kritisiert habe, sei „der Feind aller Menschen, selbst derer, die von ihm zu profitieren scheinen“, betonte die 1977 in Riesa in der DDR geborene Schriftstellerin. Es sei schwer, sich das Ende des Kapitalismus vorzustellen, aber leichter, so meinte sie, das Ende des Kapitalismus zu vollziehen. Dabei könnte es hilfreich sein, an die „Anekdote“ vom Fischer zu denken, der nicht zu verlocken war: „Es ist längst und immer noch Zeit zu sagen: Wir wissen genug, wir ändern vieles und im Zweifelsfall nach und nach alles.“ Dann noch ihre feine Losung, die man jeder Protestbewegung voranstellen könnte: „Es ist zu spät, um zu resignieren.“

Oberbürgermeister Torsten Burmester nahm diese erste Böllpreis-Verleihung seiner Amtszeit nicht wahr – wegen eines „unaufschiebbaren Termins in Berlin“, wie Bürgermeisterin Derya Karadag mitteilte. Dass die Stadtspitze dem kulturellen Großereignis fernbleibt, ist völlig unüblich. Aber immerhin waren mit Jürgen Roters und Henriette Reker zwei Amtsvorgänger zugegen. Heike Geißler dankte ausdrücklich der ehemaligen Oberbürgermeisterin, die sie an einem Mittwoch im vergangenen Oktober über die Entscheidung der Jury informiert habe: „Der Anruf sitzt für immer in meinem Herzen.“

In der Ansprache von Torsten Burmester, die Derya Karadag verlas, war von „Demut“ gegenüber dem Werk der Autorin die Rede. Auch wurde im Sinne Heinrich Bölls auf die „Verantwortung“ des Schriftstellers verwiesen, unbequeme Fragen zu stellen und Widersprüche zu benennen. Anknüpfend an die Debatte um die Eingriffe von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der unter anderem drei Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschließen ließ, betonten Burmester/Karadag, wie wichtig es sei, dass die Künste einen Raum haben, in dem sie frei atmen können: „Ohne dass jemand von oben entscheidet, welche Meinung gerade opportun ist und welche nicht. Eine lebendige Demokratie braucht Meinungsvielfalt – nicht Meinungspflege.“ Dafür gab es Szenenapplaus.

Ihr Denken und Schreiben um das Thema Arbeit

Die Laudatio auf Heike Geißler hielt die Literaturkritikerin Insa Wilke, die das Kölner Literaturhaus von 2010 bis 2012 geleitet hat. Die Preisträgerin, sagte Wilke, handele „schreibend in die Welt hinein, indem sie Bestandteile des Friedens in sie hinein flechtet, indem sie Zuversicht und Möglichkeiten in diese Welt hinein erzählt“. Sie sei eine Autorin, „die nichts zwischen die Zeilen schreibt, sondern alles in die Zeilen“. Für die Laudatorin zählen Heike Geißlers Bücher zu jenen, „die standhalten, wenn man die schwierigen einfachen Fragen an sie stellt“.

Noch mehr war über und von Heike Geißler am Vorabend der Verleihung zu vernehmen gewesen. Da trat die Preisträgerin, wie es gute Tradition ist, in der Stadtbibliothek Köln auf. Dem Publikum im Interim sagte sie, dass ihr Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nur zu gut in die Gegenwart zu passen scheine. „Wir sind in einem Zeitalter der Verachtung gelandet“, erklärte sie im Gespräch mit Moderator Mathias Zeiske. Vor diesem Hintergrund sei Bölls Werk „hochaktiv“.

Heike Geißler, das „Arbeiterkind aus der DDR“, sieht sich selbst als Angehörige einer scheinbar elternlosen Generation: „Denn die Eltern mussten arbeiten.“ Wohl auch deshalb kreist ihr Denken und Schreiben um das Thema Arbeit und die damit verbundenen Zumutungen und Überforderungen. Davon ist in ihrem Werk vielfach die Rede – beginnend bei ihrem ersten Roman „Rosa“ von 2002 über „Saisonarbeit“ und „Die Woche“ bis zum Essayband „Arbeiten“ von 2025, den sie ihren Eltern gewidmet hat.

Die erste Würdigung ihrer eigenen Arbeit gab es gleichsam vorab: 2001 erhielt sie den Alfred-Döblin-Förderpreis, überreicht von Günter Grass, für den noch nicht veröffentlichten Roman „Rosa“. Später trat sie zweimal beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt auf. Doch froh wurde sie dort nicht: „Das ist ein zerstörerisches Format.“ Sie wolle sich lieber in einer anderen Sportart messen – ihr gefalle Curling ganz gut, das sie kürzlich im Fernsehen verfolgt habe. Weil aber Klagenfurt nicht alles ist, stellte Heike Geißler grundsätzlich fest, dass sich der Literaturbetrieb „sehr zum Positiven verändert“ habe. Die einst männlich dominierte Szene sei „viel offener, vielfältiger“ geworden.

Dann noch eine schöne Zugabe! Die hatte Heike Geißler im Rollkoffer von Leipzig nach Köln transportiert. Das Publikum der Stadtbibliothek ließ sich nicht lange bitten, um sich bei den mitgebrachten Frageheften zu bedienen, die zu einem Literaturprojekt (mit Hörspiel und Website) gehören. „Fragen für alle“ auf jeweils 48 Seiten. Fragen wie diese: „Haben Sie heute noch viel vor?“, „Ist das noch Ihre Welt?“, „Wer lässt Ihnen keine Wahl?“. Eine Frage kommt dort allerdings nicht vor: Wie geht es weiter im Werk von Heike Geißler? Die Antwort fällt leicht: Der nächste Roman erscheint Mitte Mai. „Michaela Kohlhaas“ wird angekündigt als eine „Überschreibung“ der Kleist-Novelle – mit einer widerständigen Frau im Zentrum.