Ein neuer Prachtband erkundet das römische Praetorium in Köln im Vergleich zu anderen Statthaltersitzen des Altertums.
Archäologische ZoneEin kölnisch-römischer Palast für jeden Anlass

Das Kölner Praetorium ist Gegenstand eines neuen wissenschaftlichen Bands.
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Die Kölner Stadtmitte ist ein Zentrum, nicht allein im räumlichen, sondern vor allem auch im historischen Sinn. Hier steht heute das Rathaus – in früheren Zeiten kamen am selben Ort die mittelalterlichen Stadträte im Bürgerhaus zusammen, und wer noch weiter in die Geschichte zurückgeht, trifft auf den römischen Statthalter in seinem Palast. Otto Doppelfeld grub diese Historie wortwörtlich im Jahr 1953 aus, im Zuge einer großangelegten archäologischen Maßnahme, die neben der Römerzeit auch das jüdische Viertel ans Tageslicht brachte, das 1349 bei einem Pogrom zerstört wurde. Heute wird das gesamte Areal als „archäologische Zone“ bezeichnet, eine historische Collage aus Zeugnissen, die bis in die antiken Ursprünge der Colonia Claudia Ara Agrippinensium zurückreichen.
Zwei Kölner Häuser widmen sich in besonderem Maße dieser reichen Geschichte. Während das Römisch-Germanische Museum eine eingeführte, wenngleich zurzeit auch ausquartierte Institution für die alte Historie ist, entsteht das MiQua gerade neu: Als „Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier“ wird es vom Landschaftsverband Rheinland betrieben, wenn es nach langer Verzögerung seine Ausstellung über dem einstigen mittelalterlichen Viertel in direkter Nachbarschaft zum Rathaus endlich eröffnet. Mit zahlreichen Veranstaltungen, einem Showroom am Alter Markt sowie Publikationen ist das MiQua unter der Leitung von Thomas Otten jetzt schon aktiv, wie zum Beispiel mit einer Tagung zu „Römischen Statthaltersitzen im internationalen Vergleich“, die es gemeinsam mit dem Römisch-Germanischen Museum in dessen Ausweichquartier im Belgischen Haus initiiert hat.
Praetorien waren Paläste, in denen sich die Statthalter auch als Bauherren austobten
Ein aktuelles Ergebnis dieser Zusammenkunft renommierter Forscher ist der Prachtband, der von Christian Gugl (Wien), Zoltán Havas (Budapest), Sebastian Ristow und Alfred Schäfer (beide Köln) herausgegeben wird. Die Namen stehen bereits für drei Orte, an denen das Römische Reich unter vielen anderen seine Statthalter inthronisierte: Neben Köln mit seinem Praetorium waren dies Carnuntum im heutigen Österreich sowie Aquincum in Ungarn. Alle diese Orte wie auch Caesarea Maritima an der israelischen Mittelmeerküste oder Gortyn auf Kreta werden nicht allein in ausführlichen Texten, sondern auch mit zahlreichen Fotografien sowie Grundrissen der Ausgrabungsstätten vorgestellt. Einmal rund ums Mittelmeer und bis hinauf in den europäischen Norden dokumentieren sie das internationale Netzwerk, das nach Ansicht von Alfred Schäfer vom Römisch-Germanischen Museum in Köln eines der markanten Faszinosa des Römischen Reiches ausmacht.
Werner Eck leitet den Band mit einem Aufsatz über die Funktionen ein, die ein Statthalter ausübte: Er sprach Recht und befehligte das Militär, er repräsentierte die Zentralmacht in der Provinz, was sich auch an der Pracht seiner Residenz zeigte, und er war Verwaltungsinstanz. Darüber hinaus aber vertrat er sein Herrschaftsgebiet gegenüber den Göttern, eine Aufgabe, die ihn zu zahlreichen Reisen zwang, auf denen er die Gottheiten an ihrer jeweiligen Kultstätte verehrte.

Das Kölner Praetorium nach dem Weltkrieg.
Copyright: Repro: Michael Bause
Praetorien waren Multifunktionspaläste, in denen sich die Statthalter nicht allein in ihren Aufgaben als Provinzfürsten, sondern auch als Bauherren austobten. Dies zeigt sich nicht allein in einer Rekonstruktion der Anlage von Caesarea, die jedem Reisenden, der sich übers Mittelmeer näherte, vor Augen führte, dass sich Herodes in die Architekturgeschichte einschreiben wollte. Auch Köln verfügte über einen stolzen Herrschersitz mit einer Aula, Bädern, Privatgemächern für den Praetor und Unterkünften für seine Soldaten. Der Palast war reich ausgestattet, wie die Funde von Öfen für Glas und Buntmetall bezeugen – bis hin zur Untersuchung der Baumaterialien reicht die Detailfülle dieses Buches, das sich bei seiner eingehenden Beschäftigung mit Köln nicht allein dem Zentrum, sondern auch einer Vorstadtvilla zwischen Thebäer-, Mechtern- und Vogelsanger Straße im heutigen Ehrenfeld widmet.
Welche Bedeutung die archäologische Zone für Köln als Kulturort besitzt, schildert Thomas Otten, der Gründungsdirektor des MiQua. Indem das Praetorium in den 60er Jahren öffentlich zugänglich gemacht wurde, spielte es nicht mehr nur eine Rolle als archäologischer und historischer Forschungsgegenstand, sondern auch als viel besuchtes Museum. 2021 steigerte sich seine Strahlkraft noch einmal, auch im internationalen Maßstab, als es auf die Liste des Weltkulturerbes gelangte. Mit dem Bau des MiQua erfährt der Ort nun noch einmal eine signifikante Erweiterung und Aufwertung, die sich nicht zuletzt auf den Tourismus auswirken wird, vor allem aber die jüdische Geschichte der Stadt in spektakulärer Weise sichtbar macht. Einen erlesenen Vorgeschmack auf die Zeitreise vom Mittelalter bis in die Antike gibt jetzt schon der vorliegende Band. Und wer das Praetorium in 3-D-Optik erleben möchte, kann dies im MiQua Forum am Alter Markt tun, wo es einen Film und die entsprechende Brille gibt.
„Römische Statthaltersitze im internationalen Vergleich“, hrsg. von Christian Gugl, Zoltán Havas, Sebastian Ristow und Alfred Schäfer, Nünnerich-Asmus-Verlag, 440 Seiten mit 251 Illustrationen, 30 Euro

